Die Fürsten von Awrosch (2/20)

Posted on Dezember 7, 2012

0


***

„Hier war es.“
Sophie blickte die Straße hinunter, die jetzt am frühen Abend schon wieder fast genauso aussah wie heute am frühen Morgen. Die Dunkelheit war heraufgezogen noch bevor die Sonne wirklich untergegangen war. Restaurants, Bistros und Läden hatten schon lange Licht gemacht und die Reklamewand beim Zigarettenladen leuchtete so strahlend wie bei Sophies Ankunft.
Direktor Hoffmann blieb neben Sophie stehen und blickte wie sie die Straße hinunter. Sophie musterte die Straße genau, die sie entlang gekommen war, als sie die Welten gewechselt hatte. Die Straße war eine glatte, schwarze Asphaltbahn, auf welcher Autos fuhren. Doch ein Stück vor Teese sah der Asphalt gezackt aus und deutlich heller, ein wenig wie unzählige Igelborsten.
Teese lief langsam weiter und konnte dunkle Grashalme ausmachen, welche ebenso dort waren wie der dunkle Asphalt. Es sah aus wie zwei Bilder, die man übereinander gelegt hatte.
„Hier ist schon etwas Wiese“, sagte sie zu Direktor Hoffmann.
Er war ihr gefolgt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und neugierig Sophies Schritte verfolgend.
„Und die Häuser werden durchsichtig.“ Sie deutete nach links. „Hier zum Beispiel. Wenn ich noch weiter gehe…“
Sie lief langsam weiter. „Dort vorne kann man jetzt dunkle Wolken sehen.“
Die waren über dem französischen Himmel in der alten Welt nicht zu sehen gewesen. Ebenso wie die Bäume, die sich dahinter abzeichneten, weit hinten am Horizont, wo eigentlich die französische Kleinstadt liegen sollte.
„Mach weiter“, forderte Direktor Hoffmann Sophie auf.
Sie nickte. Ein wenig hatte sie befürchtet, dass es so sein würde, wie er erwartet hatte und dass der Übergang zwischen den Welten für sie nur einmal existiert hatte oder nur in eine Richtung. Doch dem war nicht so. Es war noch alles da. Sie musste nur weiter gehen.
Und genau das tat Sophie auch. Straße, Autos, Häuser und Passanten verschwammen zu vagen Schemen als bestünden sie aus dünner Klarsichtfolie. Mit jedem Schritt gab es mehr Gras und weniger Straße.
Der Fluss zu Sophies linker Hand begann zu rauschen. Die neue Welt verdrängte die alte und unvermittelt stand Teese wieder auf der grünen Aue mit hohem Gras. Auf der einen Seite war der Fluss, den sie auf der Brücke in der Nacht überquert hatte, auf der anderen Seite die Straße, die nach Schastel Awrosch führte.
Einige der Laternen am Wegesrand waren entflammt, denn mehrere Menschen standen dort auf dem Weg und sahen in Teeses Richtung.
„Keine Sorge“, erklang die vertraute Stimme des Direktors hinter Teese. „Magister Gaban schickt uns ein Empfangskomitee – oder genauer gesagt, Dir.“
Teese wandte sich um. Offenkundig war er ihr ohne größere Probleme in die neue Welt gefolgt. Und wie sie eigentlich erwartet hatte, hatte er sich dabei nicht im Geringsten verändert. Er war immer noch ein älterer Herr mit weißen, an den Schläfen leicht gelockten Haaren, mit schmaler Goldbrille und zahlreichen Falten im Gesicht, die Spuren eines langen Lebens.
Was sie nicht erwartet hatte war, dass sich sein dunkler Mantel über seinem grauen Anzug in der neuen Welt als Magierrobe entpuppte. Es war eine lange dunkle Robe wie sie jeder Magier hier tragen würde. Quer über sie gestreift war eine grüne Schärpe.
Einen Moment war Teese überrascht, denn das hieß, dass der Direktor nicht nur Magier war, sondern zudem Lizenziat. Und das hieß, dass er viele Jahre auf Weltenei gelebt hatte und seine Abschlüsse bis auf den letzten, den Magister-Abschluss mit der blauen Schärpe, gemacht hatte. Doch dann musste er aus irgendeinem Grund die alte Welt der neuen vorgezogen haben. Immerhin lebte er doch wohl in der alten Welt. Auf Weltenei hatte Teese ihn nie gesehen.
Aber sie wusste unvermittelt seinen magischen Namen, ohne dass er ihn ihr hatte sagen müssen. So wie sie in der neuen Welt ganz selbstverständlich Teese war und nicht Sophie, so war er nicht mehr Walther Hoffmann, sondern Lizenziat Noan.
Langsam wandte Teese ihren Blick von ihm ab und sah zu den Magiern auf der Straße, welche keine Anstalten machten, zu ihnen zu kommen. Jetzt, da sie wusste, wen sie dort zu erwarten hatte, erkannte sie auch Magister Nivien, die Frau von Magister Gaban. Ihre kurzen blonden Locken waren unverkennbar, aber die Laterne neben ihr erhellte genügend von ihrem hübschen herzförmigen Gesicht, dass Teese sie auch so erkannt hätte.
Allerdings stand Magister Nivien eher am Rande der Gruppe. In ihrem Zentrum stand ein dunkelhäutiger Magier, dessen lange Haare in dicken Strähnen über seine Schultern fielen und den Teese nicht kannte.
„Das ist Magister Recken“, sagte Lizenziat Noan, der Teeses Blick gefolgt war. „Er ist der Älteste von Schastel Awrosch. Gehen wir zu ihnen, um Dich mit den Magiern von Schastel Awrosch bekannt zu machen.“

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements