Zwischen Magiern und Nichtmagiern (3/18)

Posted on Oktober 8, 2012

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Nahe des Waldes konnte Teese schon von Weitem einen großen schwarzen Umriss ausmachen. Hätte sie nicht gewusst, dass es sich dabei um Nanu handelte, sie hätte den dunklen Schatten vermutlich für einen großen Felsblock gehalten oder ein dem Wald vorgelagertes Dickicht.
Selbst als der Mond hinter einer Wolke hervorlugte, war Nanu noch nicht als Drache zu erkennen, was Teese beruhigte. Sie näherten sich jetzt Schastel Awrosch, das eine lebhafte Burgstadt war. Nicht nur in Schastel Awrosch selbst, auch in seiner Umgebung lebten Menschen und je weniger sie von Nanu sahen, desto besser.
„Hallo Nanu“, begrüßte Teese ihren Drachen, der bereits die ganze Zeit in ihre Richtung gesehen hatte.
Nanu schnaubte durch die Nüstern und knisternd sanken ein paar Funken in das feuchte Gras, wo sie allerdings sofort verloschen.
Teese stellte ihren Rucksack ab und packte ihr magisches Laken aus, in welchem das Zubehör für die Drachenpflege verstaut war. Als erstes zog sie die Schutzhandschuhe an und griff dann nach der Dose mit dem Schuppenfett.
Mit einer langstieligen Bürste begann Teese ihren Drachen abzureiben. Als Nanu klein gewesen war, war das immer schnell erledigt. Aber der Drache war jetzt deutlich größer. Nanu war immer noch nicht ausgewachsen und doch bereits so lang wie ein Automobil mit einem Wohnanhänger. Wenn sie auf ihren massigen Beinen stand, war Nanu sogar genauso hoch wie ein solcher Wohnwagen.
Teese brauchte eine ganze Weile, bis sie ihren Drachen komplett eingefettet hatte. Der Inhalt der Dose war schon nach wenigen Minuten verbraucht. Teese schraubte die Dose zu und öffnete sie dann erneut. Sie bewunderte Objektmagier für ihre Fähigkeiten. Denn wer immer die Dose gefertigt hatte, hatte aus ihr mit Magie eine Art Tischlein-Deck-Dich gemacht. Immer wenn man die Dose öffnete, war sie wieder bis zum Rand gefüllt.
Teese nahm sich eine neue Portion Schuppenfett und begann Nanus Kopf einzufetten. Vor allem der Nackenschild war eine komplizierte Angelegenheit, denn er bestand aus einzelnen Partien, die den Schild wie einen aufgeklappten Fächer wirken ließen und es schwer machten, ihn ordentlich einzufetten. Teese war wirklich froh, dass sie nicht auch noch die neuen Flügel fetten musste. Die filigrane Struktur zu bearbeiten würde vermutlich den halben Tag dauern.
Aber auch der Nackenschild brauchte viel Zeit und langsam wurde Nanu ungeduldig. Immer wieder drehte der Drache den Kopf zur Seite, was es für Teese nicht leichter machte.
„Nanu“, ermahnte sie ihren Drachen, „halte bitte still.“
‚Ich glaube, sie hat eine beunruhigende Witterung aufgenommen‘, mischte sich Fleck ein.
Das Kaninchen war aus seiner Tasche geklettert und ein wenig am Waldrand herum gehoppelt, um sich seine Beine zu vertreten.
‚Was für eine beunruhigende Witterung?‘, wollte Teese von ihrem Seelentier wissen.
Es war so unglaublich unpraktisch, dass sie mit Nanu nicht in Gedanken kommunizieren konnte. Ohne Fleck, für welchen Nanus Gedanken offen erkennbar waren, wäre Teese vollkommen planlos, was ihren Drachen anging.
‚Sie wittert Menschen‘, sagte Fleck und zögerte. ‚Ich glaube, Du solltest sie Dir ansehen.‘
‚Ich soll dort hingehen?‘ Teese blickte entsetzt in die Dunkelheit in die Richtung, in welche Nanu immer wieder sah.
‚Nein. Ich meine, Du solltest Dir ansehen, was Nanu denkt‘, sagte Fleck. ‚Sieh ihr in die Augen.‘
‚Aber…‘, unternahm Teese einen Einwand.
Sie hatte bei Magister Nabi einiges über Drachen gelernt. Zu den Grundlagen gehörte, dass man zum Einen Drachen nicht anfassen durfte, weil man sonst Gefahr lief, mit ihnen durch einen Magieschlag verbunden zu werden – wie es bei Yophus geschehen war.
Zum Anderen sollte man ihnen nicht in die Augen sehen, weil man sonst ihre Gefühle und Gedanken auf eine so direkte Art und Weise selbst spürte, dass man alles um sich herum vergaß, einem im Anschluss schwindelig oder schlecht wurde und sich das Gesehene als eigene Erinnerung im Kopf festsetzte.
Magister Nabi hatte Teese erklärt, dass es zwar sehr interessant sein konnte, die Welt in und mit den Augen eines Drachens zu sehen, man aber Gefahr lief, sich irgendwann nicht mehr so richtig daran erinnern zu können, wer man nun selbst war: Mensch oder Drache.
‚Du sollst Nanu auch nicht ständig ansehen, sondern nur dieses eine Mal‘, unterbrach Fleck Teeses Gedanken. ‚Drachen kommunizieren in Gedankenbilder und ich denke, es ist besser, Du siehst das selbst, damit wir uns sicher sein können, dass Nanu sich nicht irrt.‘
Teese fand das alles reichlich kryptisch, aber Fleck war ihr Seelentier und was das Kaninchen sagte, bezweifelte Teese im Grunde nicht.
‚Okay, gut, wenn Du meinst‘, entschied sie daher.
Sie machte sich schon einmal bereit, den Rest der Nacht mit Übelkeit und leichten Gleichgewichtsproblemen zu verbringen und trat vor Nanu. Sicherheitshalber hielt sie sich mit den behandschuhten Händen an ihrem Drachen fest und atmete noch einmal tief durch. Dann sah sie in Nanus tiefschwarze Augen.

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