Zwischen Magiern und Nichtmagiern (17/18)

Posted on November 27, 2012

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Sophie schlief bis in den späten Nachmittag hinein, als das Telefon klingelte. Noch etwas desorientiert richtete sie sich auf und griff nach dem Hörer. Am anderen Ende der Leitung war die Dame von der Rezeption, die ihr mitteilte, dass Direktor Hoffmann eingetroffen sei und in der Empfangshalle warten würde.
Sophie zog sich eilig an, band ihren Zopf neu und spritzte sich ein wenig Wasser ins Gesicht. Das musste für heute als Morgentoilette genügen. Sie fühlte sich erstaunlich ausgeschlafen und ausgeruht, als sie mit dem Aufzug nach unten fuhr, um den Direktor ihres Elite-Internats in der Empfangshalle zu treffen.
Walther Hoffmann saß auf einem der blauen Polstersessel, die in der Hotel-Lobby standen und las leicht nach vorne gebeugt in einer Tageszeitung. Er hatte das Blatt gefaltet, so dass Sophie die erste Seite sehen konnte. In großen Lettern stand dort ‚Die Welt‘, wenngleich vermutlich in Französisch.
Sophie fand es immer noch bemerkenswert, dass sie in der alten Welt gleich zwei Fremdsprachen beherrschte, ohne sie jemals gelernt zu haben. Zum einen verstand sie Französisch und zum anderen Englisch. Bisher war ihr noch nicht klar, wieso dem so war, außer, dass es irgendetwas mit Magie zu tun hatte.
Vielleicht – so spekulierte sie selbst – verwandelten sich Dinge, die sie auf Weltenei lernte in etwas, von dem jeder annahm, dass sie dies auf ihrem Elite-Internat lernen würde. Ihre Eltern waren jedenfalls sehr davon angetan gewesen, etwas, das Sophie reichlich peinlich war, denn sie hatte für diese Kenntnisse nichts dazutun müssen. Sie beherrschte die Sprachen einfach und das sogar so gut, dass sie den Artikel auf der ersten Seite sicherlich problemlos hätte lesen und verstehen können.
Er handelte von irgendeinem Streik in Frankreich, von dem Sophie in der neuen Welt nichts mitbekommen hatte, wie von vielen anderen Dingen, die in der alten Welt geschahen. Die Zeitung wurde zusammengeschlagen, bevor Sophie mehr als die Überschrift lesen konnte und Direktor Hoffmann erhob sich.
„Guten Tag, Sophie.“ Er reichte Sophie die Hand.
„Guten Tag, Herr Direktor.“ Sophie schüttelte seine Hand.
Die Dame an der Rezeption sah interessiert zu ihnen herüber, konnte aber vermutlich nicht verstehen, was sie miteinander sprachen.
„Hast Du etwas geschlafen?“, wollte Walther Hoffmann von Sophie wissen.
Sie nickte. „Ja.“
Während er weitersprach, fiel ihr auf, dass er im Gegenzug nicht allzu ausgeschlafen aussah. Vermutlich hatte sie seinen Tagesablauf gehörig durcheinander gebracht. Wo er wohl gewesen war, als sie in seinem Büro angerufen hatte?
„Um die Ecke ist ein nettes, ruhiges Bistro“, sagte er. „Ich weiß nicht, wie es mit Dir aussieht, aber ich habe noch nichts zu Mittag gegessen und würde gerne ausführlich von Dir hören, wie es Dir ergangen ist, bevor wir aufbrechen.“
„Okay.“ Sophie hatte außer dem Salami-Baguette immerhin auch noch nichts gegessen und war dem Vorschlag daher nicht abgeneigt.
Direktor Hoffmann bezahlte Sophies Zimmer und bedankte sich bei der Dame von der Rezeption, bevor er und Sophie das Hotel verließen. Sie überquerten den Bahnhofsvorplatz und schlugen den Weg in die Straße ein, aus welcher Sophie gekommen war.
Das Bistro, von welchem der Direktor gesprochen hatte, war klein und vollgehängt mit Photografien in Schwarz-Weiß. Sophie folgte Walther Hoffmann zu einem kleinen Tisch vorne am Fenster, von welchem aus man den Raum gut überblicken konnte.
Der Blick in die Speisekarte ließ Sophie etwas ratlos angesichts der französischen Küche zurück. Direktor Hoffmann riet ihr schließlich zu Galette mit Schinken und Käse, wobei es sich um eine Art herzhaften Crêpe handelte. Noch bevor die Bedienung das Essen brachte, begann Sophie mit ihrem Bericht.
Das Bistro war zwar gut besucht, aber nicht überfüllt. Um sie herum waren noch Tische frei und im allgemeinen Hintergrundlärm aus lebhafter Unterhaltung, dem Klappern von Kaffeetassen und einem französischen Chanson, der im Radio lief, ging ihre Unterhaltung vollständig unter, so dass Sophie problemlos von ihrer Reise mit Ro erzählen konnte, ohne dass sich ihre Worte für die Ohren von Nichtmagiern in ganz andere Dinge verwandelten.
Das besondere Interesse des Direktors galt Sophies Schilderung ihrer Begegnung mit den Schärgen des Grafen und ihrem Übertritt in die neue Welt.
„Damit hast Du uns alle ziemlich überrascht“, erklärte Direktor Hoffmann ihr, nachdem sie ihre Erzählung beendet hatte. Er sah sie über den Rand seiner Brille hinweg fast ein wenig amüsiert an. „Du verstehst nicht warum, nicht wahr?“
Sophie schüttelte den Kopf. „Nein. Warum?“
„Sicher hast Du inzwischen gelernt, wie die neue Welt erschaffen wurde.“
Sophie nickte.
„Dann weißt Du, dass Dekan Zeni sie direkt in Weltenei von der alten Welt abgespalten hat“, sagte der Direktor. „Eine Welt mit Magie und eine ohne Magie. Die Quelle der Welten ist der Ort, welcher sie verbindet. Das ist der Grund, warum man um Weltenei herum zwischen den Welten wechseln kann. Es ist die Nahtstelle, welche nicht vollständig geschlossen werden konnte. Das gesamte Meer um Weltenei ist durchlässig und ermöglicht den Wechsel zwischen den Welten. Und es ist der einzige Ort auf den beiden Welten, an welchen dies möglich ist.“
„Oh.“ Sophie wusste nicht, was genau sie dazu sagen sollte. „Aber ich bin hier…“
Er lachte. „Ja. Das ist offenkundig. Du hast anscheinend irgendeine besondere Fähigkeit, welche Dir den Wechsel ermöglicht hat.“
„Ich… weiß nicht.“ Sophie war das irgendwie peinlich. „Ich habe nichts Besonderes gemacht.“
„Meinst Du, Du könntest den Weg zurück genauso finden wie den Weg hierher?“
Sophie konnte die Anspannung bei seinen Worten hören. Für sie war es keine besondere Leistung gewesen, in die alte Welt zu gelangen. Es war genauso wie der Wechsel zwischen den Welten vor Weltenei. Aber anscheinend war es vorher noch niemandem gelungen. Sie hatte etwas getan, was nicht sein konnte. So als könnte sie durch Wände gehen oder fliegen.
„Keine Ahnung“, gab Sophie etwas zögerlich zurück. „Ich habe auf halben Weg versucht umzukehren. Da wäre es mir sicher gelungen. Aber als ich hier war, habe ich es nicht versucht.“ Sie war ein wenig verunsichert.

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