Die Fürsten von Awrosch (3/20)

Posted on Dezember 10, 2012

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Zusammen legten sie die wenigen Meter über die Wiese zur Straße zurück. Die Gruppe der Magier war über ihr Auftauchen offenkundig nicht überrascht, allerdings wurde angeregt diskutiert, bis Teese und Noan näher gekommen waren.
Etwas Kleines in Schwarz und Weiß kam Teese entgegen gehoppelt und obwohl Noan ihr bereits versichert hatte, dass ihr Seelentier Wohlauf sei, war Teese doch erleichtert, Fleck wieder bei sich zu haben.
‚Hast Du gewusst, dass man hier überhaupt nicht zwischen den Welten wechseln kann?‘, wollte das Kaninchen zur Begrüßung wissen.
Teese hob Fleck hoch und verstaute ihr Seelentier sorgsam in seiner Transporttasche. Jetzt in der Gegenwart von Magiern musste es sich allerdings nicht verbergen, so dass es neugierig seinen Kopf aus der Tasche steckte.
‚Noan hat es mir gesagt als er mich abgeholt hat‘, sagte Teese. ‚Davor hatte ich keine Ahnung. Du hast es auch nicht gewusst, oder?‘
‚Nein‘, gab das Kaninchen zu. ‚Ich bin schließlich nicht allwissend. Ich habe gespürt, dass die Welt hier genauso dünn ist wie um Weltenei herum. Es fällt hier nur nicht so auf, weil der Gegensatz zur Quelle der Welten nicht vorhanden ist, aber wenn man genau auf die Magie lauscht, kann man es bemerken.‘
Das machte für Teese nur zum Teil Sinn. ‚Im Gegensatz zur Quelle der Welten?‘, hakte sie nach.
‚Du weißt doch, wie das bei einem richtigen Sturm ist‘, versuchte Fleck zu erklären. ‚In der Mitte hast Du einen ruhigen Punkt, während um ihn herum der Sturm tobt und der Regen peitscht.‘
Das kannte Teese. Sie war schließlich auf dem Land aufgewachsen und schon mehr als einmal richtig nass geworden. Erst regnete es etwas, dann schüttete es und dann kam eine Regenpause. Doch nach dieser regnete es noch einmal richtig heftig. Erst wenn alles vorüber gezogen war, war das Unwetter wirklich vorbei.
‚Und die Quelle der Welten ist wie das Auge eines Sturms?‘, wollte sie wissen, noch immer nicht sicher, ob sie ihr Seelentier richtig verstanden hatte.
‚Auf Weltenei ist die neue Welt so solide, wie sie nur sein kann‘, sagte Fleck. ‚Aber im Umkreis um die Insel ist die Welt dünn und unbeständig und deswegen kann man dort zwischen den Welten wechseln.‘
Teese dachte darüber nach. Eigentlich hätte sie erwartet, dass die Welt an der Quelle der Welten am dünnsten sein müsste. Schließlich waren die Welten dort voneinander getrennt worden.
‚Das ist wie bei einem Beinbruch‘, erklärte Fleck. ‚Wenn er verheilt, dann ist das Bein an der gebrochenen Stelle am stabilsten. Und so ist die Quelle der Welten der stabilste Ort. Sie ist zwar in gewisser Weise der Ursprung für die dünne Welt um sie herum. Aber sie und ihr direktes Umfeld sind sehr solide.‘
‚Und warum ist die Welt dann hier dünn?‘, wollte Teese wissen. „Hier sind wir meilenweit weg von der Quelle der Welten.“
‚Das ist genau die Frage, die sich all diese Magier hier stellen‘, sagte Fleck, während sie auf die Straße traten und die Gruppe der Magier erreichten. ‚Ob die Welt hier schon vorher dünn war, oder ob Du sie irgendwie dünn gemacht hast, als Du in die alte Welt gegangen bist.‘
Das erklärte auf alle Fälle die neugierigen Blicke, welchen sich Teese jetzt ausgesetzt sah. Dabei hätte sie den Magiern aus tiefstem Herzen versichern können, dass sie damit nichts zu tun hatte. Das wäre eine besondere Leistung gewesen, zu welcher es bestimmt ein ausgeprägtes Talent und viel Können in der Magie benötigte. Und Teese war weder überdurchschnittlich talentiert, noch wusste sie mehr über Magie als man es von einer durchschnittlichen Schülerin ihres Jahrgangs erwarten würde.
„Guten Abend, Magister Recken“, begrüßte Noan den zuvorderst stehenden Magier.
Der dunkelhäutige Magier in seiner schwarzen Robe wirkte auf Teese elegant und irgendwie aristokratisch. Die dicken dunklen Haarsträhnen sahen aus wie unzählige Seile, welche Magier und Kleidung miteinander verbanden.
„Guten Abend, Lizentiat Noan.“ Magister Recken besaß eine tiefe und ruhige Stimme. Bestimmt hätte er einen hervorragenden Märchenerzähler oder Vorleser abgegeben.
Seine dunklen Augen blickten Teese an und auch hier entging Teese nicht die Ruhe, die er ausstrahlte. „Guten Abend, Dekananwärterin Teese.“
„Guten Abend, Magister Recken“, beeilte sich Teese zu sagen.
„Dekan Ezzo hat uns über Eure Ankunft informiert“, fuhr Magister Recken fort und sein Blick galt wieder Noan, was Teese die Möglichkeit gab, seine Begleiter neugierig zu betrachten.
Magister Nivien nickte ihr kurz zu und lächelte überschwänglich warmherzig. Die übrigen Magier, fast alle waren Magister, hatten ihre Aufmerksamkeit auf die Unterhaltung zwischen Magister Recken und Noan gerichtet.
Neben Magister Recken konnte Teese drei weitere dunkelhäutige Magier ausmachen. Einer sah hingegen eher Magister Jerv ähnlich und war somit vermutlich Japaner oder Chinese. So genau kannte sich Teese da nicht aus.
Eine Frau hatte mongolische Gesichtszüge aber erstaunlicher Weise feuerrote Haare, was Teese an Magister Nabi denken ließ. Neben ihr stand eine kleine, stämmige Frau mit einem langen schwarzen Zopf und südländischem Aussehen. Teese entschied, dass sie noch kein magisches Erscheinungsbild besaß, da sie zudem ein recht hässliches Muttermal über dem linken Mundwinkel besaß und eine gebogene Hakennase.

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