Zwischen Magiern und Nichtmagiern (13/18)

Posted on November 13, 2012

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Der Unterschied zu der Welt, die sie soeben verlassen hatte, hätte krasser nicht sein können. Eben noch war sie mitten in der Wildnis gewesen. Sie war umgeben gewesen von einer Auenlandschaft mit Gras und dem nahen Fluss. Jetzt war das einzige Wasser, das sie sehen konnte, ein dreckiges Rinnsal, das die Straße hinunter und in den nächsten Gulli lief und das Gras war einer asphaltierten Straße gewichen und einem Gehweg mit Pflastersteinen, auf welchem Sophie einfach weiter lief.
Die Weite der Landschaft war der Enge der Häuser gewichen und die Stille der Natur dem Hupen von Autos und dem Trubel der morgendlichen Pendler. Nicht einmal das Dunkel der Nacht war dasselbe. Die Straße, welche Sophie hinunter lief, war mit Straßenlaternen hell erleuchtet. Viele Geschäfte hatten bereits geöffnet, so ein kleiner Supermarkt und ein Bistro, durch dessen Glasfassade das Licht die Straße fast taghell wirken ließ.
Sophie warf einen Blick über ihre Schulter, doch außer Menschen in Winterkleidung konnte sie niemanden sehen. Niemand in schwarzen Roben folgte ihr. Sophie verlangsamte ihre Schritte und entspannte sich etwas.
Sie war den Schärgen in die alte Welt entkommen. Somit befand sie sich nun in keiner Gefahr mehr. Aber was sollte sie jetzt machen? Erneut sah sie zurück. Am einfachsten wäre es wohl, wenn sie einfach bis zum Sonnenaufgang warten würde und dann zurück in die neue Welt gehen. Oder würden die Schärgen dort auf sie warten?
Und was war mit Ro? War er ihnen entkommen oder benötigte er Hilfe? Fleck kam vermutlich alleine zurecht. Da hatte das Kaninchen sicherlich Recht gehabt. Aber Ro? Würden die Schärgen ihn gefangennehmen? Oder hatten sie an ihm überhaupt kein Interesse? Anscheinend hatten sie es doch auf sie abgesehen, oder?
Trotzdem wäre Sophie behaglicher, wenn sie irgendwie Hilfe holen könnte. Doch hier in der alten Welt war sie nicht in der Lage in Gedanken zu Dekan Ezzo Kontakt aufzunehmen. Und in dieser Stadt kannte sie niemanden, den sie um Hilfe hätte bitten können.
Eine Telefonzelle fiel Sophie ins Auge, die auf der anderen Straßenseite stand. Sie hatte zwar kein Geld aber sicher könnte sie sich von irgendjemandem Geld für einen Anruf leihen. Nur wen sollte sie anrufen, der ihr helfen könnte? Ihre Eltern kamen wohl nicht in Frage, ebensowenig wie die Polizei.
Es müsste jemand sein, der um die neue Welt wusste und da fiel Sophie im Moment nur eine einzige Person ein: Doktor Hoffmann, der Vorstand der Stiftung, welche das französische Eliteinternat finanzierte, das Weltenei in den Augen ihrer Eltern war. Er hatte ein Büro in Luxemburg und ein Telefon. Und vielleicht konnte er Dekan Ezzo irgendwie erreichen oder Magister Gaban aus Schastel Awrosch.
Sophie überquerte die Straße und hielt auf die Telefonzelle zu. Sie sah anders aus als die knallgelben Telefonzellen zu Hause, was Sophie aber nicht wunderte. Es war schließlich eine französische Telefonzelle. Sie war grau und wirkte recht unscheinbar. Aber sie funktionierte mit Sicherheit nicht anders als eine deutsche Telefonzelle.
Der Telefonapparat hatte einen Hörer, eine Wählscheibe, einen Schlitz für das Kleingeld und eine Ausgabe für das Restgeld. Sophie griff hoffnungsvoll hinein, da sie aus Erfahrung wusste, dass oft Münzen beim Einwurf durchfielen, die der Automat nicht erkannte. Wenn derjenige, der das Geld eingeworfen hatte, das nicht bemerkt hatte, dann lagen die Münzen noch immer dort.
Allerdings hatte Sophie kein Glück und das Fach war leer. Also musste sie wohl oder übel jemanden auf der Straße nach Geld fragen. Das war ihr zwar unangenehm, aber ihr blieb nichts anderes übrig. Warum hatte sie kein Geld aus Weltenei mitgenommen, das sich in der neuen Welt sicher in die hier übliche Münzwährung verwandelt hätte?
Sophie musterte die Passanten nach jemandem, der ihr vielleicht Geld leihen würde. Sie versuchte es als erstes bei einer Frau, die einen Kinderwagen schob. Sie wirkte nett und hatte selbst Kinder. Sophie überlegte kurz, was sie sagen sollte und nahm dann ihren ganzen Mut zusammen.
„Entschuldigung“, sprach Sophie sie an. „Ich habe meinen Bus verpasst. Haben Sie vielleicht Kleingeld für mich, damit ich zu Hause anrufen kann?“
Die Frau sah sie nur kurz an und wandte dann eilig den Blick wieder nach vorne. Sie kniff die Lippen zusammen als wolle sie auf keinen Fall etwas sagen, schüttelte den Kopf und eilte davon.
Als nächstes versuchte Sophie ihr Glück bei einem älteren Mann, der aus dem Tabakladen kam, vor welchem die Telefonzelle stand. Er ignorierte sie zwar nicht, verneinte aber etwas steif ihre Frage.
Und auch die nächsten Passanten wollten ihr kein Geld zum Telefonieren geben. Das stimmte Sophie etwas ratlos. Immerhin war sie doch ein liebes und nettes Mädchen mit bravem Zopf und…
Sophie betrachtete sich in der Schaufensterscheibe des Tabakladens. Sie trug noch immer dieselbe Kleidung wie in der neuen Welt. Einen gebraucht wirkenden Mantel, eine dunkle Hose und abgewetzte Schuhe. Sogar der Rucksack, dessen Gewicht Sophie langsam zu spüren begann, sah noch genauso abgenutzt aus wie vorher.
Sophie benötigte einen Moment, um zu verstehen, warum sich ihre Kleidung nicht an die alte Welt angepasst hatte, nicht zu einem Anorak, Cordhose und Moonboots geworden war und ihr Rucksack nicht zu einem Schulranzen. Es waren keine magischen Kleidungsstücke. Hätte sie eine Robe getragen, wäre das mit Sicherheit anders gewesen. Aber so sah sie vermutlich eher aus wie eine kleine Landstreicherin als wie ein braves Schulkind.

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