Zwischen Magiern und Nichtmagiern (2/18)

Posted on Oktober 5, 2012

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Der Name des Jungen war Jacopo. Der tote Junge war sein älterer Bruder gewesen. Sie beerdigten ihn in der Abenddämmerung und setzten trotz der einbrechenden Nacht ihren Weg direkt im Anschluss fort.
Vermutlich wäre es klüger gewesen, in der Felsbehausung der beiden Jungen die Nacht zu verbringen. Aber Ro schien von dem Gedanken genauso wenig angetan zu sein wie Teese. Jacopo folgte den beiden Magiern schweigend in die aufsteigende Dunkelheit. Lange bevor die Sonne verloschen war, wurde das Licht im Wald fahl und diffus. Bäume, Unterholz und Waldboden verschmolzen an vielen Stellen zu einem schwer zu durchschauenden Vorhang.
Einen Weg konnte Teese nicht ausmachen, aber Ro schien genau zu wissen, wohin sie gehen mussten. Woran er sich orientierte, konnte Teese nicht ausmachen. Sie versuchte mehrmals, Magie in ihrer Umgebung zu fühlen, konnte aber nichts entdecken. In gewisser Weise beruhigte sie dies, denn das hieß, dass kein weiteres magiekrankes Kind in der näheren Umgebung war.
Als die Sonne untergegangen war, zündete Ro seine Laterne an, in deren Licht sie ihre Reise fortsetzten. Teese verkniff sich die Frage nach einem Nachtlager oder nach einer Pause. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Teese durch die Dunkelheit nur dem Schein der Laterne gefolgt war, wurde es heller.
Der Wald begann sich zu lichten und das fahle Mondlicht begrüßte sie auf einer Wiese mit hohem Gras. Teese atmete tief durch und fühlte eine gewisse Befreiung. Trotz der Dunkelheit, konnte sie den Blick seit langem erstmals wieder frei schweifen lassen. In der Ferne waren kleine Lichter zu sehen, die vielleicht zu einer Stadt gehörten.
Ro musterte ihre Umgebung einen Augenblick als versuche er sich zu orientieren und lief dann zielstrebig quer durch die Wiese. Nach einer Weile konnte Teese sehen, dass er auf eine kleine Hütte zuhielt. Ein niedriges Gebäude aus Stein, anscheinend ohne Fenster und mit einem schrägen Dach. Es war nicht viel größer als Teeses Wohnzimmer zu Hause und gerade hoch genug, dass sie eintreten konnte, ohne den Kopf einziehen zu müssen.
Ohne anzuklopfen öffnete Ro die Tür und leuchtete ins Innere. Im Schein der Laterne konnte Teese an den Wänden eingezogene Böden sehen, auf welchen Heu lagerte. Anscheinend war dies eine Scheune. Allerdings fragte sich Teese, wo der dazugehörige Bauernhof sein mochte. In der Nähe hatte sie kein Gebäude gesehen. Jedoch war es gut möglich, dass er nicht weit war und sie ihn in der Dunkelheit nicht hatte ausmachen können.
„Hier werden wir übernachten“, sagte Ro.
„Gut.“ Teese entschied, dass dieser Ort zu den besseren gehörte, an welchen sie die letzten Nächte geschlafen hatte. Sie versuchte nicht an Eilannes Gasthaus und das gemütliche Bett in ihrem Zimmer dort zu denken, während sie ihren Schlafplatz herrichtete.
Zum Schlafen wählte Teese den Heuboden zu ihrer Linken. Eine dünne Schicht Heu lag dort als recht weiche Unterlage, auf welcher Teese ihre Decke ausbreitete. Jacopo kroch in den Heuboden ihr gegenüber und schob das Heu nach vorne auf, so dass eine breite Barriere ihn vom Rest des Raumes trennte. Teese musste unwillkürlich an das nestähnliche Bett denken, das sich die Brüder in ihrem Unterschlupf hergerichtet hatten. Nur, dass der Rand von diesem Nest hier deutlich höher war.
Teese bekam von dem kleinen Jungen nichts zu sehen, bis Ro sie zum Essen rief und Jacopo über seine Heubarriere hinauskletterte.
