Zwischen Magiern und Nichtmagiern (1/18)

Posted on Oktober 1, 2012

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Dekan Ezzo saß auf dem mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Stuhl, der mehr einem Thron ähnelte als einem einfachen Sitzmöbel, und blickte über den Schreibtisch hinweg den kleinen Jungen an, der auf dem wesentlich schlichteren Besucherstuhl saß und sich sichtlich unwohl fühlte.
Der Dekan hatte den Jungen in den letzten Tagen immer wieder prüfend gemustert, doch wirklich sicher war er sich bis zum Ende nicht gewesen. Sie sahen sich wirklich sehr ähnlich, die beiden Cunningham-Jungen. Von den Gesichtszügen konnte man sie wohl nur auseinanderhalten, wenn man beide vor sich hatte. Vermutlich war dies der Grund dafür, dass sich ihre Eltern entschieden hatten, ihnen unterschiedliche Haarschnitte zu verpassen.
Jetzt, da der Dekan wusste, welchen der beiden er vor sich hatte, hatte er den Eindruck, dass die verschiedenen Frisuren aber auch Ausdruck des jeweiligen Charakters der Jungen waren.
Gabriel, der Rinnir des letzten Halbjahres, war ein verschlossener und misstrauischer Junge, klug aber anscheinend mit keinem besonderen Talent, weder in der Magie noch in den Disziplinen der alten Welt. Seine Haare trug er fast kinnlang. Dunkelblonde Strähnen hingen ihm stets ins Gesicht, genauso widerspenstig wie der Junge.
Daniel, der Rinnir, der nun vor ihm saß, hatte kurzgeschnittene Haare, die ordentlich zu einem Seitenscheitel gekämmt waren. Rutschten sie doch ins Gesicht, wurden sie eilig wieder an ihren Platz zurückbefördert. Daniel mochte keine offenen Haare und schon gar keine Strähnen, die ihm ins Gesicht hingen. Er war der ordentliche Typ. Der Dekan war versucht zu sagen, ein braver Junge.
Selbst jetzt, da er vor ihm saß und krampfhaft versuchte, zu vertuschen, was sein Bruder sich ausgedacht hatte, wirkte er wesentlich offener und vertrauensvoller als sein Bruder.
Dekan Ezzo wusste, dass er in der alten Welt herausragende Leistungen in Mathematik erbracht hatte und in seinem Heimatland einen entsprechenden Wettbewerb gewonnen hatte. Dass er auch ausgesprochen musikalisch war, wunderte den Dekan wenig, nun da sich sein magisches Talent gezeigt hatte.
Diesen Jungen für Weltenei zu gewinnen wäre ein Gewinn für die Menschheit. Und der Dekan war sich beinahe sicher, dass der Junge sein neues Leben als Magier genoss. Was ihn ein wenig irritierte war seine offenkundige Zuneigung zu seinem Seelentier, das nicht seines war, sondern bislang nur die Magie seines Bruders enthielt. Zwillinge waren Ausnahmen, aber dennoch waren auch sie Individuen. Der Junge brauchte sein eigenes Seelentier, um im Leben voran zu kommen.
„Das heißt, Sie schicken mich nicht nach Hause?“
Rinnir rutschte unruhig auf seinem Stuhl nach vorne, ohne die Hand vom Panzer der kleinen Schildkröte zu nehmen, die auf seinem Schoß saß.
„Nein.“ Dekan Ezzo setzte ein gewinnbringendes Lächeln auf. „Du hast ein Recht an diesem Ort zu sein, so wie Dein Bruder ein Recht darauf hatte. Es war kein Verstoß gegen irgendeine unserer Regeln, dass Du nach Weltenei gekommen bist. Dass Du Deine Identität geheim gehalten hast, mögen Dir zwar Einige nachtragen, eine Strafe gibt es dafür allerdings in unserem Rechtssystem keine. Anders…“
Rinnir verkrampfte sich sichtbar.
