Der Weg der Magie (17/20)

Posted on August 31, 2012

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Im Inneren erstreckte sich ein kleiner Raum, dessen Decke der schwere Findlingsblock bildete. Die eine Seite bestand aus nackter Erde, die andere aus der künstlichen Steinmauer. Anscheinend wohnte hier jemand, denn Teese konnte im flackernden Schein von Ros Laterne drei geflochtene Körbe an der Mauer stehen sehen.
Im hinteren Teil des Raumes war ein Lager aufgeschüttet worden, das aus einer Mischung aus Laub, Stroh, Federn und getrocknetem Gras zu bestehen schien. Es wirkte wie ein übergroßes Vogelnest, in welchem zwei Jungen lagen. Im Schein der Laterne wirkten die Gesichter weiß und wächsern. Der ältere – er mochte wohl Teeses Alter haben – hielt den kleineren von hinten schützend umarmt. Beide schienen zu schlafen, doch Teese spürte bei ihrem Anblick eine gewisse Beklemmung.
Ihre Hände kribbelten und gleichzeitig richteten sich ihre Nackenhaare auf. Sie hielt unwillkürlich den Atem an, als Ro die Laterne abstellte und zu den beiden Jungen ging.
„Breite hier vorne meine Decke aus“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
Teese stellte eilig ihren Rucksack ab und streifte die Umhängetasche mit Fleck ab, um sich freier bewegen zu können. Ro hatte eine leichte Steppdecke in seinem Gepäck, die unter dem Rucksack als kompakte Rolle befestigt war. Teese löste die Riemen und rollte die Decke aus.
Ro trug den kleineren der beiden Jungen auf seinen Armen zu ihr und legte ihn behutsam ab. Teese sah zu dem Schlaflager und bemerkte, dass der ältere noch genauso dalag, wie eben. Er schien in seiner Körperhaltung erstarrt zu sein. Der Rücken war noch gekrümmt, so wie er über den Jüngeren gebeugt gewesen war. Der linke Arm stand steif nach vorne und schloss sich in einer leeren Umarmung vor dem Körper. Wie bei einer Schaufensterpuppe, die man in eine Position gedreht hatte und die diese einfach beibehielt. Nicht wie bei einem lebenden Jungen, dessen Arm selbst im Schlaf in eine natürliche Stellung zurückgesunken wäre.
‚Dieser hier ist tot, Teese‘, informierte Fleck das Mädchen betroffen.
Teese wagte kaum in die merkwürdige Stille des Raumes zu atmen. Sie konnte ihren eigenen Herzschlag spüren und ihren Blick nicht von dem Jungen lassen, der im Tod den kleineren schützend umarmt hatte. Schützend wovor?
Das Kribbeln in Teeses Armen gab ihr die Antwort. Es hatte sich vom Lager entfernt und war nun links von ihr zu spüren, dort wo Ro den kleinen Jungen abgelegt hatte. Er war unnatürlich blass, aber seine Wangen waren gerötet. Das Gesicht war schweißbedeckt und Teese musste sofort an den jungen Bänkelsänger im Gasthaus zum ewigen Kreuz denken, den Ro geheilt hatte.
Der kleine Junge vor ihr litt aber nicht an einer Grippe. Da war sich Teese vollkommen sicher. Er litt an Magie. Wie auch immer das möglich war.
„Ich brauche den Kasten mit den Aura-Kugeln.“ Ros Stimme klang gepresst.
„Ja“, flüsterte Teese und ging wieder zu Ros Rucksack.
Die hölzerne Schatulle lag ganz weit oben und Teese musste nicht lange suchen. Es war ein schlichtes dunkles Kästchen aus Holz mit einem Metallverschluss zum Aufklappen. Teese trug die Schatulle zu Ro und dem kleinen Jungen und stellte sie vor die beiden.
Ohne auf Ros Anweisung zu warten, öffnete sie das Kästchen. In seinem Inneren waren zwölf Vertiefungen, in welchen aber nur elf Aura-Kugeln lagen. Dekan Ezzo hatte bei der Übergabe des Kästchens gesagt, er habe eine unerwartet dringend benötigt – oder so etwas in der Art. Teese hatte nicht weiter darüber nachgedacht, denn sie hatte sich genauso wenig vorstellen können, wozu der Dekan eine Aura-Kugel benötigte wie Ro.
Teese sah auf die leeren Kugeln, die aussahen wie durchsichtige Christbaumkugeln. Sie waren rund und gläsern. Wenn man sie in die Hand nahm, waren sie leicht wie aus Plexiglas oder Plastik und doch fühlten sie sich sehr massiv an. Aus was sie wirklich bestanden, wusste Teese nicht, aber sicherlich waren es magische Objekte.
