Zwischen Magiern und Nichtmagiern (14/18)

Posted on November 16, 2012

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„Brauchst Du Geld?“
Ein älterer Junge in einem quietsch-grünen Anorak mit Eskimokapuze hatte Sophie von der Seite angesprochen. Er hatte sich ein umgeschlagenes Kopftuch als Stirnband um die halblangen schwarzen Haare gebunden und trug selbst bemalte weiße Turnschuhe. Er sah verwegen aus aber gleichzeitig eher als würde er von einer Faschingsveranstaltung kommen als aus dem ganz normalen Alltag.
„Hier, ich gebe Dir ein paar Centime.“
Er kramte in seiner Hosentasche und drückte Sophie ein paar Münzen in die Hand. Eine davon entpuppte sich zwar als Knopf und ein paar Stofffussel waren auch dazwischen, aber anscheinend war es tatsächlich Geld, auch wenn Sophie die Münzen fremd vorkamen. Bisher war sie durch Frankreich praktisch immer nur durchgereist und hatte nie das landestypische Geld dabei gehabt.
„Äh, danke“, rief sie ihm hinterher, während er bereits die Straße überquerte.
Er hob seine Hand und winkte nach hinten, ohne sich umzudrehen. Irgendwie wirkte das lässig. Sophie fragte sich, wer er war und warum er offensichtlich nicht auf dem Weg zur Schule war, obwohl er sicherlich nur wenig älter war als sie, vielleicht in Amins und Icus‘ Alter.
Der Junge verschwand im Bistro auf der anderen Straßenseite und Sophie ging zur Telefonzelle. Da sie die Nummer des Büros von Doktor Hoffmann natürlich nicht wusste, musste sie zuerst die Auskunft anrufen. Sie hoffte, dass ihr Geld dafür ausreichen würde. Wieviel musste man überhaupt in eine Telefonzelle einwerfen, um einen Anruf tätigen zu können? Zu Hause hätte sie dafür 30 Pfennige gebraucht, aber hier?
Sophie hob den Hörer ab, lauschte kurz auf das Freizeichen und warf dann die Hälfte der Münzen ein, die der Junge ihr gegeben hatte. Sie wählte die Nummer der Auskunft und wartete doch etwas nervös, dass ihr Anruf angenommen wurde.
Dann meldete sich am anderen Ende der Leitung eine Männerstimme. Es dauerte nur kurz und der nette Mann von der Auskunft hatte die Nummer für sie gefunden. Er verband sie sogar weiter, wies sie aber darauf hin, dass es sich um ein Auslandsgespräch handeln würde.
Sophie zögerte kurz und warf vorsichtshalber zwei weitere Münzen ein. Dann ging am anderen Ende der Leitung auch schon jemand ans Telefon. Allerdings war es nicht Doktor Hoffmann, sondern ein Mann, den Sophie nicht kannte. Sie brauchte einen Moment, bis sie verstand. Sie war natürlich nicht mit dem Direktor selbst verbunden worden, sondern der Pförtner vorne am Eingang war ans Telefon gegangen.
„Hallo, hier ist Sophie Loebel“, begann sie und überlegte fieberhaft, was sie jetzt sagen sollte. Soviel sie wusste, bestand das Personal im der Verwaltung des Internats nicht nur aus Magiern. Vielmehr arbeiteten dort viele ganz normale Menschen aus der alten Welt. Dem Pförtner könnte sie somit überhaupt nichts über den Überfall der Schärgen des Grafen erzählen.
„Ich gehe auf Ihre Schule“, entschied sich Sophie spontan dafür, in diesem Fall einfach möglichst wenig zu sagen, „und ich müsste Doktor Hoffmann sprechen.“ Sie zögerte kurz. „Es ist wichtig und ich rufe aus einer Telefonzelle an.“
„Der Direktor ist zurzeit leider nicht im Haus“, sagte der Pförtner und versetzte Sophie dadurch einen Schreck. Ihr schöner Plan, hier Hilfe zu holen, platzte wie eine Seifenblase.
„Aber“, fuhr der Mann fort, „wenn es wichtig ist, könnte ich versuchen, ihn anderenorts zu erreichen, damit er Dich zurückrufen. Worum geht es denn?“
Sophies Gedanken rasten. Was sollte sie sagen? „Es gab einen, äh, Zwischenfall mit einem Lehrer, mit dem ich zurzeit unterwegs bin und ich…“
„Wo bist Du denn zurzeit?“, unterbrach der Pförtner sie.
„Also eigentlich… ich weiß das nicht so genau. Irgendwo in Frankreich“, sagte Sophie. Sie hätte vielleicht erst einmal fragen sollen, in welchem Ort sie sich gerade befand und nicht gleich nach Geld fragen.
„Du sagtest, Du bist in einer Telefonzelle?“
„Ja.“
„Kann man Dich zurückrufen?“
„Äh…?“ Sophie verstand nicht, worauf er hinaus wollte. „In einer Telefonzelle?“
„Manche Telefonzellen kann man anrufen. Aber ich bräuchte die Nummer.“
„Oh.“ Sophie war verblüfft. Man konnte in einer Telefonzelle zurückgerufen werden? Gab es so etwas in Deutschland auch?
„Moment.“ Sie sah sich in der Telefonzelle hektisch um, nur um festzustellen, dass die Nummer ganz oben auf der Tafel stand, auf welcher die Notfallnummern notiert waren. Sie gab die Nummer durch und der Pförtner versprach ihr, sie gleich zurück zu rufen, wenn er den Direktor erreicht hätte.
Sophie hängte den Hörer auf und wartete.

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