Zwischen Magiern und Nichtmagiern (7/18)

Posted on Oktober 23, 2012

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Teese verfiel wieder in Schweigen. Ab und zu sah sie über ihre Schulter zurück, konnte aber nie mehr sehen als die Schwärze der Nacht.
Der unebene Feldweg bog auf einen breiteren Weg, der mit Pflastersteinen ausgelegt worden war. Hier lief es sich einfacher und mit jedem Schritt, den sie machte, wich die Übelkeit von Teese. Die Luft, die sie einatmete, war klar und kalt. In wenigen Stunden würden sie Schastel Awrosch erreichen und dort würden sie dann in Sicherheit und Ruhe übernachten.
Dieser Gedanke ließ Teese ihre Müdigkeit in dieser Nacht schnell verdrängen und die aufsteigende Erschöpfung ignorieren, die sich langsam einstellte. Immerhin waren sie bereits seit dem frühen Morgen unterwegs und hatten heute schon eine große Stück Wegstrecke zurückgelegt.
Teese bekämpfte sie mit dem Gedanken, dass ihre eilige Wanderung durch die Nacht nur noch so etwas wie ein Endspurt war. In Schastel Awrosch würde ein gemütliches Bett auf sie warten und etwas Anständiges zu Essen. Dieses Ziel vor Augen ließ sie alle Strapazen der Nacht vergessen und die Anspannung und Sorge von ihr weichen.
Egal ob die Schärgen ihnen folgen würden. Sie wären auf alle Fälle vor ihnen in Schastel Awrosch. Teese war sich darin so sicher, dass sie nicht einmal in Erwägung zog, dass es anders sein könnte. Die folgenden Ereignisse überrumpelt sie daher vollständig.
Der gepflasterte Weg war inzwischen breiter geworden und führte direkt auf zwei gleißende Linien in der Dunkelheit zu. Das hintere war ein Fluss von vielleicht zehn Metern Breite. Auf ihm spiegelte sich das Mondlicht, so dass Teese ihn als erstes sehen konnte.
Die zweite Linie war eine Straße. Im Gegensatz zum silbern leuchtenden Fluss war sie pechschwarz und war nur daran zu erkennen, dass sie frei von Bewuchs war. Eine künstliche Schneise in der Natur, welche dem Verlauf des Flusses an seinem Ufer folgte.
Als Ro und Teese die Straße betraten, flammten unerwartet auf jeder Seite des Weges zwei kleine Laternen auf, die an kniehohen Stöcken befestigt waren. In Abständen, die Teese an die weißen Barken am Rand von Landstraßen erinnerten, standen solche Stöcke an der Seite des gepflasterten Straße und trugen schlichte schwarze Laternen an ihren Enden.
Immer wenn Ro und Teese den Lichtkegel eines Laternenpaares verließen, flammte das nächste auf und das, welches sie hinter sich ließen, verlosch wieder. Teese wunderte diese Art der Straßenbeleuchtung wenig. Offenkundig handelte es sich um objektmagische Laternen. Und dass es sie hier gab, hieß wohl, dass Magier in der Nähe leben mussten, denn Nichtmagier verfügten kaum über solche Dinge. Vermutlich führte diese Straße nach Schastel Awrosch und wurde auch von Magiern genutzt.
Teese hielt angestrengt nach der Burgstadt Ausschau und konnte schließlich in der Ferne vor ihr Umrisse gegen den nächtlichen Himmel erkennen, die an Spitzdächer erinnerten. Allerdings fehlte noch immer das Licht einer Stadt. Keine beleuchteten Fenster waren zu entdecken und alles, was Teese sehen konnte, blieb der Schattenriss, den sie für die Häuser von Schastel Awrosch hielt.
Die Stadt befand sich demnach auf der anderen Seite des Flusses und die Straße machte tatsächlich ein Stück vor ihnen einen sanften Bogen nach rechts, direkt auf den Fluss zu und auf eine Brücke.
Mit jeder neu entflammenden Laterne konnte Teese mehr von dem Bauwerk erkennen, das sie auf die andere Flussseite bringen würde. Es war eine sanft geschwungene Brücke. Nicht sonderlich hoch aber breit genug, dass man sicherlich mit einem Auto darüber hätte fahren können.
In Abständen ragten Pfeiler nach oben, die keinerlei technische Funktion zu besitzen schienen. Vielmehr dienten sie rein dekorativen Zwecken, wie Teese erkannte, als sie nahe genug gekommen waren, dass der Lichtkegel der Laternen den Anfang der Brücke erhellte und die beiden ersten Pfeiler.
Es waren nicht einfach nur Säulen, sondern es waren quadratische Sockel, auf welchen übermenschlich große Figuren standen. Teese betrachtete sie interessiert beim Näherkommen. Sie erinnerten sie an eine Brücke in Heidelberg, eine Stadt, die nicht weit von ihrem Heimatort entfernt war und zu welchem sie eigentlich jede Sommerferien mit ihrer Familie gefahren war, um in den Zoo zu gehen.
Wenn man zum Zoo abbog, lag die Brücke rechts von einem und überspannte den Neckar. Auf ihr standen zwei große Statuen auf ganz ähnlichen Podesten wie hier. Die eine Statue zeigte einen dicklichen Mann mit dichten langen Locken. Er trug einen Brustpanzer und einem Umhang, der Teese immer an eine Strickdecke erinnert hatte. In seiner Hand hielt er etwas, das wie ein Staffelholz aussah, aber bestimmt etwas ganz anderes war. Jedenfalls schien es Teese wenig Sinn zu machen, einen Mann mit Umhang, Rüstung und einem Staffelholz darzustellen.
Die andere Statue in Heidelberg war eine griechische Göttin, wie Teese wusste. Es war die Göttin der Weisheit. Sie trug ein wallendes Gewand und hatte einen großen Helm mit Federbüschel auf dem Kopf. Sie stützte sich auf eine Lanze und einen großen Schild mit einer hässlichen Fratze darauf. Zu ihren Füßen hockte eine niedliche Eule.
Die ersten Statuen, welche die Brücke hier in der neuen Welt zierten, hätten gut zu diesen beiden nach Heidelberg gepasst. Nicht nur, dass sie ebenso erhoben standen und auch von ähnlicher Größe waren, auch sie stellten einen Mann und eine Frau dar.
Der Mann war hager und blickte ernst drein. Er trug schlicht geschnittene Hosen und einen halblangen Mantel. In seiner linken Hand hielt er ein Buch, das er an die Brust presste. Seine rechte Hand ruhte auf dem Kopf eines hübschen Hundes.
Die Frau ihm gegenüber war genauso groß und erinnerte Teese sehr an die Statue der griechischen Göttin. Sie trug ebenfalls ein Gewand, das Teese aber sofort als eine Magierrobe erkannte, wie unschwer an den Bändern zu erkennen war, welche die Robe am Bauch nach hinten zusammengerafft hielten. Hinter ihrem Rücken ragte ein Köcher hervor, einen Bogen trug sie geschultert, den sie mit ihrer rechten Hand festhielt als könne er verrutschen.
Zu ihren Füßen saß ein Tier, das für Teese am ehesten wie ein Affe aussah, wenngleich es kleine Flügel hatte und die Zunge herausstreckte wie ein hechelnder Hund. Das Tier blickte in Teeses Richtung, die Frau hingegen sah in die andere Richtung, die Brücke entlang. Dorthin wies sie auch mit ihrem ausgestreckten linken Arm.

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