Zwischen Magiern und Nichtmagiern (12/18)

Posted on November 9, 2012

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Der Nebel um sie herum war so dicht, dass Teese nicht einmal ihre Hand gesehen hätte, hätte sie ihren Arm vor sich ausgestreckt gehalten. Sie konnte den Boden nicht sehen und nichts um sie herum. Der magische Nebel hatte alles verschluckt. Alleine in ihrem Kopf existierte noch das Bild, wie die Umgebung um sie herum aussah.
Sie rannte nach vorne, wo zwei der Schärgen den Weg auf die andere Flussseite blockiert hielten. Teese konnte sie nun nicht mehr sehen und war unsicher, ob sie noch dort standen, wo sie eben gestanden hatten oder ob sie sich bewegt hatten, vielleicht sogar um ihr den Durchbruch unmöglich zu machen.
‚Links. Links‘, meldete sich Flecks Stimme aufgeregt und Teese zögerte nicht, sondern machte mitten im Lauf einen Satz nach links.
Unvermittelt tauchte die niedrige Brüstung der Brücke in ihrem Blickfeld auf, verschwommen im Weiß des Nebels aber immerhin erkennbar. Rechts davon leuchtete das strahlende Rot einer magisch aufgeladenen Waffe, welche Fleck gespürt haben musste.
Teese passierte den Schärgen, ohne dass er sie hätte sehen können. In ihrem Rücken hörte sie die Rufe der Männer im dichten Nebel. Vor ihr hingegen begann sich der Nebel zu lichten. Aus dem Weiß tauchten die Umrisse der Brücke auf mit den letzten beiden sie flankierenden Statuen. Vor Teese schälten sich aus dem sich verflüchtigenden Weiß die nächtlichen Schatten der Landschaft auf der anderen Seite des Flusses.
Teese hatte sie bereits genauer betrachtete, als sie sich der Brücke genähert hatten und schon da war ihr selbst in der Dunkelheit ein besonderes Merkmal der Landschaft aufgefallen, das für sie jetzt ein Problem darstellte: Die Landschaft war flach und baumlos.
Es gab nichts, wo sich Teese hätte verstecken können. Sobald die Schärgen die Brücke und somit den Nebel hinter ihr verlassen hätten, würden sie Teese wieder sehen können und sicher schnell einholten. Vor allem, wenn sie auf der Straße bleiben würde.
Ein Stück vor Teese leuchtete bereits die nächste Laterne auf, die ihr mit ihrer Magie den Weg beleuchten sollte. Eilig rannte Teese von der Straße nach links in die grasbewachsene Aue. Die Laterne verlosch wieder und die Dunkelheit verwischte Teeses Spuren mehr oder weniger. Allerdings war sie trotz der Dunkelheit mit Sicherheit noch gut zu erkennen.
‚Nanu ist schon unterwegs‘, informierte Fleck Teese über eine mögliche Fluchtmöglichkeit. ‚Aber sie braucht noch ein paar Minuten.‘
So lange musste Teese es also irgendwie alleine schaffen. Wenn es doch wenigstens irgendetwas gegeben hätte, hinter dem sie sich hätte verbergen können. In der alten Welt hätte sie solche Probleme mit Sicherheit nicht gehabt. Teese wusste nicht genau, was sich an dieser Stelle dort befand, aber mit ziemlicher Sicherheit keine Wildnis.
In der alten Welt waren die Flüsse begradigt, meist führten Straßen direkt an ihnen entlang, die von einer Stadt zur nächsten verliefen. Dort würde es parkende Autos geben, hinter welchen sich ein Kind problemlos ungesehen bewegen konnte, Dinge wie ein Zeitungskiosk, eine Bushaltestelle oder eine Litfas-Säule. Und es wären Menschen unterwegs, die jetzt zu dieser frühen Stunde missmutig auf dem Weg zur Arbeit wären.
