Zwischen Magiern und Nichtmagiern (10/18)

Posted on November 2, 2012

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„Dann zeige Efraim, dass Du nicht gelogen hast“, sagte Ro, bevor der Anführer der Schärgen das Wort ergreifen konnte. „Ist der Drache Dein Seelentier?“
Teese öffnete den Mund und die Worte formten sich wie von selbst. „Der Drache ist nicht mein Seelentier.“
Das war natürlich korrekt. Nanu war nicht ihr Seelentier, sondern Fleck. Efraim hatte den Drachen gesehen und schlichtweg die falschen Schlüsse gezogen. Ein wenig Zuversicht flackerte in Teese auf. Vielleicht würde sie die Wahrheit sagen können und trotzdem die Schärgen davon überzeugen, dass sie keine Magierin war.
„Und“, fuhr Ro fort, „bist Du mein Fleisch und Blut?“
Teese öffnete erneut den Mund, um ihren Worten freien Lauf zu lassen. Sie schenkten ihnen dabei allerdings keinerlei Aufmerksamkeit, denn natürlich konnte sie die Frage bejahen. Sie war nicht Ros Tochter, aber sie war sein Fleisch und Blut. Sie war seine Verwandte, seine Nachfahrin.
Doch woher wusste er dies? Sie wusste es nur, weil sie den Grabstein zu Hause in der alten Welt auf dem Friedhof gesehen hatte. Den alten Grabstein von Ros unehelichem Sohn. Ihre Großmutter hatte ihr erzählt, dass er ihr Vorfahre gewesen war und dass sein Vater einst das Kloster geleitet hatte, das Weltenei damals vorgegeben hatte zu sein, so wie es jetzt vorgab ein Internat für Hochbegabte zu sein.
Sie hatte verstanden, dass dieser Klostervorsteher in ihrer Ahnenreihe ein Dekan gewesen sein musste und anhand der Lebensdaten ihres Vorfahren, hatte sie leicht ausrechnen können, welcher Dekan sein Vater gewesen sein musste. Sie war nur durch diesen Zufall dahinter gekommen. Woher konnte Ro es wissen?
Sie drehte sich zu ihm um und ihre Blicke trafen sich. „Ja, ich bin Dein Fleisch und Blut.“
Einen Moment sahen sie sich an und Teese konnte sehen, wie Ro die Augen leicht zusammenkniff. Ihr wurde bewusst, dass er es vielleicht gewusst hatte, aber nicht hatte wissen können, dass sie es ebenfalls wusste. Vermutlich fragte er sich, woher sie es wusste, genauso wie sie sich eben gefragt hatte, woher es es wusste.
Ro wandte sich langsam von Teese ab und sah zu Efraim. „Nun, bist Du zufrieden?“
„Nein.“ Er wirkte aufgebracht. „Das ist vollkommen unmöglich.“
„Niemand kann vor Dekanin Vela lügen“, erinnerte Ro ihn ruhig.
„Ich habe gesehen, wie sie Magie gewirkt hat“, hielt Efraim wütend dagegen.
„Dann solltest Du sie genau danach fragen.“
Teese wandte irritiert den Kopf auf der Suche nach demjenigen, der diese Worte gesprochen hatte. Es war ein Mann gewesen. So viel war klar. Aber es war weder Ro gewesen noch Efraim. Und auch keiner der restlichen Schärgen hatte an dieser Stelle das Wort ergriffen.
Die Stimme hatte für Teese so geklungen, als habe sie die Statue selbst gesprochen. Wer auch immer der Sprecher war, musste also hinter der Statue stehen, dort wo Teese ihn nicht sehen konnte und dort, wo die Schärgen sich vorher verborgen hatten.
„Ja, Meister.“ Efraims Zorn war mit einem Schlag verraucht und machte einer höflichen Unterwürfigkeit Platz.
Teese hielt unbewusst den Atem an. Meister. So hatten die Schärgen, welche in Thorhafen gefangen genommen worden waren, denjenigen genannt, der ihnen den Befehl gegeben hatte, Rinnir gefangen zu nehmen. Efraim selbst hatte ihn eben noch erwähnt. Der Meister, so hatte er gesagt, habe in Erfahrung gebracht, dass auch Nichtmagier Magie ausüben könnten.
Die Magister auf Weltenei hatten bei ihrem Treffen, das Teese durch Magister Elgins Augen verfolgt hatte, darüber gesprochen, dass sie versuchen wollten, die Identität dieses Mannes in Erfahrung zu bringen. Er war der eigentliche Drahtzieher der Schärgen.
Efraim, so wurde Teese in diesem Moment erst klar, war zwar der Anführer der Gruppe vor ihr, aber er war nicht derjenige, der die wirklich wichtigen Befehle gab. Er ordnete sich jemandem unter. Und dieser Jemand war hier und jetzt anwesend. Er verbarg sich hinter Dekanin Velas Statue und hatte von dort alles verfolgt, was hier gesprochen worden war.
„Hast Du in dieser Nacht Magie gewirkt?“, befolgte Efraim die Worte des Meisters und stellte die nächste Frage an Stelle von Ro.
Teese öffnete ihren Mund. „Ja.“ Das konnte sie nicht leugnen.
Sie sah wie die Schärgen aufgeregt miteinander sprachen und sich ein breites siegessicheres Lächeln auf Efraims Gesicht legte.
„Aber“, beeilte sich Teese weiter zu sprechen. „Es war nicht meine Magie. Eine Schriftmagierin hat sie für mich gefertigt.“ Das war schließlich ebenfalls die Wahrheit. „Für eine sichere Reise. Ich habe nur ein Siegel geöffnet. Jeder hätte dies gekonnt.“
„Passives Wirken von Magie“, warf Ro eilig ein. Er sah Teese an und sie konnte seine Verärgerung spüren. Liinas Zauber hatte sie ihm gegenüber nicht erwähnt, weder, dass sie solche Magie in ihrem Reisegepäck hatte, noch dass sie sie vor Efraims Augen angewandt hatte.
„Magie wie sie jeder von Euch wirken könnte“, fügte Ro hinzu. „Jeder Magiernachwuchs der ersten Generation verfügt über diese Gabe, wie Ihr alle wissen dürftet.“
Efraim äußerte seinen Unmut in einem wütenden wortlosen Grummeln.

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