Die Fürsten von Awrosch (5/20)

Posted on Dezember 17, 2012

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„Aber trotzdem ist er doch ein Magier.“ So schnell gab Teese nicht auf. „Ich verstehe nicht, warum er nur auf Weltenei Robe und Schärpe trägt und sich hier als Nichtmagier ausgibt.“
Und Nichtmagier, das war Ro nicht nur auf ihrer Reise gewesen, sondern auch als Teese ihn zum ersten Mal außerhalb von Weltenei gesehen hatte, in Thorhafen. Und selbst auf Weltenei verkehrte er mit Nichtmagiern wie mit seinesgleichen. Sie hatte ihn in Lorphitals Gasthaus im Bereich für Nichtmagier gesehen.
„Bisher hattest Du noch nicht als Magierin mit Nichtmagiern zu tun“, sagte Noan. „Auf der Reise warst Du für sie eine von ihnen. Vielleicht beantwortet sich die Frage, wenn Du nun in Schastel Awrosch auf Nichtmagier triffst, die Dich als Magierin wahrnehmen.“
Teese dachte über seine Worte nach. Sie kannte das Verhalten der Angestellten auf Weltenei den Magiern gegenüber. Es war vor allem von einer fast ängstlichen Distanz gekennzeichnet. Und das waren doch wohl alle oder wenigstens zu einem großen Teil Kinder von Magiern.
Sie dachte daran, was Marisan gesagt hatte, als sie nach Thorhafen gefahren waren und sich als Nichtmagier verkleidet hatten. Sie hatte ihr gesagt, dass sie es nicht mochte, wenn man sie mit zu viel Achtung behandelte. Es würde so einfach keinen Spaß machen, hatte sie gesagt. Teese glaubte zwar, dass es Ro nicht um Spaß ging, aber auch er gab sich wohl lieber als Nichtmagier aus, weil es alles einfacher machte. Vor allem, wenn er wirklich Magiekranke suchte. Sicher zogen Nichtmagier lieber einen Nichtmagier als Arzt hinzu als einen Magier. Und davon abgesehen konnte man nicht erfahren, wo jemand krank war, wenn alle zu einem respektvollen Abstand hielten.
„Aber vielleicht solltest Du Ro selbst danach fragen“, schlug Noan schließlich vor, nachdem auch er offenkundig über etwas nachgedacht hatte.
„Das werde ich machen“, entschied Teese. Eigentlich sollte sie ohnehin einmal wirklich mit Ro reden. Es war nur die Frage, ob er ihr Antworten geben würde. „Wo finde ich Ro denn in Schastel Awrosch?“
„Ich denke einmal, er wird zu Dir kommen“, sagte Noan. „Immerhin weiß er, wo Du in der Stadt untergebracht bist.“
Das machte für Teese Sinn. Allerdings kam es ihr seltsam vor, dass sie in derselben Stadt sein sollten und sie keine Ahnung hatte, wo er war. So als wäre er tatsächlich ein Nichtmagier und somit nicht Ihresgleichen. Dabei war das doch absolut lächerlich. Dieses ganze Getue um Magier und Nichtmagier war es.
„Siehst Du die Türme dort drüben?“
Noan wies mit seiner linken Hand schräg nach vorne. Dort zeichnete sich ein breiter Streifen eines dunklen Graus in der Dämmerung des Abends ab. Teese benötigte einen Augenblick, bis sie verstand, was dieser Strich war. Dies war die Stadtmauer von Schastel Awrosch. Sie hatte die Stadt einmal in Ros Erinnerungsschiffen gesehen und einmal in jenem von Dekanin Iva. Beide Male hatte sie auf dieser Mauer gestanden und hinab geblickt. Sie hatte gewusst, die Mauer war hoch, aber erst jetzt wurde ihr klar wie hoch.
Die Stadtmauer von Schastel Awrosch war höher als alle Häuser, die dahinter lagen. Von außen war die Stadt praktisch nur eine riesige Mauer mit einem breiten Wassergraben um sie herum. Deswegen hatte Teese von der Brücke aus auch keine Lichter sehen können.
Eine Ausnahme bildeten drei Türme links in der Stadt. Der höchste von ihnen war jener in der Mitte. Von ihm sah Teese ein gutes Stück in den Himmel ragen, während von dem Turm links von ihm gerade einmal die Dachspitze zu sehen war und von jenem auf der anderen Seite der oberste Stock und das spitz zulaufende Dach.
Der Turm in der Mitte war offenkundig rund und verengte sich nach oben. Kurz unter dem Dach jedoch war ein rechteckiges Stockwerk aufgesetzt worden, aus welchem in vielen schmalen Schlitzen goldenes Licht fiel. Ein wenig sah es aus wie ein Leuchtturm, den man hinter einer Burgmauer mit vielen Schießscharten verborgen hatte.
„Das sind die drei Wächter“, sagte Noan. „Die Türme der Magier von Schastel Awrosch. Du kannst sie von überall in der Stadt sehen. Sie bilden das Zentrum des Coligats.“
„Was ist das Licht dort oben?“, wollte Teese wissen.
„Das ist der Kristallspiegel“, antwortete der Direktor bereitwillig. „Jedes Coligat besitzt einen. Es sind Nachbildungen des großen Kristalls im Magieturm von Weltenei.“
„Der große Kristall?“ Teese hörte zum ersten Mal davon.
„Er befindet sich im siebten Stock der Bibliothek.“
„Oh.“ Das erklärte, warum Teese noch nie davon gehört hatte. Der siebte Stock war dem Magier mit der violetten Schärpe vorbehalten. Dort standen Bücher, welche nur er einsehen durfte und offenkundig der große Kristall, was auch immer es damit auf sich hatte. Teese brauchte die Frage danach allerdings nicht zu stellen, denn Noan klärte sie bereitwillig auf.
„Die Kristallspiegel ermöglichen die direkte Kommunikation der Coligate untereinander. In Zeiten einer Bedrohung steht ein Magier Tag und Nacht dort oben, um mögliche Nachrichten der anderen Coligate zu empfangen oder von Weltenei. Dort ist allerdings nur ein einziger Magier in der Lage, Nachrichten zu empfangen oder zu senden.“
„Der Dekan“, sagte Teese und beeilte sich zu korrigieren, „oder ein anderer Träger der violetten Schärpe.“
„Ja. Leider macht es das System nicht allzu effizient, denn der Träger der violetten Schärpe hat in Zeiten einer Bedrohung andere Aufgaben, als den ganzen Tag den Kristall im Blick zu behalten.“
Das war in der Tat ein Problem. Teese war zwar nicht ganz klar, was Zeiten der Bedrohung für Magier sein mochten, aber sie verstand, dass Dekan Ezzo in einem solchen Fall sicherlich nicht ständig vor diesem Kristall sitzen konnte. Ob sich ihm deswegen alle Magister offenbarten, damit sie ihn im Notfall über die Gedankenrede erreichen konnten?
„Allerdings ist die eigentliche Funktion des Kristalls in Weltenei auch eine andere“, lenkte Noan Teeses Gedanken in eine andere Richtung. „Er war nie dazu gedacht als eine Art Telefon zu fungieren.“
„Sondern?“, wollte Teese neugierig wissen.
„Er übermittelt Bilder“, sagte Noan. „Von entfernten Orten, die für Weltenei von Interesse sind. Du als Dekananwärterin solltest Dekan Ezzo danach fragen, wenn es Dich interessiert. Vielleicht darfst Du einmal einen Blick darauf werfen, bevor Du die violette Schärpe trägst.“
Teeses Magen zog sich unwillig zusammen. Die violette Schärpe war ein Ziel, von dem sie annahm, dass sie es nie erreichen würde. Sie würde ohne Frage Liina vorbehalten bleiben. Liina an magischem Wissen jemals zu übertreffen und somit an magischem Können, das war vollkommen unmöglich. Damit hatte sich Teese schon lange abgefunden.
Allerdings erwartete man es wohl stillschweigend von einer Dekanin, dass sie diese Schärpe tragen würde – auch wenn nicht jeder Hüter der Quelle auch Träger der violetten Schärpe gewesen war, wie sie wusste.

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