Der Weg der Magie (20/20)

Posted on September 14, 2012

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„Ja?“ Ro wartete offenkundig darauf, dass Teese in ihrer Erklärung fortfuhr.
Eilig sammelte sie sich. „Die Magie ist freigesetzt worden, aber in dieser Welt geblieben. Sie ist nicht zu Inspiration in der alten Welt geworden. Stattdessen befällt sie Nichtmagier.“
Ro lachte schnaubend. „Sie sucht sich ein freies Gefäß, meinst Du“, sagte er. „So wie die Magie in der neuen Welt.“
Teese runzelte die Stirn.
„Du hast es anscheinend doch nicht richtig verstanden“, stellte Ro fest. „Magie, die in die alte Welt kommt, wird zu Inspiration. Sie stiftet neue Ideen, die in der Regel zum Wohle der Menschheit gereichen – auf alle Fälle aber zu ihrem Fortschritt. Danach wird sie wieder zu Magie und fließt in aufnahmefähige Gefäße. Kinder wie Dich, die dann zu Magiern werden.“
Teese hörte staunend zu. Diesen Teil hatte ihr bisher niemand erzählt. Jedenfalls nicht mit diesem Wortlaut. Ihre Magie war also praktisch benutzte Magie.
„Meine Magie ist in der neuen Welt geblieben. Aber auch sie hat aufnahmefähige Gefäße gesucht, um sie füllen zu können“, sagte Ro. „Nur dass Kinder hier keine Magier werden können. Magie erfüllt sie zwar, aber für die Menschen in der neuen Welt ist sie gefährlich. Sie sterben daran und werden keine Magier. Deswegen entferne ich sie und verwahre sie in den Aura-Kugeln.“
„Und die Kinder werden keine Magier“, stellte Teese fest.
„Nein“, sagte Ro.
Teese zögerte, als ihr plötzlich etwas bewusst wurde. „Timar… Er ist Magier geworden.“
Auf einmal war es klar und deutlich. Marisan hatte es doch selbst gesagt. Timarel, ihr kleiner Bruder, war krank gewesen und Ro hatte ihn geheilt. Jetzt war er Timar und ein Magier – obwohl er als Sohn eines Magiers ein Nichtmagier sein musste.
„Dekan Ezzo schlug vor, einen Versuch zu wagen.“ Ro wirkte nicht ganz wohl bei der Vorstellung.
„Timar hat aus der Aura-Kugel ein Seelentier geformt“, sagte Teese fest. „Und dabei ist es nicht einmal seine Magie.“
„Deine Magie ist in Wirklichkeit auch nicht Deine Magie“, hielt Ro dagegen.
„Ja, aber…“
„Nichts aber.“
„Das heißt, dieser Junge“, Teese sah zurück zu der künstlichen Höhle, „wird auch ein Seelentier formen können?“
Im Grunde zweifelte sie bereits daran, kaum dass sie die Worte ausgesprochen hatte.
„Nein.“
„Warum nicht?“ Wenn Timar zum Magier hatte werden können, dann war es nur gerecht, wenn auch andere Kinder es wurden. In gewisser Weise waren sie genauso wie Teese. Nur, dass sie in eine andere Welt geboren worden waren.
„Magier üben Magie nicht zum Spaß aus“, sagte Ro. „Sie dient alleine dazu, am Ende des Lebens in die alte Welt abgegeben zu werden, um ihren Fortschritt zu sichern. Das ist nicht die Aufgabe der Menschen der neuen Welt.“
„Aber es würde ihr Leben einfacher machen“, wandte Teese ein.
„Magie ist nicht dazu da, Dein Leben einfacher zu machen“, sagte Ro scharf.
„Aber…“
„Nichts, aber“, wiederholte Ro.
Ro ergriff wieder die Schaufen und grub weiter. Teese verstand. Dies Mal war die Unterhaltung an dieser Stelle beendet.
‚Dekan Roath hat das mit Sicherheit anders gesehen‘, stellte Fleck fest.
Teese rümpfte die Nase. ‚Mit Sicherheit“, stimmte sie zu.
Er hatte Magie angesammelt, um mächtig zu werden. Er hatte Magie für sich nutzen wollen. Die neue Welt war ihm egal gewesen.
‚Anscheinend hat er seinen Fehler eingesehen‘, sagte Fleck.
Teese hielt irritiert inne. ‚Äh – ja.‘ Was wollte ihr Seelentier damit sagen?
‚Ich denke einfach, das ist doch gut zu wissen, oder?‘ Fleck streckte sich und legte sich neben Teese.
‚Ja.‘ In gewisser Weise hatte Fleck natürlich Recht. Sie war nach ihrer Entdeckung von Ros wahrer Identität immer unsicher gewesen in seiner Gegenwart. Dekan Roath hatte in Teese keinerlei Sympathien geweckt. Er war kein netter Mensch gewesen.
Nun, Ro war auch kein netter Mensch, aber das hatte ganz andere Gründe. Vermutlich war es alles andere als einfach, mit der eigenen Vergangenheit zu leben. Jedenfalls mit einer solchen.
Zwei Drittel seiner Magie fehlten noch. Zwei Drittel, die jedes Jahr wieder Kindern das Leben kostete, ohne dass sie daran irgendeine Schuld trugen. Sie waren einfach nur leere magische Gefäße in der verkehrten Welt. Und wenn Ro für das erste Drittel tausend Jahre benötigt hatte… Teese schauderte bei der Vorstellung.

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