Die Fürsten von Awrosch (4/20)

Posted on Dezember 14, 2012

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Sie alle waren in Begleitung ihrer Seelentiere gekommen. Der japanisch aussehende Magister hatte einen weißen Falken auf seiner Schulter sitzen, der ungeduldig wippte und Teeses Blick noch mehr auf sich zog als die Tiere, welche in der Luft über den Magiern ihre Kreise flogen und die sie nur zu gut kannte.
Es waren fünf Drachen, die genauso unterschiedlich waren wie die Exemplare, welche über Weltenei hinweg glitten. Alle fünf waren recht groß, aber obwohl sie alle flogen, besaßen nur zwei von ihnen Flügel, der eine wie die eines Vogels, der andere wie die einer Fledermaus. Zwischen den Drachen segelte ein Flügelpferd in stoischer Ruhe wie ein Raubvogel, der in einer Thermik kreiste, ohne mit den Flügel schlagen zu müssen und dennoch seine Höhe zu halten.
„Teese?“
Eilig senkte Teese ihren Blick von den Seelentieren über den Köpfen der Magier. Lizentiat Noan schmunzelte leicht. „Wir wollen gehen.“
„Oh… okay.“
Magister Recken hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und Teese und Lizentiat Noan reihten sich direkt dahinter ein. Die übrigen Magier folgten ihnen immer zwei nebeneinander, was Teese an ihre Aufstellung im Pausenhof ihrer Grundschule denken ließ. Nur dass sich die Magier nicht an den Händen hielten, wie sie es in der Schule immer getan hatten.
„Wenn wir nach Schastel Awrosch kommen“, sagte Noan mit gesenkter Stimme zu ihr, „wird der Magisterrat zusammen kommen. Magister Nivien wird Dich zum Appartement des Dekans bringen, in welchem Du während Deines Aufenthalts in Schastel Awrosch wohnen wirst.“
Appartement des Dekans? Das klang nach einer ganzen Wohnung für Teese.
„Dein Drache ist dort bereits untergebracht worden“, informierte sie Noan weiter.
„Und Ro?“, wollte Teese wissen.
„Er hat sein Quartier vermutlich irgendwo in der Stadt.“
„Nicht im Coligat?“, hakte Teese nach, ob sie es richtig verstanden hatte.
„Nein. Er ist offiziell kein Magier“, sagte Noan.
Das irritierte Teese. In Weltenei lebte er doch auf dem Inselberg. „Aber er ist ein Magier“, wandte sie ein. „Er kann Magie wirken, er besitzt ein Seelentier und“ – fügte sie nach kurzem Zögern hinzu – „er trägt auf Weltenei Robe und Schärpe.“
„Ro ist ein etwas spezieller Fall“, sagte Noan und Teese bemerkte, wie er sich Zeit gelassen hatte, diese Formulierung zu wählen.
„Warum?“ Teese wurde bewusst, dass sie dies wirklich nicht wusste. Nun, sie wusste, dass Ro Dekan Roath gewesen war, der einst mächtigste Magier der Welt. Und sie wusste, dass der Magisterrat sein Seelentier vernichtet hatte und seine Magie freigesetzt worden war bis auf einen winzigen Rest, welchen Dekanin Winna in seine Aura-Kugel gegeben hatte. Nur deswegen hatte Ro den gesamten Vorgang überhaupt überlebt.
Er hatte danach nicht einmal ein Seelentier besessen. Wann er dieses bekommen hatte und wie genau dies geschehen war, wusste Teese nicht, auch wenn sie so ihre Vermutungen dazu angestellt hatte. Aber was war sein eigentlicher Status? Er trug die Robe und die Schärpe eines Kandidaten. Aber ein Kandidat war er doch überhaupt nicht, oder doch?
„Er ist ein besonderer Fall, weil er seine Magie nicht in sich trägt.“
„Aber er hat ein Seelentier“, beharrte Teese.
„J-ein“, wich Lizentiat Noan aus. „Auch sein Seelentier ist ein spezieller Fall.“
„Weil von seiner Magie nur ein winziger Teil darin ist“, sagte Teese. „Ohne die Magie von Dekanin Winna und“ – sie entschied ihre Hypothese vorzubringen, einfach um zu sehen, wie der Direktor darauf reagieren würde – „ohne die Magie von Magister Nabi wäre es nicht genug für ein Seelentier gewesen.“
Teese entging nicht die Bestürzung in Lizentiat Noans Gesicht. „Du weißt davon?“
„Eigentlich nicht“, gab Teese offen zu. „Also ich weiß, dass nur noch ein Teil von ihm darin ist und Magie von Dekanin Winna. Das mit Magister Nabi habe ich mir gedacht, weil…“
„Nein“, unterbrach Noan sie. „Das meine ich nicht. Ich meine, dass Du weißt, wer Ro… war.“
„Dekan Ro…“ Teese unterbrach sich selbst, bevor Noan eine abwehrende Geste machen konnte.
Dekan Ezzo hatte ihr gesagt, dass es keine gute Idee war, seinen vollen Magiernamen auszusprechen. Er würde dadurch an Macht zurückgewinnen hatte er gesagt. Allerdings war sich Teese nicht ganz schlüssig, wie das funktionieren sollte. Und irgendwie fürchtete sie dies zudem nicht so sehr wie wohl Dekan Ezzo.
Sie mochte Ro noch immer nicht gerne. Aber sie hatte sich an ihn gewöhnt. Ro war Ro. Und selbst wenn er wieder ein Magier wäre, würde er wohl kaum… oder doch? Was wusste Teese schon, was Ro tun würde und was nicht?
„Hat er Dir gesagt, wer er ist?“, wollte Noan wissen.
„Ro? Nein.“ Aber er wusste, dass Teese es wusste und ihr wurde bewusst, dass er und Liina bisher die einzigen gewesen waren, welchen dies bekannt gewesen war.
„Dekan Ezzo?“, hakte Noan nach.
Teese schüttelte den Kopf. „Ich habe es durch Zufall herausgefunden.“ Eigentlich war es natürlich Liina gewesen, aber stillschweigend waren sie darin übereingekommen, ihr Wissen mit niemandem zu teilen.
„Dann weißt Du auch, dass er nicht mehr über Magie verfügt wie Du oder ich“, sagte Noan, ohne weiter nachzufragen. „Er kann mit seinem Seelentier nur einen Bruchteil seiner Magie wirken, denn ein Großteil davon ist ihm fremd. Ihm wurde die weiße Schärpe zugeteilt, aber er wird nie wieder eine andere tragen.“

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