In Aura-Kugeln gaben die neuen Kandidaten ihre Magie, sobald sie auf Weltenei ihr Talent entdeckt hatten oder wussten wie man Magie nutzte. Aus ihnen entstanden in der Quelle der Welten die Seelentiere. Es war der Vorgang, der aus einem Kandidaten einen Magier machte. Es war der Moment, in dem die eigene Magie eine Form annahm.
Vorsichtig nahm Teese eine der Aura-Kugeln heraus und reichte sie Ro, der ihr bereits fordernd seine rechte Hand entgegen gestreckt hatte. Seine linke ruhte auf der Brust des kleinen Jungen, so wie sie auf der Brust des jungen Bänkelsängers gelegen hatte.
Teese wurde bewusst, wie ähnlich sich die beiden Vorgänge sahen. Jemand, der keine Magie spüren konnte, würde den Unterschied nicht bemerken. Aber Teese fühlte, was vor sich ging. Der junge Bänkelsänger war krank gewesen. Er hatte an einer schweren Grippe gelitten, ohne irgendwelche Magie, die von ihm ausging. Magie hatte Ro auf ihn gewirkt, um den Körper zu entspannen und den Jungen in einen magischen Schlaf fallen zu lassen.
Der kleine Junge vor Teese war mit Sicherheit auf eine andere Art krank. Ro wirkte auch keine Magie auf ihn, er zog sie aus seinem Körper. Teese konnte es fühlen und gleichzeitig sehen. Magie floss von der Brust des Jungen in Ros linken Arm, durch seinen Körper und vom rechten Arm in die Aura-Kugel, die er mit der Hand nach oben gerichtet vor sich hielt.
Die Magie füllte die Kugel wie eine zähe schwarze Flüssigkeit, die bei der leichtesten Bewegung der Kugel schillerte wie eine Seifenblase oder auf der Straße vergossenes Benzin. Die schwarz schimmernde Magie perlte in die Aura-Kugel, bis sie fast randvoll war.
Dann zog Ro seine Hand von der Brust des Jungen zurück. Er sah auf die Aura-Kugel und schien einen Augenblick alles um sich herum bei diesem Anblick zu vergessen. Langsam und beinahe widerwillig beugte sich Ro zur Seite und legte die gefüllte Aura-Kugel behutsam an ihren Platz in der Schatulle.
‚Teese‘, flüsterte Fleck.
‚Ich weiß‘, flüsterte Teese in Gedanken zurück. ‚Es ist seine Magie.‘
Sie verstand unvermittelt, warum sie sie fühlen konnte. Das war Magie, die sie kannte. Das war Dekan Roaths Magie. Sie fühlte sich so vertraut an, weil sie sie in seiner Erinnerung gespürt hatte. Dies war ein Teil von Ro gewesen. Und sie verstand, sein Zögern, als er die Kugel in das Kästchen legte und schloss.
‚Er sucht seine Magie‘, sagte Fleck beinahe atemlos. ‚Das ist es, was Ro macht, Teese. Er sucht keine Grippekranken, wenn er jedes Frühjahr aufbricht. Er sucht Magiekranke. Seine Magie macht krank und sie ist noch immer da.‘
Teese verstand, was Fleck meinte und gleichzeitig verstand sie doch gar nichts. Sie hatte gesehen, wie Roaths Magie freigesetzt worden war, als die Magier sein Seelentier ausgelöscht hatten. Sie war davongezüngelt wie ein Blitz, ein Funke, der in die Umgebung übersprang und verlöschte.
Allerdings konnte Magie nicht verlöschen und man konnte sie nicht auslöschen. Wenn Magier starben, gaben sie ihre Magie frei. Sie durchdrang die Membran zwischen den Welten und gelangte in die alte Welt, wo sie zu etwas Neuem wurde. Inspiration sagten die Magier dazu. Sie gab Menschen Ideen für große Erfindungen, Mut für herausragende Taten, klare Sicht auf Dinge, die zuvor ungelöste Rätsel gewesen waren.
Doch Teese wusste auch, dass es nicht immer so funktionierte. Sie wusste, dass Magier, die einen gewaltsamen Tod starben, ihre Magie nicht kontrolliert abgeben konnten. Diese Magie, so hatte sie gelernt, ging verloren. Sie löste sich zwar nicht auf – immerhin gab es von ihr wohl nur eine feste Menge, die nicht mehr und nicht weniger werden konnte. Aber sie entzog sich den Magiern. Man konnte sie nicht mehr nutzen. Aber ansonsten, so hatte sie gedacht, würde nichts passieren. Hatte sie sich darin geirrt?

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