Der Weg der Magie (19/20)

Posted on September 10, 2012

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Der Schatten eines Vogels glitt über Teese hinweg und Ros Seelentier landete auf einem niedrigen Ast, ein Stück vor ihnen. Die Elster legte den Kopf schief und betrachtete Teese interessiert.
‚Selbst Ro hat sich dafür entschieden dort zu helfen, wo er es noch kann‘, sagte Fleck nach einem Augenblick des Schweigens, in dem Seelentier und Magierin ihren Gedanken nachhingen.
Teese sah über ihren Rücken zurück zu dem großen Findling und der künstlichen Steinmauer, welche ihn in eine Behausung verwandelt hatte. Ro kam den Hang hinunter gelaufen. Er hatte es anscheinend nicht sonderlich eilig und er hatte einen Spaten dabei.
‚Was macht er mit den Aura-Kugeln?‘, wollte sie wissen.
Fleck richtete sich auf und begann damit seine Ohren zu putzen. ‚Vermutlich werden sie irgendwo gelagert.‘
Teese dachte nach. ‚Wie lange er das wohl schon macht?‘
Ro passierte Teese und wählte eine flach auslaufende Stelle am Hang, um den Spaten anzusetzen. Mit den ersten Spatenstichen grub Ro die äußere Umrandung eines Rechtecks und begann dann eine Grube auszuheben. Ein Grab.
Teese sah einen Moment nachdenklich zu, bevor sie es wagte, sich zu Wort zu melden. „Kann ich helfen?“
„Nein.“ Ro unterbrach seine Arbeit nicht einmal.
„Mit Magie wäre es leichter“, warf Teese ein.
„Nein.“ Ros Stimme klang scharf.
‚Ich glaube, er betrachtet das als seine Arbeit‘, sagte Fleck.
Teese überlegte, ob sie nicht einfach gehen sollte. Jemandem bei der Arbeit zuzusehen, ohne zu helfen, erschien ihr unhöflich. Egal ob derjenige Hilfe wollte oder nicht. Aber andererseits war sie ganz froh, hier nicht alleine sitzen zu müssen, selbst wenn es Ro war, der ihr Gesellschaft leistete.
Nachdem Ro die Grube knietief ausgehoben hatte, wagte Teese es erneut die Stille zu brechen und die Frage zu stellen, die ihr bereits die ganze Zeit durch den Kopf ging.
„Wieviele dieser vollen Aura-Kugeln gibt es schon?“
Ro stützte sich auf den Spaten und sah zu Teese, die noch immer an den Baum gelehnt dahockte.
„Über tausend“, sagte er.
Teese riss die Augen auf. „So viele?“
„In hundertzwanzig Jahren kommt einiges zusammen“, stellte Ro recht trocken fest.
„Und – wo sind sie alle?“
„Dekan Ezzo verwahrt sie.“
Das war keine vollständige Antwort. Wo lagerte man auf Weltenei über tausend Aura-Kugeln? Das war sicherlich eine Menge Magie.
„Wieviel Magie ist es?“, erkundigte sich Teese.
Ros Gesichtsausdruck war unbewegt. „Wie meinst Du das?“
„Wieviel der Magie, die Du ursprünglich in Dir hattest, ist jetzt in diesen Kugeln?“, fasste Teese ihre Frage genauer.
Ro zu dutzen fiel ihr immer noch schwer, auch wenn sie es seit Beginn der Reise tat – auf sein Geheiß. Immerhin waren sie als Vater und Tochter unterwegs. Und auch wenn sie die meiste Zeit alleine waren, bestand Ro darauf, dass es eine gute Übung sei, damit sich Teese nicht verplappern würde, wenn sei denn in Gesellschaft von Nichtmagiern sein würden.
Doch gerade in Momenten wie diesen, fühlte es sich seltsam an. Denn jetzt sprach sie nicht mit Ro, dem missmutigen Magier mit der weißen Schärpe, sondern mit Ro, dem ehemaligen Dekan Roath, der einmal der mächtigste Magier in der neuen Welt gewesen war.
„Ein Drittel“, antwortete Ro knapp auf ihre Frage.
„Das heißt, es fehlen noch zwei Drittel?“ Teese fühlte sich äußerst unbehaglich bei dem Gedanken.
„Ja. Aber jedes Jahr wird es weniger, die sich aufspüren lässt.“
Die sich aufspüren lässt… Das klang so sachlich in Teeses Ohren. Dabei ging es um Magie, die Menschen sterben ließ, wenn man sie nicht rechtzeitig genug fand. Und Ro ging nur einmal im Jahr auf diese Reise. Wieso eigentlich?
„Du verstehst, was hier vor sich geht?“, erkundigte sich Ro als habe er ihre Gedanken erahnen können.
Teese nickte. „Ja.“
„Dann erkläre es mir.“
„Äh.“ Teese musste kurz nachdenken, wie sie am besten begann. „Als das Seelentier vernichtet wurde, ist seine gesamte Magie freigesetzt worden.“
Ro nickte. Vermutlich konnte er sich denken, woher Teese darüber Bescheid wusste. Sie hatte die Aura-Kugel, welche die Geschehnisse aus Dekanin Winnas Erinnerung zeigte, von Dekan Ezzo mit nach Hause bekommen, um sie sich anzusehen.
Nachdem sie die Erinnerung betrachtet hatte, hatte Yophus sie aus ihrem Zimmer entwendet, weil sie geglaubt hatte, dass es Teeses Aura-Kugel sein würde. Sie hatte sie Timar gebracht, damit dieser sie auslesen konnte, doch dabei war die Kugel zerstört worden. Ro war dabei gewesen und Dekan Ezzo hatte ihn angewiesen, die Kugel neu zu befüllen.
Damals hatte Teese das nicht verstanden, doch seit sie wusste, dass Ro der namenlose Dekan war, dessen Bestrafung die Kugel gezeigt hatte, war ihr klar, was die Kugel nun beinhaltete. Die Erinnerung Ros an diesen Vorgang. Und sie verstand, warum Ro dem Dekan gesagt hatte, dass die Kugel wohl niemand jemals betrachten könne, ohne daran Schaden zu nehmen.
Teese hatte den Vorgang schon aus Dekanin Winnas Sicht als erschreckend und brutal empfunden. Wie erst würde es sich anfühlen, wenn man diese Folter aus Sicht des Opfers erleben würde? Kein zukünftiger Dekan würde sie jemals zu seiner Vorbereitung ansehen können.

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