Zwischen Magiern und Nichtmagiern (5/18)

Posted on Oktober 15, 2012

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Teeses Augen gewöhnten sich nur langsam wieder an die Dunkelheit.
„Jacopo?“, rief sie der geflüchteten Gestalt hinterher. Doch niemand antwortete.
Teese versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch sie war unglaublich aufgewühlt. Erst witterte Nanu den Anführer der Schärgen des Grafen. Dann dieses Rascheln hinter ihrem Rücken, Liinas Eiszauber und Nanus Feuerstoß. Und dann hatten sie wohlmöglich Jacopo damit verletzt.
‚So wie er gerannt ist, ist ihm wohl eher nichts passiert‘, versuchte Fleck Teese zu beruhigen.
Doch Teese blieb besorgt. ‚Wir müssen ihn suchen gehen.‘
Vielleicht hatte sich Jacopo doch Verbrennungen zugezogen. Und auf alle Fälle war es im Wald gefährlich. In der Nacht waren dort wilde Tiere unterwegs. Teese dachte an den aufgewühlten Waldboden, den sie auf dem Weg gesehen hatte. Das war das Werk von Wildschweinen gewesen.
‚Wir können ihm aber nicht einfach so hinterher laufen‘, wandte Fleck ein.
‚Wir brauchen eine Laterne‘, stimmte Teese ihrem Seelentier zu.
‚Wir brauchen Ro‘, korrigierte Fleck. ‚Was, wenn wir den Schärgen des Grafen über den Weg laufen?‘
Teese gefiel der Gedanke gar nicht, Ro zu erzählen, was geschehen war. Nicht nur, dass sie sich heimlich aus dem Heuschober geschlichen hatte. Sie hatte auch vor den Augen eines Nichtmagiers ihren Drachen geputzt und Magie angewendet, wenn auch nicht ihre eigene. Aber woher sollte Jacopo den Unterschied kennen? Sicher hatte sie ihn zu Tode erschrocken. Jemand musste ihm alles erklären.
‚Gut‘, stimmte Teese zu. ‚Wecken wir Ro.‘
‚Ich glaube, das ist nicht nötig‘, sagte Fleck. ‚Da kommt schon die Elster geflogen.‘
Tatsächlich flog ein Vogel aus der Richtung des Heuschuppens zu ihnen herüber und gleich darauf konnte Teese auch Ro ausmachen, der über die Wiese gelaufen kam.
Teese hatte gerade noch genug Zeit sich zu überlegen, wie sie Ro die gesammelten schlechten Nachrichten möglichst schonend überbringen konnte. Dann landete auch schon die Elster und hüpfte zielsicher zu der verbrannten Erde, die Nanus Feuerstoß zurückgelassen hatte.
„Was ist passiert?“
Ro sah als erstes Teese an und ließ seinen Blick dann über Nanu zu dem verkohlten Flecken hinter ihnen gleiten. Im Dunkel der Nacht konnte er vermutlich nicht wirklich viel erkennen, aber sein Seelentier hatte den Ort inzwischen genau inspiziert.
„Ich wollte mich um Nanu kümmern“, versuchte Teese zu erklären. „Aber dann hat sie den Mann aus dem Gasthaus gewittert.“
Teese hatte keine Ahnung, wieviel Ro überhaupt über die Vorgänge wusste, weshalb sie hinzusetzte, „Den Nichtmagier, der sich wie ein Magier verkleidet und versucht hat, Rinnir…“
Sie zögerte. Sie wusste von der Ratsversammlung, dass die Nichtmagier von einem Mann beauftragt worden waren, den sie nur Meister nannten, Rinnir zu ihm zu bringen. Er hatte ihnen in Aussicht gestellt, dass sie mit seiner Hilfe zu Magiern werden könnten. Doch das konnte Teese natürlich nicht wissen, denn offiziell war sie nie darüber informiert worden.
Sie ließ ihren Satz einfach ins Leere laufen und versuchte in Ros Gesichtsausdruck zu lesen, wie er auf ihre Worte reagierte. Doch der ehemalige Dekan von Weltenei hatte seinen Blick in den Wald gerichtet, dorthin, wo Jacopo gelaufen sein musste.
„Als es dann hinter mir im Gebüsch geraschelt hat“, beeilte sich Teese fortzufahren, „hat Nanu einen Feuerstoß dorthin gelenkt. Aber weggelaufen ist… denke ich jedenfalls… Jacopo.“
Ro sah Teese kurz an. In seiner Miene konnte Teese keinerlei Ärger lesen. Er schien sie eher prüfend zu mustern, so als wäre er sich nicht sicher, ob er ihren Worten glauben sollte.
Teese zuckte zusammen, als die Elster zwei kurze Hüpfer über den Boden machte und dann mit schnellen Flügelschlägen in Richtung Wald davon flog.
„Schick den Drachen fort“, sagte Ro, ohne Teeses Worte weiter zu kommentieren. „Er soll sich außerhalb unserer Sichtweite bereithalten. Schärfe ihm ein, dass er sich nur zeigen darf, wenn Du es ihm erlaubst und wann das der Fall sein wird, werde ich Dir sagen.“
Ro sah der Elster hinterher und fügte seinen Worten dann hinzu, „Und dann packst Du Deine Sachen zusammen.“
Teese nickte erleichtert, dass eine wütende Reaktion von Ro ausgeblieben war und sah zu Fleck.
‚Ich denke zwar, sie hat es schon verstanden‘, sagte das Seelentier, ‚aber ich werde es Nanu noch einmal mitteilen.‘
‚Danke.‘ Teese machte sich daran, ihre Drachenputzausrüstung einzupacken.
Ihre Hände zitterten leicht und sie sah im Dunkeln alles recht verschwommen. Das waren die Nachwirkungen ihres Blicks in Nanus Augen. Auch machte sich leichte Übelkeit in ihr breit. Am liebsten hätte sie sich kurz hingesetzt oder wäre jetzt in ein schönes warmes Bett gekrochen. Doch das stand leider nicht zur Verfügung.
So schnell es ging, packte sie ihre Sachen zusammen. Noch bevor sie damit fertig war, ließ Nanu ihre Libellenflügel surren und flog davon. Teese sah ihrem Drachen mit gemischten Gefühlen nach. Hätte sie Nanu nicht heimlich geputzt, hätte sie Jacopo nicht so verschreckt. Allerdings hätte sie dann auch nie erfahren, dass die Schärgen des Grafen von Argentanien in der Nähe waren.
Teese hatte ihre Putzsachen kaum im Rucksack verstaut, als sich Ro auch schon zum Gehen wandte. Teese schulterte schnell ihren Rucksack, hängte sich Flecks Tragetasche um und folgte Ro eilig. Für nichts in der Welt wollte sie alleine im Dunkeln am Waldrand zurückbleiben.

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