Zwischen Magiern und Nichtmagiern (4/18)

Posted on Oktober 12, 2012

0


Eine Woge unbändiger Wut verschluckte Teese. Sie erinnerte sich daran, wie sie in der Stadt auf dem großen Platz hatte warten müssen, während die anderen Rinnir gesucht hatten. Natürlich hatte sie ihn riechen können, genauso wie die anderen, die ihm Böses gewollt hatten.
Sie erinnerte sich genau an den Geruch. Sie rochen nicht nach Magiern, aber sie rochen auch nicht nach normalen Menschen. Es war derselbe Geruch wie er ihr jetzt in die Nase geweht wurde. Es waren dieselben Menschen, allen voran der eine, der ihr Alphatier war.
Sie hatte ihn wieder gesehen, als sie über dem Gasthaus ihre Runden gedreht hatte. Sie hatte ihn zu spät bemerkt, um ihn mit einem Feuerhauch von der Straße zu fegen. Es wäre sicherlich besser gewesen. Er war ein Feind, der wie ein Freund auszusehen versuchte.
Eine schlanke Gestalt, wie ein Nichtmagier, aber großgewachsen wie ein Magier. Die langen Haare wie ein Magier, aber die ungeschönten Gesichtszüge eines Nichtmagiers. Unsympathische Gesichtszüge, die Nanu an Timar erinnerten und die Wut verstärkten.
Böse Menschen, die sie und ihre Mutter bedrohten. Es wäre vielleicht besser gewesen, einfach einen Atemzug Feuer die Straße hinunter zu schicken und das Problem aus der Welt zu schaffen, bevor es eines werden konnte. Wenn er jetzt aus dem Wald hervortreten würde…
„Nein, Nanu.“
Teese hatte blinzeln müssen und für einen winzigen Moment nicht in die Augen des Drachens gesehen. Ein winziger Moment, der genügt hatte, um sich aus Nanus Gedanken auszuklinken.
„So etwas darf man nicht tun.“
Teese verdrängte die aufsteigende Übelkeit und hielt sich mit ihren behandschuhten Händen an Nanus Echsenkragen fest, um ihr Gleichgewicht halten zu können.
Sie konzentrierte sich darauf, bewusst zu atmen und versuchte gleichzeitig ihre Gedanken und die von Nanu in ihrem Kopf zu trennen.
Nanu hatte auf dem Platz in Thorhafen gewartet. Teese war auf dem Flügelpferd zu Rinnir geflogen. Nanu war über dem Gasthaus ihre Kreise geflogen. Teese war im Gastraum gewesen und hatte die Männer hereinkommen sehen.
Teese hatte als Mensch nicht den feinen Geruchssinn eines Drachen. Sie hatte die Männer nur an ihrem Äußeren wiedererkannt. Aber ihre Erinnerung stimmte mit der von Nanu überein. Wenn der Geruch, den Nanu jetzt wittern konnte, derselbe war wie in Thorhafen und vor dem Gasthaus, dann wusste Teese, welches Gesicht dazu gehörte.
‚Die Schärgen des Grafen von Argentanien‘, stellte Fleck fest. ‚Eilanne hat zwar gesagt, dass ihr Anführer entkommen konnte, als Rehan die falschen Magier ergreifen wollte, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir wieder auf ihn treffen würden.‘
‚Er folgt uns doch nicht, oder?‘, wollte Teese beunruhigt wissen.
‚Warum sollte er?‘, stellte Fleck die Gegenfrage.
Teese blickte besorgt in die Richtung, in welcher Nanu den als Magier verkleideten Nichtmagier gewittert hatte. Konnte er wissen, dass Teese Dekan Ezzo verständigt hatte, dass sie in das Gasthaus gekommen waren? Ahnte er, dass es ihre Schuld war, dass seine Leute von den Magiern gefangen genommen worden waren?
Teese hielt ihren Blick auf den Waldrand gerichtet, während sie ihre Handschuhe abstreifte und in die Tasche ihres Umhangs griff. Sie fühlte Liinas magische Zettel und versuchte sich zu erinnern, in welcher Reihenfolge sie sie eingesteckt hatte.
Angespannt zog Teese den hintersten hervor. Sie musste nur das Band lösen, um den Zauber zu wirken. Es würde schnell gehen. Und schnell ging es dann auch.
Teese war sich im Nachhinein nicht mehr sicher, was sie als erstes wahrgenommen hatte. War es Nanu gewesen, die blitzschnell ihren Kopf herumgerissen hatte und über Teese hinweg ins Unterholz gesehen hatte? Oder war es das Rascheln gewesen, das Teese in ihrem Rücken gehört hatte. Oder war es doch Flecks Stimme in ihrem Kopf gewesen.
‚Teese, pass auf! Hinter Dir!‘
Teese wirbelte herum. Ohne viel nachzudenken riss sie das rosafarbene Seidenband von Liinas gefaltetem Zettel. Ein eisiger Lufthauch schoss von dem Papier direkt in das Unterholz. Klirrend gefroren Blätter zu Eis. Raureif bedeckte das Gras vor Teeses Füßen bis zu den niedrigen Büschen.
Der Zustand dauerte allerdings nur den Bruchteil eines Augenblicks an. Dann erreichte Nanus Feuerstoß das Blattwerk und die gefrorenen Büsche verkohlten in einem gewaltigen Feuerball zu Asche.
Ein erschrockener Schrei erklang, der nicht zu einem erwachsenen Mann gehören konnte, sondern von einem kleinen Jungen ausgestoßen worden war. Blattwerk raschelte und kleine Äste knackten, als jemand Hals über Kopf in den Wald stürzte.
‚Das war keiner von ihnen‘, kommentierte Fleck nach dem ersten Schrecken.
Teese blinzelte geblendet von Nanus feurigem Atem. Vor ihr musste bis auf die Erde alles verbrannt sein. Das Feuer war allerdings sofort wieder erloschen. Nanu hatte anscheinend nur einmal kurz Feuer ausgestoßen. Die Flamme war verloschen, nachdem sie alles verbrannt hatte, was in ihrer Reichweite gewesen war.
‚Das muss Jacopo gewesen sein‘, fuhr Fleck fort. ‚Er ist uns sicher gefolgt.‘

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements