Zwischen Magiern und Nichtmagiern (15/18)

Posted on November 19, 2012

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Zu ihrem Glück hatte außer ihr zu dieser frühen Stunde niemand ein Bedürfnis danach, diese Telefonzelle zu benutzen, so dass sie in ihr bleiben konnte und einfach warten.
Nach einer gefühlten Viertelstunde klingelte tatsächlich das Telefon und Sophie hob mit klopfendem Herzen ab. „Hallo?“
„Hallo, Dekananwärterin Teese?“ Die Stimme am anderen Ende erkannte Sophie dieses Mal sofort. Sie hatte den Direktor von Weltenei zwar nur einmal persönlich getroffen, aber dennoch war er ihr in Erinnerung geblieben. Ein alter Herr mit einer eleganten Brille mit Metallrahmen und schlohweißen Haaren, die sich an den Schläfen zu Locken kringelten. Er hatte auf Sophie sehr nett gewirkt, sehr kompetent und sehr selbstsicher. So stellte sie sich einen Fabrikbesitzer vor oder eben einen Schuldirektor. Jemand, der etwas zu sagen hatte.
„Ja.“
„Du bist in der alten Welt?“
Seiner Stimme konnte man die Irritation anhören. Natürlich hatte er Sophie wie alle anderen Schüler in der neuen Welt gewähnt. Vielleicht wusste er nicht einmal, dass sie Weltenei verlassen hatte.
„Ja. Ich war mit Ro unterwegs nach Schastel Awrosch und vor der Stadt sind wir von Schärgen des Grafen…“ Sophie suchte nach dem passenden Wort. „Sie haben uns aufgelauert und wollten…“ Was genau hatten sie eigentlich gewollt?
„Also, ich glaube, sie suchen noch immer einen jungen Magier und wollten daher herausfinden, ob ich eine Magierin bin. Sie haben mich auf die Statue einer Dekanin schwören lassen und als ich die Wahrheit sagen musste, hat Ro gesagt, ich solle davonlaufen. Ich habe einen magischen Nebel erzeugt…“
Sophie wollte sich nicht mit fremden Federn schmücken und fügte eilig hinzu, „Mit Schriftmagie, die mir Liina mit auf den Weg gegeben hat. Und so konnte ich ihnen erst einmal entkommen und vor Schastel Awrosch konnte ich in die alte Welt wechseln, was ich dann gemacht habe, weil ich dachte, sie könnten mir hierher vielleicht nicht folgen.“
Das allerdings konnte eigentlich nicht sein, weil es sich bei ihnen um Magiernachwuchs der ersten Generation handelte, jene Kinder von Magiern, die auch als Ruderer vor Weltenei arbeiteten, weil sie zwischen den Welten wechseln konnten, anders als Nichtmagier.
Sophie wandte sich, den Hörer ans Ohr gepresst, um und spähte aus der Telefonzelle. Draußen brach die Morgendämmerung an. Viele Menschen waren unterwegs, doch keiner davon trug irgendwelche ungewöhnlichen Roben. Es waren alles ganz normale Menschen, die für einen ganz normalen kalten Tag im Winter angezogen waren.
„Du bist in die neue Welt gewechselt?“
Von all dem, was Sophie gesagt hatte, schien dies das zu sein, was Direktor Hoffmann am anderen Ende der Leitung am bemerkenswertesten fand. Nicht die Tatsache, dass sie mit Ro unterwegs gewesen war, nicht der Überfall der Schärgen des Grafen oder Liinas Schriftzauber. Nein, es war alleine ihr Wechsel in die neue Welt.
„Ja.“
„Einfach so?“
„Äh, ja.“
„Das ist… interessant.“
Sophie war ein wenig aus dem Konzept gebracht. „War das… falsch?“
„Nein. Ganz und gar nicht“, wehrte Direktor Hoffmann ab. „Hast Du versucht, zurückzukehren?“
„Nein.“ Sophie verwirrte die Frage. „Soll ich zurück?“
Er zögerte kurz mit einer Antwort. „Nein. Besser wäre es, Du würdest auf mich warten. Ich bin ohnehin auf der Rückreise und werde Dich unterwegs abholen. Das wird allerdings sicher bis in die Nachmittagsstunden dauern.“
„Okay.“
Sophie sah sich bereits den halben Tag irgendwo in der Stadt warten. Zu ärgerlich, dass sie nicht einmal Geld hatte, um irgendwo etwas zu essen. Sie hatte durchaus Hunger und die Müdigkeit begann an ihr zu nagen. Sie hatte vollkommen aus den Augen verloren, wie viele Stunden sie jetzt bereits auf den Beinen war.
„Pass auf, Teese“, sagte Direktor Hoffmann eindringlich. „Am Bahnhof gibt es ein Hotel, in dem unsere Quäsitoren öfter übernachten. Ich werde dort anrufen und Dir ein Zimmer reservieren. Meinst Du, Du findest den Bahnhof?“
Sophie überlegte kurz und nickte dann. „Ja, bestimmt.“
Sicher würde sie jemanden fragen können und ein Bahnhof war in der Regel auch ausgeschildert. Das dürfte nicht so schwer sein.
„Im Hotel musst Du nur sagen, dass Direktor Hoffmann für Dich angerufen hat. Ich werde ihnen sagen, dass Du später zur Schule anreisen musstest und Deinen Anschlusszug verpasst hast.“
Sophie musste grinsen. Das klang sehr nach ihrer eigenen Erklärung als sie die Passanten um Geld gebeten hatte.
„Ruhe Dich im Hotel aus. Bestell Dir etwas zu Essen, sieh ein wenig Fern oder schlafe etwas. Aber lasse niemanden ins Zimmer, den Du nicht kennst.“
„Ehm, ja. Klar. Mache ich.“
Das war doch wohl selbstverständlich. Sie war doch keine fünf Jahre alt.
„Gut, wir sehen uns dann heute Nachmittag.“
„Ja. Alles klar“, sagte Sophie, als ihr siedend heiß noch etwas einfiel. „Nein, halt“, beeilte sie sich zu sagen. „Ro. Also ich wollte eigentlich Hilfe holen.“
„Ich werde umgehend Dekan Ezzo über die Vorgänge unterrichten“, versprach der Direktor. „Er kann Magister Gaban kontaktieren und Hilfe aus Schastel Awrosch anfordern – wenn sie denn wirklich benötigt wird. So wie ich Ro kenne, kommt er gut alleine klar. Er ist ein herausragender Schwertkämpfer.“
„Ich weiß“, erwiderte Sophie. „Aber die Schärgen hatten magiegeladene Schwerter bei sich.“
„Keine Sorge“, beruhigte Direktor Hoffmann Sophie. „Ich bin mir sicher, dass Ro nichts geschehen wird. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.“
Das klang in Sophies Ohren merkwürdig beruhigend. So als wüsste der Direktor etwas, das Sophie noch verborgen war. Ein wenig klang es als wäre der Zeitpunkt, an welchem Ro sterben sollte, bereits bekannt. Ob es eine Prophezeiung gab?
„Wir sehen uns dann heute Nachmittag im Hotel.“
„Gut.“
„Bis dahin.“
„Auf Wiedersehen, Direktor Hoffmann.“
Sophie hängte den Hörer auf die Gabel und verließ die Telefonzelle. Draußen vermischte sich das Licht der Straßenlaternen mit dem ersten Hellblau oder besser gesagt wolkigem Hellgrau des Himmels. Sophie atmete tief durch, während die Anspannung von ihr abfiel. Jetzt hatte sie alles getan, was sie hatte tun können.

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