Zwischen Magiern und Nichtmagiern (9/18)

Posted on Oktober 29, 2012

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„Sie hat einen Drachen als Seelentier.“
Efraims Worte, brachten Teese aus ihren Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Sie hatte einen Teil der Unterhaltung schlichtweg verpasst, während sie mit Fleck in Gedanken gesprochen hatte und versuchte jetzt mitzubekommen, worum es gerade ging.
„Meine Tochter hat kein Seelentier“, sagte Ro beharrlich.
„Sie ist nicht Deine Tochter.“
Ro schüttelte den Kopf. „Gut, dann: Dieses Mädchen hat kein Seelentier in Form eines Drachens.“
Efraim schüttelte ebenfalls den Kopf. „Und sicher hat sie auch heute Nacht keine Magie gewirkt.“
„Sicher nicht“, sagte Ro.
„Oh, ich habe etwas ganz anderes gesehen“, erwiderte Efraim kalt. „Aber wenn alles so sein sollte, wie Du sagst, hast Du sicher kein Problem damit, dass das Mädchen es vor Dekanin Velas Statue beschwört.“
Ro machte eine vage Handbewegung. „Wenn Du uns dann ohne einen Kampf passieren lässt…“
„Wenn es tatsächlich die Wahrheit sein sollte“, gab sich Efraim großzügig. „Lassen wir Euch natürlich weitergehen. Wir wollen niemanden aufhalten, der mit seiner Magie Nichtmagiern hilft, nicht wahr?“
Er sah zu den Männern hinter ihm, die alle drei nickten. Den Ausdruck auf ihren Gesichtern konnte Teese allerdings nur schwer deuten.
„Nur aus Interesse…“, hakte Ro nach. „Wenn es sich bei meiner Tochter tatsächlich um eine mittelmäßige Magierin handeln würde, welches Interesse hättest ausgerechnet Du an ihr?“
Efraim wandte sich wieder Ro zu. „Du hast es sicher schon von meinem Vater gehört“, sagte er und räumte damit in Teese die letzten Zweifel aus, welcher von Marisans Elternteile auch einer von Efraims sein musste. „Der Meister will einen Kandidaten oder eine Kandidatin. Einen Magier mit weißer Schärpe.“
„Und minderem Talent“, setzte Ro hinzu.
„Und minderem Talent“, bestätigte Efraim gleichgültig.
„Wofür?“, wollte Ro wissen.
„Um in uns die Magie zu wecken.“
Ro schnaubte verächtlich. „Du solltest genug von der Magierwelt gesehen haben, um zu wissen, dass das unmöglich ist.“
„Mein Halbbruder ist ein Magier geworden“, sagte Efraim. „Für ihn wurde eine Ausnahme gemacht. Also gibt es diese Möglichkeit auch für uns. Jedes Halbblut kann Magie wirken. Der Meister selbst hat dies in Erfahrung gebracht.“
„Schön für ihn“, sagte Ro. „Ich vermute, Du glaubst mir nicht, dass es nicht den Tatsachen entspricht.“
„Nein, das tue ich in der Tat nicht.“ Efraim verzog die Mundwinkel zu einem kalten Lächeln. „Und nun, wenn ich bitten darf.“
Er machte eine einladende Geste nach vorne, die Brücke entlang. Teese hielt sich nahe an Ro, während sie zwischen den bewaffneten Schärgen weiter gingen.
Es fiel ihr schwer, jetzt nicht in ihre Robentasche zu fassen, um nach Liinas Schriftzauber zu greifen. Sie versuchte sich zu erinnern, in welcher Reihenfolge, die von ihr ausgewählten Zauber lagen. Vielleicht änderte Ro seine Meinung und sie würde doch Magie wirken müssen, um vor den Schärgen fliehen zu können.
Sie versuchte, mit Ro Augenkontakt herzustellen, aber er sah beharrlich nach vorne. Teese entschied, dass ihr somit vorerst keine Wahl blieb, als das zu tun, was man von ihr verlangte. Efraim hatte gesagt, sie solle ihre Geschichte vor Dekanin Velas Statue beschwören.
Damit war vermutlich die Statue links von ihnen gemeint, auf welche sie zuliefen. Anders als die Statue der Magierin am Anfang der Brücke, sah diese ihnen entgegen und deutete in ihre Richtung. In der linken Hand hielt sie eine runde Scheibe, welche bis ins Detail eingeritzte Kontinente zeigte.
Teese war dieser Darstellung bis zum letzten Jahr fremd gewesen. Sie hatte nur die Abbildung der Erde als Kugel gekannt. Im Klassenzimmer ihrer alten Grundschule hatte ein Globus gestanden, der Teese vertraut war. Eine Weltscheibe war für sie eine seltsame Form der Darstellung. Allerdings hatte sie diese auch schon auf Weltenei gesehen. Dort ruhte eine goldene Scheibe über der Quelle der Welten.
Inzwischen hatte Teese genügend Zeit auf Weltenei verbracht, um sie sich genauer anzusehen. Und seit sie sich an ihr altes Leben erinneren konnte, das sie als Kandidatin vergessen hatte, hatte sie diese Weltscheibe mit dem ihr bekannten Globus vergleichen können.
Der erste offenkundige Unterschied, von der Form abgesehen, bestand darin, dass die Erdkugel viel mehr Wasser besaß, während auf der Erdscheibe die Kontinente die Scheibe fast vollkommen bedeckten. Wasser gab es hier vor allem am Rand, sowie quer in der Mitte. Dorthin führte von oben und unten je ein Meeresarm in die Kontinente hinein. Der obere hieß Persischer Golf, der untere war das Mittelmeer.
An Kontinenten gab es auf der Weltscheibe nur Europa, Asien und Afrika, die miteinander verbunden waren. Unten links war Europa, das nach oben in Asien überging, welches die gesamte obere Hälfte der Scheibe einnahm und dann nach rechts unten zu Afrika wurde. Weder gab es Amerika noch Australien und auch den Nord- oder den Südpol gab es nicht.
Genau diese merkwürdige Darstellung zeigte auch die Scheibe, welche Dekanin Vela in ihrer linken Hand hielt und dem Betrachter förmlich entgegenstreckte. Teese konnte sehen, dass der Stein am unteren Rand dunkel verfärbt war und beinahe schwarz sein musste.
„Bitte“, Efraim sah zu Teese und wies zur Statue.
Ratlos wandte sich Teese an Ro.
„Du sollst auf Dekanin Vela schwören“, sagte er ihr, ohne eine Miene zu verziehen. „Berühre die Weltenscheibe und beantworte die Fragen, die man Dir stellt.“
„Dekanin Vela war eine Frau des Ausgleichs“, fügte Efraim hinzu. „Sie wollte Nichtmagiern eine Möglichkeit geben, die Worte eines Magiers zu überprüfen. Wo immer eine Statue von ihr steht, kann ein Mensch nur die Wahrheit sprechen – Magier wie Nichtmagier.“
Teese begann zu verstehen. Sie musste schluckten bei der Vorstellung, wie schnell sie jetzt gleich auffliegen würde, aber da Ro ihr keinen anderslautenden Befehl gab, trat sie nach vorne und streckte sich, um nach der Scheibe zu greifen.
Jetzt verstand sie auch, warum diese am unteren Rand so dunkel war. Viele Hände mussten sie berührt haben, um etwas zu beschwören. Wieviele davon wohl vorher eine Lüge erzählt hatten?

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