Zwischen Magiern und Nichtmagiern (8/18)

Posted on Oktober 26, 2012

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Zu Füßen der Statuen leuchteten die Bodensteine der Brücke in einem sanften Licht auf als Ro als erster die Brücke betrat. Er sah zurück über seine Schulter und Teese gewann den Eindruck als wäre er nervös und angespannt.
Sie unterdrückte den Impuls ebenfalls hinter sich zu sehen, denn sie könnte ohnehin nichts sehen, was Ro hätte entgehen können. Da war sie sich absolut sicher. Vielmehr sah Teese nach vorne zu den nächsten beiden Statuen, welche in der Mitte des Flusses auf der Brücke standen.
Teese konnte nicht genau ausmachen, was oder wen sie darstellten. Denn bevor sie die Statuen eingehend betrachten konnte, bemerkte sie eine Bewegung in ihrem Schatten.
„Ro…“, begann Teese besorgt.
Ro hatte seine Schritte verlangsamt und wandte sich um. Sein Körper wirkte angespannt und kampfbereit. „Zu spät“, sagte er aber nur trocken.
Teese drehte sich hektisch um und sah, wie zwei Männer auf sie zu kamen. Der Blick nach vorne zeigte weitere Männer, die sich hinter den Statuen verborgen haben mussten. Sie alle trugen Roben wie Magier sie trugen. Aber Teese war sich sehr sicher, dass keiner von ihnen ein Magier war. Dazu musste sie nicht nach Magie fühlen oder Fleck fragen, der Magie besser wahrnehmen konnte als sie selbst.
Teese wusste, dass diese Männer Schärgen des Grafen von Argentanien waren. Es waren Nichtmagier, die sich als Magier ausgaben und sie waren dem Grafen untergeben, gegen welchen Weltenei vor Weihnachten den Grafen von Awrosch im Kampf unterstützt hatte. Das machte sie für Teese bereits zu Feinden – allerdings nur für die Magierin Teese. Für die Nichtmagierin Teesemi dürften sie eigentlich harmlos sein. Teesemi stammte zwar nicht aus Argentanien, aber eben auch nicht aus Awrosch.
„Sprich nur, wenn Du direkt gefragt wirst“, schärfte Ro Teese noch einmal die oberste Regel ein, die er bereits bei ihrem Aufbruch aus Weltenei aufgestellt hatte. „Und was immer Du tust, nutze keine Magie…“
Teese nickte. Sie wollte hier so schnell wie möglich weg und dazu durfte ihre Tarnung nicht auffliegen.
Beunruhigt sah sie den beiden Männern entgegen, welche sich von vorne näherten. Der eine hielt einen Kampfstab vor sich, bereit zum Angriff. Der andere hatte ein Schwert gezogen. Teeses Augen weiteten sich erschrocken, als die Klinge in einem glänzenden Rot aufleuchtete. Der Mann gab Magie in seine Waffe. Das konnte nur ein Magier.
‚Aber er ist kein Magier‘, bekräftigte Fleck genauso überrascht wie Teese es war.
‚Aber das ist Magie‘, hielt sie dagegen.
‚Ja, aber sie stammt aus der Waffe selbst.‘
Teese versuchte in der dürftigen Beleuchtung der selbstleuchtenden Brückensteine die Waffe genauer zu betrachten. Allerdings ließ sich wenig ausmachen, da das Schwert selbst vor Magie erstrahlte.
„Ro“, sprach einer der Männer in Teeses Rücken. „Wohin so eilig mitten in der Nacht?“
Teese wandte sich langsam und mit einem unguten Gefühl in der Magengegend um. Diese Stimme hatte sie bereits zuvor gehört, im Gasthaus zum Ewigen Kreuz.
Auf der Brücke, ihnen den Rückweg versperrend, stand der Anführer der Schärgen. Der hochgewachsene Mann mit den dunkelblonden Haaren. Und er war nicht alleine. In seinem Rücken standen drei weitere Männer, geschlossen wie eine Mauer.
„Efraim“, erwiderte Ro. „Ich bin auf dem Weg nach Schastel Awrosch. Warum folgst Du mir so eilig mitten in der Nacht?“
Efraim. Teese nahm überrascht zur Kenntnis, dass Ro den Mann offensichtlich kannte. Ebenso wie er Ro kannte. Immerhin hatte er ihn bei seinem richtigen Namen genannt, seinem Magiernamen – oder jedenfalls jenem Rest, der ihm von Dekan Roath verblieben war.
„Weil Du es vorgezogen hast vor mir davon zu laufen.“
Ro zuckte mit den Schultern. „Ich lege mich sicher nicht zum Schlafen, wenn ich weiß, dass sich irgendwelche Gestalten im Unterholz herumdrücken.“
„Oh, keine Sorge. Auf Dich haben wir es nicht abgesehen.“ Efraims Stimme klang ironisch und dabei seltsam vertraut. Selbstsicherheit klang aus seiner Stimme. Und in Teeses Ohren ein wenig Überheblichkeit. „Ich will nur das Mädchen.“
„Meine Tochter?“ Ro verzog keine Miene.
Efraim lachte. „Du hast keine Tochter, Ro.“
„Woher willst Du das wissen?“
„Ihr Name ist Teesemi, nicht wahr?“
Ro nickte. „Ja. Das ist richtig.“
„Ich habe von einem Mädchen gehört, das Teese heißt“, sagte Efraim. „Sie ist aber mit Sicherheit nicht Deine Tochter, denn sie ist eine Magierin.“
Ro sagte nichts.
„Ich habe gehört, sie sei nicht sonderlich begabt“, fuhr Efraim fort und Teese wandte ihren Blick ab, als sie merkte, wie er sie dabei ansah.
Ro lachte leise und Teese hatte den Eindruck als wäre er tatsächlich belustigt, auch wenn er Efraims Ansicht sicherlich teilte – ebenso wie Teese selbst im Übrigen.
„Lass mich raten“, sagte Ro. „Das hat Dir Timar erzählt.“
Teese glaubte sich verhört zu haben. Was hatte Efraim, der Anführer der Schärgen, mit Timar zu schaffen? Die Antwort auf ihre Frage gab er ihr noch im gleichen Moment selbst.
„Ja, ganz Recht. Mein kleiner Halbbruder hat es mir erzählt.“
Teese konnte nicht umhin, Efraim anzustarren. Timar sollte Efraims Halbbruder sein?
‚Nanu musste sofort an Timar denken‘, schaltete sich Fleck ein. ‚Erinnerst Du Dich?‘
Ja, das tat Teese. Der Blick in die Augen ihres Drachens war gerade erst wenige Stunden her und die Erinnerung noch sehr frisch.
‚Aber das heißt, er ist der Sohn von Marisans Mutter.‘ Teese versuchte die Zusammenhänge zu verstehen. ‚Oder von Dekan Ezzo.‘
Sollte der Dekan uneheliche Kinder haben? Teese erschien das absolut unvorstellbar.
‚Vielleicht war er schon einmal verheiratet‘, bemerkte Fleck. ‚Magier werden viel älter als Nichtmagier. Gut möglich, dass Efraim aus erster Ehe stammt und Timar aus zweiter.‘
‚Marisan hat nie etwas Derartiges erzählt‘, wandte Teese ein.
‚Du hast sie nie gefragt, oder?‘
Nein, das hatte Teese nicht. Aber wenn Marisan noch andere Geschwister hatte, neben Timar und Schirniel, selbst wenn es nur Halbgeschwister waren, hätte Teese erwartet, dass ihr Name irgendwann einmal gefallen wäre.

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