Die Fürsten von Awrosch (1/20)

Posted on Dezember 3, 2012

0


„Das ist… ungewöhnlich.“
Lizentiat Rehan setzte die kleine Schildkröte vorsichtig auf dem Schreibtisch des Dekans ab und rieb nachdenklich seine Hände ineinander.
Magister Algea sah den kahlen Pförtner fragend an, so dass dieser sich genötigt sah, der jungen Frau das zu erklären, was er hatte spüren können, als er Rinnirs Seelentier in den Händen gehalten hatte.
„Er hat ein praktisch hohles Seelentier geschaffen. In seinem Inneren ist nur eine halbe Schildkröte.“
„Das erklärt, warum sie keinen Schwanz hat“, stellte Magister Algea fest.
Als neue Tutorin von Rinnir, war sie dem Gespräch im Dekanat hinzugezogen worden. Auch wenn sie anders als Rehan das Seelentier nicht anders betrachten konnte als jeder andere Magier. Für sie sah das Seelentier aus wie ein normales Tier, wenn man einmal davon absah, dass die Schildkröte keinen Schwanz bekommen hatte und zwei ihrer Beine in die falsche Richtung zeigten.
Rehan als Pförtner und Tiermagier der seltenen Art – nämlich jener, die Tiere nicht mochte und daher ihre gesamte Magie ganz unbewusst auf das Verstehen von Menschen anwendete – nahm die Schildkröte hingegen vollkommen anders wahr. Er konnte in ihr Inneres blicken und was er gesehen hatte, hatte ihn überrascht, auch wenn Dekan Ezzo ihm vorher gesagt hatte, was er vermutlich zu erwarten hatte.
Der Rinnir, welcher im letzten Schulhalbjahr nach Weltenei gekommen war, hatte ein leeres Seelentier geschaffen, das nur die Hälfte der Masse besaß, die man von außen eigentlich vermutete. Wofür er so viel Platz frei gelassen hatte, war nun, da man wusste, dass dieses Halbjahr sein Zwillingbruder nach Weltenei gekommen war, offenkundig.
„Er hat ein Seelentier für sich und seinen Bruder geschaffen.“ Magister Algea glaubte, dass sie in Bezug auf Rinnir inzwischen gar nichts mehr überraschen konnte. Erst hatte ihr neuer offiziell talentloser Schüler ein Talent gezeigt. Dann hatte sie erfahren, dass er nicht der Junge war, der im letzten Schuljahr Rinnir gewesen war, sondern sein Bruder. Und jetzt dieses hohle Seelentier.
„Ja, nur will sich mir nicht erschließen, wie er sich vorgestellt hat, dass sein Bruder die andere Hälfte befüllen soll.“ Rehan wirkte ehrlich ratlos.
„Im Prinzip ist dies verhältnismäßig einfach“, schaltete sich Dekan Ezzo in die Unterhaltung ein.
Der Dekan von Weltenei hatte am Fenster gestanden und zugesehen, wie Lizentiat Rehan die Schildkröte genauer untersucht hatte. „Das Seelentier muss in eine Aura-Kugel zurücktransformiert werden und diese dann mit der Magie des zweiten Jungen befüllt werden, damit er erneut ein Seelentier für sie beide daraus formen kann.“
„Gibt es einen Präzedenzfall dafür?“, erkundigte sich Rehan.
„Nein. Jedenfalls nicht direkt“, sagte der Dekan. „Allerdings wissen wir, wie man ein Seelentier in Magie auflöst.“
Magister Algea schauderte. „Wie beim namenlosen Dekan“, flüstere sie.
„Aber das setzte seine Magie frei“, wandte Rehan ein. „Das Seelentier wurde vernichtet.“
Dekan Ezzo nickte. Als einziger der drei wusste er ganz genau, was damals geschehen war, als der Magisterrat Roaths Seelentier vernichtet und dem einst mächtigsten Magier seine Magie genommen hatte. Und nur er wusste, welch abscheulicher Vorgang dies gewesen war. Die Erinnerung an das, was er damals als junger Dekananwärter in dem entsprechenden Erinnerungsschiff gesehen hatte, hatte sich tief in sein Gedächtnis eingegraben.
„Ja, das Seelentier wurde vernichtet und nur die leere Aura-Kugel blieb übrig“, sagte er. „Aber Dekanin Winna hat einen Rest davon abgezogen und wieder in die Kugel gefüllt. Es war nicht genug für ein Seelentier aber prinzipiell wäre es möglich, ein Seelentier aufzulösen, die Magie aufzufangen und wieder in die Aura-Kugel zu füllen.“
„Das klingt jetzt recht einfach…“, setzte Rehan ungläubig an.
„Aber es hat einen Haken“, gab Dekan Ezzo zu. „Es ist mit unglaublichen Schmerzen für den Magier verbunden.“
„Dann ist es für uns keine Option“, stellte Magister Algea entschieden fest.
„Wenn der Magier in der neuen Welt ist nicht“, stimmte Dekan Ezzo dem zu. „Aber der Junge ist in der alten Welt. Theoretisch dürfte er von dem Vorgang überhaupt nichts mitbekommen. Einzig und alleine verliert er alles Wissen an die neue Welt während das Seelentier nicht-existent ist.“
Einen Moment herrschte Schweigen im Raum. Dann meldete sich Rehan wieder zu Wort. „Das heißt, wir werden es versuchen?“
Dekan Ezzo wandte sich um und blickte aus dem Fenster. Der Himmel über Weltenei war grau und wirkte kalt und stürmisch. Auf den Dächern den Inselberg hinunter lag Raureif. Die einzigen Farbtupfer bildeten die Drachen, die über den Köpfen ihrer Magier ihre Kreise drehten und jeder so vollkommen anders aussah als die übrigen. Sie zu betrachten war für Dekan Ezzo eine fast schon meditative Beschäftigung, wenn er über die Lösung eines Problems nachdachte.
„Wir werden es versuchen“, bestätigte er Rehan schließlich. Immerhin sah er keine andere Möglichkeit, wenn sie nicht ein neues junges Talent an die alte Welt verlieren wollten.

***

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements