Der Weg der Magie (18/20)

Posted on September 7, 2012

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„Lenidas?“
Die Stimme des kleinen Jungen ließ Teese und Ro gleichermaßen zusammenzucken. Er hatte die Augen geöffnet und richtete sich im nächten Moment erschrocken auf. Hektisch sah er um sich, sah Ro, sah Teese und dann zu dem Lager.
„Lenidas!“
Als wäre er nicht eben noch schwer krank gewesen, sprang der Junge auf und stürzte zu dem toten Jungen. Teese stand wie versteinert da, als er sich über ihn beugte und hemmungslos schluchzte.
Ro erhob sich und wandte sich zu Teese. „Geh nach draußen.“
Teese ließ ihre Sachen stehen und liegen und trat eilig den Rückzug an. Fleck hoppelte ihr schnell hinterher. Teese zwängte sich durch den schmalen Eingang in die künstliche Höhle und wurde von hellem Sonnenlicht geblendet.
Auf wackeligen Beinen lief sie den Hang hinab, bis sie außer Hörweite war. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Bäume und rutschte an ihm hinunter in eine hockende Position. Teeses Herz schlug so schnell als wäre sie einmal rund um Weltenei gerannt, aber in ihrem Kopf herrschte nichts als Leere.
Sie sah in den Wald hinab, welcher sich den Hang hinunter weiter ausbreitete. Außer dichten Bäumen war nichts zu sehen. Irgendwo vor ihr musste der Wald enden. Er konnte sich nicht unendlich weiter ausdehnen, aber die dichten Bäume erlaubten keinen Blick ins Freie.
Teese legte den Kopf in den Nacken und sah an dem Baumstamm in ihrem Rücken hinauf. Äste strebten von ihm in alle Richtungen davon und streckten ihre kleinen Zweige von sich auf der Suche nach Sonnenlicht, das ihre Blätter bald aufnehmen mussten.
Noch waren die Blätter nicht mehr als kleine Knospen und Teese konnte durch die Äste hindurch in den Himmel sehen, der blau war, strahlend blau. Aber Teese wusste, dass das eigentlich nicht stimmte. Für das Blau war nur die Sonne verantwortlich. Eigentlich war der Himmel schwarz, denn er ging über in die unendliche Finsternis des Weltalls, in dem nichts war.
Im All gab es keine Luft zum Atmen, keine Wärme um den Körper am Erfrieren zu hindern, keine Anziehungskraft, die ein Oben und ein Unten möglich machte und kein Druck, der die Dinge zusammenhielt. Die Erde war eine kleine Kugel mitten im Nichts. Und die Sonne, die so angenehm warm auf Teese herabschien, war in Wahrheit eine brodelnde Gaskugel, die beständig sich selbst verbrannte und irgendwann verlöschen würde.
‚Aber es gibt andere Planeten.‘ Fleck hatte Teese erreicht und sprang auf ihre angezogenen Knie. ‚Und Sterne, ferne Sonnen, Spiralnebel und andere Galaxien mit Planeten, die genauso wunderbar sind wie die Erde, wenn auch vollkommen anders.‘
Teese senkte ihren Blick auf ihr Seelentier, ein schwarz-weißes Kaninchen, geformt aus ihrer eigenen Magie. Derselben Magie, die einen Jungen heute das Leben gekostet hatte und einen anderen an den Rand des Todes geführt hatte.
‚Magie ist nicht anders als das Leben selbst, Teese‘, murmelte ihr Seelentier. ‚Sie ist nicht gut und nicht böse. Sie ist manchmal Leben und manchmal Tod. Beides gehört einfach zur Existenz dazu. Wenn Du das Leben willst, musst Du den Tod in Kauf nehmen.‘
‚Aber‘, wandte Teese ein, obwohl sie wusste, dass es ein kindischer Einwand war, ‚das ist nicht gerecht.‘
‚Leben vergeht und neues kann entstehen.‘
‚Darum geht es nicht‘, beharrte Teese. ‚So zu sterben ist nicht…‘ Dafür gab es kein Wort. ‚So sollte das nicht sein. Er konnte doch gar nichts dazu.‘
‚Selten kann jemand etwas dazu.‘
Teese seufzte. Das war alles so sinnlos. ‚Wozu strebt man dann überhaupt danach irgendetwas zu verändern?‘, wollte sie wissen. ‚Wenn man solche Dinge nicht ändern kann.‘
‚Du kannst den Tod ändern‘, sagte Fleck. ‚Nicht den von jedem einzelnen, aber Du kannst danach streben neue Techniken zu entwickeln, die mehr Nahrungsmittel erzeugen oder die Wüste ergrünen lassen. Du kannst danach streben, den Menschen verständlich zu machen, dass Gewalt und Krieg keine Lösung sind. Du kannst neue Ideale schaffen und moralische Vorstellungen, die viele Arten des Todes seltener machen.‘
Teese lauschte in sich hinein. Sie war eine Magierin. Wenn sie eines Tages sterben würde, würde sie ihre Magie freisetzen und etwas Derartiges schaffen können, so wie viele Dekane vor ihr, so wie viele Magier vor ihr.
‚Früher sind die Menschen nicht so alt geworden wie heute‘, sagte Fleck. ‚Heute kann man in ein Krankenhaus gehen und Hilfe erhalten. Wenn irgendwo eine Hungersnot herrscht oder ein Unglück geschehen ist, kommt die Nachricht schnell in allen anderen Ländern an und man kann Nahrung schicken, Geräte, um sauberes Trinkwasser herzustellen, Kleidung und Decken.‘
‚Aber jedem kann man auch damit nicht helfen‘, wandte Teese ein.
‚Nein, aber vielen. Willst Du dort nicht helfen, wo es geht nur weil Du an anderen Stellen nicht helfen kannst?‘
Teese atmete tief durch. Es änderte nichts daran, dass es nicht gerecht war. Auch wenn sie wusste, dass ihr Seelentier Recht hatte, fühlte es sich nicht richtig an.

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