Zwischen Magiern und Nichtmagiern (6/18)

Posted on Oktober 19, 2012

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„Sollten wir nicht Jacopo suchen?“, wagte Teese im Gehen allerdings doch noch einen Einwand.
Ihr war jetzt richtiggehend schlecht und durch das schnelle Laufen begann ihr Kopf pochend zu schmerzen.
„Den Jungen müssen wir nicht suchen“, sagte Ro. „Sie haben ihn bereits gefunden.“
Teeses Herz blieb vor Schreck kurz stehen. „Die Schärgen des Grafen?“ Das musste Ro durch sein Seelentier gesehen haben. Vermutlich hatte Ro es in den Wald geschickt, um die Lage zu sondieren.
‚Ja‘, bestätigte Ro knapp. Er hatte es offenkundig ziemlich eilig, zurück zum Heuschober zu kommen. Teese musste fast rennen, um mit seinen weitausholenden Schritten mithalten zu können, was ihren momentanen Zustand noch verschlechterte.
Allerdings hatte sie keine Zeit, darüber nachzudenken. „Was… werden sie mit ihm machen?“, wollte sie bange wissen. Unschlüssig sah sie zurück zum Wald.
„Sie werden ihn über das ausfragen, was sie Dank Deiner Unachtsamkeit gesehen haben“, sagte Ro trocken.
Teese musste einen Moment darüber nachdenken. „Werden sie ihn… verletzen?“
Ro schnaubte verärgert vor sich hin. „Anstatt Dir um ihn Sorgen zu machen, solltest Du Dir besser um uns Sorgen machen.“
Jetzt war Teese aus dem Konzept gebracht. „Was? Warum?“
Ro betrat den Heuschober und ging zielstrebig zu seinem Schlafplatz. „Weil sie Dich mit einem Drachen gesehen haben, den Du wie einen Schoßhund behandelt hast, wie es sonst nur Magier tun. Und weil sie uns anscheinend seit dem Ewigen Kreuz gefolgt sind.“
Der letzte Teil ließ Teese einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen. Die Anwesenheit der Schärgen im Wald war also kein Zufall gewesen. Aber warum sollten sie ihnen folgen?
Teese sah Ro zu, wie er seine Sachen eilig zusammenpackte. Trotz allem irritierte sie seine Reaktion. Immerhin war er ein guter Schwertkämpfer und sie konnte sich mit Magie verteidigen – wenn sie denn kämpfen mussten.
Wieviele Schärgen waren wohl in dem Wald? Nanu hatte nur den einen wahrgenommen. Warum sollten sie ihn fürchten. Er war kein Magier. Selbst wenn er ihnen folgte. Teese verstand nicht, warum er eine Bedrohung für sie darstellen sollte.
Ro schulterte seinen Rucksack und schob sich an Teese vorbei leicht gebückt aus dem Heuschober. Teese folgte ihm stehenden Fußes. In die Übelkeit, die von ihrem Blick in Nanus Augen stammte, mischte sich ein flaues Gefühl, das ihr eiliger Rückzug verursachte. Sie fühlte sich als wären sie auf der Flucht.
Teese sah noch einmal zurück zum Waldrand. Es widerstrebte ihr, einfach davon zu laufen, während Jacopo dem dunkelblonden Nichtmagier in die Hände gefallen war. Und selbst wenn Ro anscheinend davon ausging, dass ihm keine Gefahr drohte, machte sich Teese dennoch Sorgen.
Doch der Blick zurück zum Wald zeigte ihr nur die schwarzen Umrisse der Baumwipfel gegen den nächtlichen Himmel und die im Dunkel kaum zu erahnende Grenze zwischen Wiese und Wald. In der Dunkelheit hätte sie die Schärgen nicht sehen können, selbst wenn sie ihnen jetzt folgten. Sogar die Elster konnte Teese erst sehen, als sie an ihnen vorbeiflog und zielstrebig in die Richtung weiterflog, die Ro eingeschlagen hatte – weg vom Wald und weiter ins offene Gelände.
Die Wiese wich erdigem Boden, in dem Teese erst nach einer Weile einen umgegrabenen Acker erkannte. Vermutlich gehörte er zu demselben Bauernhof, zu welchem auch der Heuschober gehört hatte.
Ein dürftig befestigter Weg, auf welchen sie am Ende des Ackers stießen, unterstützte Teeses Vermutung. Ro folgte ihm nach rechts ohne zu zögern. Teese vermutete, dass er die Gegend kannte. Immerhin hatte er sie bereits zielstrebig zu dem Heuschober geführt. Allerdings beantwortete dies nicht die Frage, wohin sie nun gingen.
„Wohin gehen wir?“, wagte Teese das Schweigen zwischen ihnen zu brechen.
„Schastel Awrosch“, beantwortete Ro die Frage knapp.
Teese überlegte kurz, ob er damit das endgültige Ziel ihrer Reise meinte und die Antwort sarkastisch gemeint war. Allerdings waren sie schon viele Tage unterwegs und es war gut möglich, dass sie die Burgstadt fast erreicht hatten.
„Wieweit ist es bis dorthin?“, hakte sie nach.
„Eine Tagesreise.“
Teese blickte irritiert in die nächtliche Landschaft. Sie liefen noch immer leicht bergab und konnten das Land vor ihnen halbwegs überblicken. Eine Stadt konnte Teese allerdings nicht sehen. Es war zwar in der Nacht, aber sicherlich würde doch in irgendeinem Haus in Schastel Awrosch auch zu dieser Zeit Licht brennen. Wenn die Stadt irgendwo vor ihnen lag, müsste man sie doch sehen.
Schastel Awrosch war kein kleiner Ort wie Thorhafen. Es war eine große Stadt, in welcher die Magier einen eigenen Stadtteil bewohnten. Teese hatte es – wenn auch in Ros Erinnerung aus der Vergangenheit – selbst gesehen.
Ihr kam unvermittelt ein Gedanke. Magier lebten in Schastel Awrosch. Und wenn die Stadt nur eine Tagesreise entfernt war, würden sie doch in Windeseile hierher kommen können. Mit einem Flügelpferd war die Strecke sicherlich in weniger als einer Stunde zu bewältigen.
„Können wir keinen der Magier dort kontaktieren?“, wollte sie wissen. „Wegen der Schärgen…“
Immerhin würden doch auch die Magier von Schastel Awrosch ein Interesse daran haben, die verbleibenden Schärgen des Grafen von Argentanien gefangen zu nehmen, oder? Nicht nur, dass sie versucht hatten, Rinnir zu entführen. Es waren eben auch Schärgen des Grafen von Argentanien und Schastel Awrosch war die Stadt des Grafen von Awrosch.
„Kannst Du denn einen von ihnen kontaktieren?“, wollte Ro wissen und seine Worte trieften vor Ironie.
„Nein“, gab Teese zu. „Aber ich kann Dekan Ezzo kontaktieren und er könnte…“
„Nein!“, sagte Ro unerwartet scharf.

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