Teese wünschte sich unvermittelt in dieser Menge aus Menschen untertauchen zu können. Sie würde nicht mehr sein als ein unauffälliges Kind, von dem jeder annahm, dass es auf dem Weg zur Schule war.
Ein Stück vor Teese leuchtete im Dunkel eine weitere Laterne auf. Teese war viel zu irritiert davon, um ihre Schritte zu verlangsamen oder stehen zu bleiben. Sie näherte sich doch auf keinen Fall wieder der Straße und doch war dort eine Straßenlaterne zu sehen. Sie war nicht an einen niedrigen Stock gehängt wie jene auf der Straße nach Schastel Awrosch, sondern es war eine richtige Straßenlaterne, die von hoch oben die Straße beleuchtete. Es war ein fahles Licht im morgendlichen Dunkel.
Teese konnte weitere Lichter sehen, als sie weiter lief. Eine Leuchtreklame für eine Zigarettenmarke strahlte über einem kleinen Laden. Eine Häuserfront tauchte aus der Dunkelheit auf. Erst bestand sie nur aus kaum sichtbaren Strichen und matten Mauern, die leicht durchsichtig waren und die dahinterliegende Landschaft noch zeigten. Doch mit jedem Schritt wurden die Häuser solider und realer.
‚Teese. Das ist die alte Welt‘, rief Fleck erfreut aus.
Teese verstand nicht im Geringsten, wie dies möglich war. Aber ihr Seelentier hatte Recht. Das dort vor ihr war eine Stadt in der alten Welt. Das Gras unter Teeses Füßen wurde mit jedem Schritt fester und verwandelte sich zu einem gepflasterten Gehweg. Parkende Autos zeichneten sich ab. Ihre Konturen wurden mit jedem Schritt deutlicher erkennbar. Die Landschaft vor Schastel Awrosch verschwand.
Genau so sah es aus, wenn man von Weltenei in die alte Welt übersetzte oder aus der alten Welt nach Weltenei hinüber. Es gab einen Punkt, an welchem beide Welten sich überlappten. Man war nicht mehr richtig in der einen und noch nicht richtig in der anderen. Hier konnte sie zwischen den Welten wechseln, auch wenn sie noch nie von einem Ort gehört hatte, an dem das möglich war, außer eben auf dem Meer vor Weltenei.
‚Schnell dorthin‘, drang Flecks Stimme an Teeses Ohr. ‚Da bist … Du … sich…‘
Teese blieb entsetzt stehen. Sie verlor ihr Seelentier. Die Stimme verschwamm wie bei einer schlechten Telefonverbindung in einem kalten Rauschen. Eilig wandte sie sich um.
‚Nein.‘ Fleck war jetzt wieder gut zu verstehen. ‚Du musst dorthin. Nur da bist Du sicher vor ihnen.‘
‚Aber Du kannst nicht mitkommen‘, wandte Teese ein.
‚Egal.‘ Flecks Worte sprudelten eilig aus dem Kaninchen hervor. ‚Ich bin für sie nur ein Kaninchen. Sie wissen nicht einmal, dass ich ein Seelentier bin, geschweige denn Deins. Sie werden in mir nicht mehr sehen als ein aufgescheuchtes Tier. Keine Sorge. Wenn Du wieder zurück kommst, haben wir uns sofort wieder.‘
Teese blickte durch die sich überlagernden Bilder der zwei Welten zu der Brücke in der neuen Welt. Sie war in dichten Nebel gehüllt, aus dem mehrere Gestalten herausgerannt kamen. Es war keine Frage, wer diese in dunkle Roben gehüllten Menschen waren. Die Schärgen deuteten in ihre Richtung und rannten weiter.
‚Schnell‘, drängte Fleck Teese.
‚Gut, aber sei vorsichtig‘, mahnte Teese ihr Seelentier, bevor sie sich endgültig von der neuen Welt abwandte und in die alte Welt hinein rannte.
Es dauerte nur wenige Augenblicke und Sophie befand sich im morgendlichen Treiben einer französischen Kleinstadt wieder.

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