In sicherem Abstand zu dem Heuschober hatte Ro im Freien ein Feuer entzündet und die von Teese gesammelten Pilze gebraten. Das Pilzgericht roch verheißungsvoll. Und die Aussicht auf eine warme Mahlzeit bei diesem kalten und ungemütlichen Wetter hob Teeses Stimmung endlich wieder.
Sogar Ros Elster schien der Geruch des Essens angelockt zu haben. Denn anstatt wie sonst üblich ihren Abstand zu halten, hüpfte die Elster keck ans Feuer und klaute ein paar Pilze direkt aus der Pfanne. Und das, obwohl Seelentiere überhaupt keine Nahrung benötigten.
Fleck hatte jedenfalls noch nie irgendetwas gefressen. Aber vielleicht kam das Kaninchen heute ebenfalls auf den Geschmack. Immerhin würden sie heute praktisch in Kaninchenfutter schlafen.
‚Du kannst gerne etwas davon mitnehmen‘, meldete sich Fleck zu Wort. ‚Immerhin sollte ich unserem neuen Freund vormachen, dass ich ein ganz normales Kaninchen bin.‘
Teese dachte kurz darüber nach. Seit Jacopo mit ihnen unterwegs war, hatte sich Fleck in seiner Tasche versteckt gehalten. Aber das würde nicht die ganze Zeit so ablaufen können. Seelentiere waren vielleicht keine normalen Tiere, aber einsperren sollte man sie deswegen noch lange nicht.
‚Und apropos normale Tiere‘, fuhr Fleck fort. ‚Nanu ist am Rande des Waldes gelandet und sie würde gerne ihre Schuppen gefettet haben und einmal gekrault werden. Nicht, dass das überlebensnotwendig wäre, aber ich werde nicht mit einem Drachen diskutieren.‘
Teese nickte in Gedanken und nahm sich einen Nachschlag von Ros Pilzpfanne. Jacopo warf ihr einen schwer zu deutenden Seitenblick zu, aber als er merkte, dass Teese sich ihm zuwandte, blickte er eilig wieder auf seine Portion des Abendessens, die nur langsam weniger zu werden schien.
‚Sag‘ Nanu, dass ich komme, sobald Jacopo schläft‘, sagte Teese.
In den letzten Tagen hatte sie Nanu nicht gesehen und sich somit auch nicht um sie kümmern können. Der Wald war einfach zu dicht gewesen, als dass ein Drache hätte landen können, ohne sich vorher eine Schneise durch die Bäume zu brennen.
Jetzt gab es zwar genug Landeflächen, aber so lange Jacopo bei ihnen war, musste Teese ein ganz normales nichtmagisches Mädchen sein. Und das hieß nicht nur, dass Fleck zu einem normalen Kaninchen werden musste, sondern auch, dass Teese keinen Drachen hatte.
Nichtmagier fürchteten Drachen. Sie waren übermächtige Raubtiere, für welche Menschen in der Regel nichts anderes waren als normale Nahrung. Für sie bestand kein Unterschied zwischen einem Menschen und einem Hirsch oder einem Wildschwein – außer dass Menschen vielleicht auf zwei Beinen liefen.
Nanu bildete eine Ausnahme, weil sie glaubte, dass ihre Mutter ein Mensch war. Aber das war einem Nichtmagier wohl nur schwer zu vermitteln. Besser Nanu blieb auch weiterhin unsichtbar für die Nichtmagier, schon einmal weil es die Drachenbekämpfer gab, Krieger, die sich auf den Kampf gegen Drachen spezialisiert hatten.
Eine Begegnung ihres Drachen mit einem Drachenbekämpfer wollte Teese um alles in der Welt vermeiden. Also legte sie sich nach dem Essen einfach in ihren Schlafsack auf dem Heuboden und versuchte wach zu bleiben, bis sie sicher sein konnte, dass Jacopo ihr gegenüber eingeschlafen war. Dass er sich hinter einem Haufen Heu vergraben hatte, machte die Sache für Teese dabei leichter, denn selbst wenn er noch nicht schlafen sollte, konnte er sie schwerlich sehen, als sie aufstand.
Darauf bemüht keine Geräusche zu machen, schlich sich Teese mit ihrem Rucksack und Fleck in der Umhängetasche aus dem Heuschober und eilte zum Waldrand. Mehrmals sah sie sich dabei um, ob ihr nicht doch jemand folgte, doch die Hütte lag verlassen da.

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