Zwischen Magiern und Nichtmagiern (11/18)

Posted on November 5, 2012

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„Du machst es ihnen viel zu einfach“, mischte sich die Stimme hinter der Statue wieder ein.
Teese versuchte sie sich einzuprägen, um sie wieder zu erkennen, falls sie dem Sprecher jemals wieder begegnen sollte. Sie ging nicht davon aus, dass er ihnen freiwillig sein Gesicht zeigen würde. Wenn sie Glück hatten, ließ man sie gleich ihres Weges ziehen und Teese würde von dem Meister nicht mehr als seine Stimme gehört haben.
Allerdings hatte er keine besonders auffällige Stimme und keine ausgefallene Sprechart. Er klang recht normal für ihre Ohren. Er hatte keinen Akzent oder eine ungewöhnlichen Tonfall. Seine Stimme klang laut und fest. Die Stimme eines erwachsenen Mannes. Nichts an ihr stach besonders hervor, außer dass sie Autorität ausstrahlte.
„Mädchen, bist Du eine Magierin?“
Es war seltsam. Teese geriet nicht in Panik. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr Herz vor Schreck einen Aussetzer machen würde oder sich in ihr Unruhe breit machte. Sie nahm einfach zur Kenntnis, dass sie vor Dekanin Vela nun doch ihr Geheimnis enthüllen musste und das obwohl Ro recht klug versucht hatte, dies zu umgehen. Aber der Meister ließ sich nicht so einfach täuschen wie Efraim.
Sie hob ihre Hand wieder empor zu der Weltscheibe, welche die Dekanin ihr förmlich entgegen hielt. Noch bevor sie aber den durch zahllose Berührungen schwarz gefärbten Stein erreichte, wandte sich Ro an sie.
‚Sobald Du die Wahrheit gesprochen hast, läufst Du los.‘
Teese hielt überrascht inne. Ro sprach zu ihr in Gedanken. Nie hatte er dies vorher getan. Ehrlich gesagt hatte sie nicht einmal geglaubt, dass er dies könnte. Sie selbst hätte nicht mit ihm sprechen können, denn er war für sie verschlossen. Er war kein Vertrauter, im genauen Sinn des Wortes.
Sie tat was er sagte, sie versuchte von ihm zu lernen, was er ihr zeigte, aber ihre Gedanken teilte sie nicht mit ihm. Wie es in seinem Inneren aussah, wusste sie nicht. Er war ihr einfach nicht vertraut – und Dekan Roath, da war sich Teese sicher, wollte sie lieber auch gar nicht so gut kennen.
‚Laufe nach rechts über die Brücke. Die beiden Schärgen werde ich aufhalten.‘
Teese brauchte einen Moment, um den Inhalt seiner Worte zu begreifen. Zu sehr war sie überrascht von der Tatsache, dass Ro überhaupt mit ihr in Gedanken sprechen konnte. Dekan Ezzo hatte es nicht gekonnt, sondern hatte sich ihr offenbaren müssen. Es war kein Zeichen von großem magischen Können, sondern von Vertrauen. Und das beschämte Teese insgeheim, denn sie konnte dieses Vertrauen nicht erwidern, jedenfalls nicht aus tiefstem Herzen. Dass Davonlaufen jetzt gleich eine gute Idee sein würde, verstand sie allerdings schon.
Allerdings hatte sie nicht vor, davonzulaufen und Ro alleine mit den Schärgen zurückzulassen. Sie hatte die mit Magie aufgeladenen Schwerter gesehen. Ro würde ihnen sicher nicht Stand halten können. Zu gut erinnerte sie sich daran, wie sie ihn zum ersten Mal mit Magister Pim beim Schwerttraining gesehen hatte.
Der Lehrer für Waffenführung hatte versucht, Ro zu provozieren, selbst Magie für den Kampf zu nutzen und hatte sein Schwert mit Magie aufgeladen. Ro hatte den Schlag nicht blocken können, denn er hatte keine Magie nutzen können.
‚Vielleicht hat er sie nur nicht nutzen wollen‘, mischte sich Fleck in Teeses Gedanken.
‚Möglich‘, gab Teese zu. ‚Trotzdem will ich lieber sicher gehen.‘
Teese berührte mit ihrer Hand die Weltenscheibe. Teese öffnete ihren Mund, „Ja, ich bin eine Magierin.“
Sie ließ den Schärgen keine Zeit, aus ihrem Geständnis die nötigen Folgerungen zu ziehen. Blitzschnell griff sie in ihre Robentasche und holte den obersten von Liinas Schriftzaubern hervor. Sie zog an den Enden der rosafarbenen Schleife, die sich öffnete. Der Zettel entfaltete sich und die Magie, welche Liina hineingegeben hatte, wurde schlagartig frei gegeben.
Bevor die Schärgen verstehen konnten, was gerade passiert war, schoss Nebel aus dem Papier und verschluckte im Umkreis um Teese alles in einem dichten, undurchdringlichen Weiß.
Erst jetzt rannte Teese los.

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