Zwischen Magiern und Nichtmagiern (18/18)

Posted on November 30, 2012

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„Du hast versucht umzukehren?“, hakte er nach. „Wieso?“
Sophie zuckte mit den Schultern. „Ich habe mir Sorgen um die anderen gemacht. Um mein Seelentier und um Ro. Ich wollte sie nicht alleine zurücklassen.“
Direktor Hoffmann nickte. „Das war sehr anständig von Dir. Dann wird es Dich beruhigen zu erfahren, dass alle wohlbehalten Schastel Awrosch erreicht haben. Dein Drache ist kurz nach Deinem Wechsel in die alte Welt eingetroffen und hat sowohl Ro als auch Eure beiden Seelentiere mitgenommen.“
„Keiner wurde verletzt?“
„Keiner von Deiner Gruppe“, sagte Walther Hoffmann. „Die Schärgen haben wohl einige Verbrennungen davongetragen.“
Er bemerkte Sophies alarmierten Gesichtsausdruck und fügte eilig hinzu, „Aber niemand ist ums Leben gekommen. Ein Suchtrupp, der gleich nach Dir losgeschickt wurde, hat zwei Verletzte aufgegriffen. Die anderen sind entkommen.“
„Suchtrupp?“ Sophie war irritiert. Fleck hatte doch gewusst, wo sie war und er hatte es bestimmt Nanu gesagt, der… Sophies Gedanken stockte. Weder Fleck noch Nanu konnten natürlich mit Ro sprechen.
Nanu hätte sicher Yophus in Weltenei mitteilen können, wo sie war. Yophus hätte es Magister Nabi erzählen können und die hätte… Hätte sie? Sophie war unschlüssig. Sie wusste, dass Ro und Magister Nabi einst in enger Beziehung zueinander gestanden hatten, aber ob sie heute noch miteinander in Gedanken sprachen? Ro wirkte auf Sophie sehr verschlossen und Magister Nabi gegenüber äußerst ablehnend.
Vermutlich hatte somit niemand Ro darüber informieren können, was mit ihr geschehen war. Natürlich hatte er in Schastel Awrosch Bericht erstattet und Magister Gaban hatte einen Suchtrupp losgeschickt.
„Ro hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Dich zu finden“, bestätigte Direktor Hoffmann ihr. „Er ist nicht ganz freiwillig mit Deinem Drachen nach Schastel Awrosch geflogen.“
Sophie konnte sich vorstellen, was das hieß. Vermutlich hatte Nanu kurzen Prozess gemacht und sich Ro einfach geschnappt. Gegen einen Drachen konnte sich niemand wehren. Er war größer, stärker und magischer als jedes andere Lebewesen der neuen Welt.
„Alle waren sehr erleichtert, als Dekan Ezzo sie über Deinen Aufenthaltsort unterrichtet hat“, fuhr Walther Hoffmann fort. „Der Vorfall hat selbst unter den Nichtmagiern die Runde gemacht. Ich weiß, dass es nicht Deine Absicht war, aber Du hast Dir in Schastel Awrosch bereits einen Namen gemacht. Anscheinend kursieren bereits die wildesten Gerüchte über Dich. Nicht nur, dass Du die zukünftige Dekanin von Weltenei bist, sondern auch dass Du mit bloßen Händen einen wilden Drachen gezähmt hättest und ihm befohlen hast, Deine Gegner zu vernichten, während Du Dich selbst dieser Welt entrückt hast.“
Sophie klappte der Mund auf. „Oh.“ Das klang genauso abenteuerlich wie das, was der Bänkelsänger über Dekan Roath erzählt hatte. Ob es über sie dann auch einen bebilderten Vortrag geben würde? Nanu würde sicherlich ein gutes Motiv abgeben. Sophie konnte es sich bildlich vorstellen und es gefiel ihr überhaupt nicht.
„Das heißt, meine Tarnung als Nichtmagierin…“, begann sie.
„…musst Du nicht mehr aufrecht erhalten, wenn wir nach Schastel Awrosch kommen“, vervollständigte der Direktor den Satz.
Sophie ließ die Schultern hängen. Dekan Ezzo würde darüber sicher nicht erfreut sein. Sinn und Zweck ihrer Reise war es immerhin gewesen, die Welt der Nichtmagier als Nichtmagierin zu erkunden und nicht zu einer berühmten Magierin zu werden.
„Sofern wir überhaupt nach Schastel Awrosch kommen.“ Direktor Hoffmann zückte seine Geldbörse und winkte der Bedienung. „Es ist gut möglich, dass es keinen Weg von hier zurück gibt.“
Sophie hatte darüber noch nicht weiter nachgedacht, auch wenn der Direktor es natürlich bereits erwähnt hatte. „Und wenn es keinen gibt?“
„Dann machen wir einen kleinen Ausflug in die Bretagne ans Meer und nehmen den regulären Weg nach Weltenei.“
Damit wäre ihre Reise dann vorzeitig beendet. Sophie hoffte sehr, dass dies nicht der Fall sein würde. Sie hatte gedacht, es würde ganz einfach werden, von der alten Welt in die neue zurück zu gelangen. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass es rein theoretisch noch nicht einmal möglich sein sollte, den anderen Weg zu gehen, wenn man sich nicht auf Weltenei befand.
Direktor Hoffmann bezahlte und stand auf. Sophie schulterte ihren Rucksack und folgte ihm nach draußen auf die Straße.
„Dann zeig mir einmal, wo Du in die neue Welt gelangt bist“, sagte er zu ihr und überließ es Sophie, in welche Richtung sie nun zu gehen hatten. „Dann werden wir sehen, ob es für Dich hier einen Weg zurück gibt und ob die Magier ihre Geschichtsbücher neu schreiben müssen.“

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