„Anders sieht es hingegen mit Deinem Bruder aus“, fuhr der Dekan fort. Das Lächeln wich einem ernsten und besorgten Gesichtsausdruck. „Er hat gegen eine der grundlegenden Regeln auf Weltenei verstoßen. Es ist jedem Studenten untersagt, einem neuen Kandidaten gegenüber die Existenz der alten Welt zu offenbaren, so lange sie sich noch nicht an ihr Leben dort erinnern können. Es ist ihnen untersagt, weil es den Kandidaten sonst unmöglich ist, ein Talent zu finden, wie Dein Bruder nur zu gut weiß.“
Rinnir hob leicht die Hand als würde er sich in einer Unterrichtsstunde melden. „Aber“, wagte er einen Einwand, „ich habe mein Talent gefunden. Es ist kein Schaden dadurch entstanden, dass mein Bruder mir all die Dinge aufgeschrieben hat.“
„Ja, das ist wahr“, stimmte der Dekan zu. „Du hast Dein Talent vorher gefunden. Allerdings war dies reiner Zufall. Die Absicht Deines Bruders war, dass Du talentlos bleibst, wie er.“
Rinnir schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Es ging einfach nicht anders. Ich musste Bescheid wissen über die Magie, wie man sie anwendet und all die Dinge, die mein Bruder wusste. Ansonsten wäre sofort aufgefallen, dass ich nicht er bin…“
Dekan Ezzo ließ die Worte ins Leere laufen. Er spürte, wie unwohl dem Jungen bei den Worten war. Er war kein Intrigant und kein guter Lügner. Er hielt es wohl am liebsten mit der Wahrheit. Hätte er genau gewusst, worauf er sich einließ, wäre er kaum den Plänen seines Bruders gefolgt. Pläne, die jetzt vermutlich nach hinten losgingen – sofern der Dekan richtig lag, was Gabriels Intention bei der ganzen Sache anging.
„Du musst Deinen Bruder nicht verteidigen“, sagte der Dekan. „Er wird in Abwesenheit für seinen Regelbruch verurteilt werden und da er nicht vorhat, jemals in die neue Welt zurückzukehren, wird die Strafe wohl auch in Abwesenheit vollstreckt werden.“
Die Worte beruhigten Rinnir in keiner Weise. „Was wird diese Strafe sein?“
„Sein Seelentier wird gebannt werden.“ Dekan Ezzo faltete bedächtig seine Hände auf dem Schreibtisch. „Das heißt, es wird in das Reservat gebracht und dort in den ewigen Schlaf gebettet. Es wird nicht mehr erwachen können, selbst wenn sein Magier in die neue Welt zurückkommt.“
Dekan Ezzo hätte nicht erwartet, dass sie nach der Bestrafung von Faraas so schnell schon wieder auf dieses Verfahren zurückgreifen mussten. Es war keine schöne Angelegenheit, denn es bedeutete, dass sie einen weiteren Magier verloren. Aber Regeln mussten beachtet werden. Es gab nur wenige mögliche Ausnahmen. Der Dekan wartete auf Rinnirs Reaktion, um nach einer dieser Ausnahmen Ausschau zu halten.
„Aber“, kam denn auch sofort der Einwand des Jungen, „ich brauche das Seelentier.“ Er umschloss die Schildkröte mit beiden Armen als wolle der Dekan sie ihm gleich mit Gewalt entreißen.
„Du wirst eine eigene Aura-Kugel bekommen und ein eigenes Seelentier formen“, sagte der Dekan.
„Nein. Sie verstehen das nicht.“ Rinnir wirkte verzweifelt. „Es ist ein Seelentier für uns beide. Er hat es für uns gemacht.“
Der Dekan stand auf und umrundete den Schreibtisch. Vor Rinnir blieb er stehen und ging in die Hocke. Er streckte seine linke Hand aus und tat das, was Magier auf Weltenei in der Regel niemals taten: Er berührte das Seelentier des anderen.
Nur kurz ruhte die Hand des Dekans auf dem Panzer der Schildkröte. Dann zog er sie zurück und erhob sich. Nachdenklich ging er hinüber zu den großen Fenstern, die einen Blick über den Inselberg bis hinunter zur Anlegestelle der Boote erlaubte.
Der Dekan sah aus dem Fenster und wägte seine Optionen ab, denn der Junge hatte mit seinen Worten Recht gehabt. Das erklärte zum Einen Vieles, zum Anderen änderte es aber auch Alles.

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