Der Weg der Magie (16/20)

Posted on August 27, 2012

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„…ziehst Du sie mit Deinem Wasser aus dem Boden“, setzten Ros Worte einen Moment verzögert für Teese ein.
Eilig wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihm zu, genau noch rechtzeitig um zu sehen wie Ro seine ausgestreckten Armen vorsichtig nach oben etwas anhob wie ein Puppenspieler das Kreuz, an welchem die Fäden für seine Marionette hingen.
Aus dem Boden brachen an mehreren Stellen Pilze hervor. Braune Kappen, die samtig waren und von einem dicken Stiel in die Höhe geschoben wurden. Jeder einzelne Pilz wuchs, bis er so groß war, dass seine Kappe sich gerade noch so in Teeses Hand geschmiegt hätte.
Ro griff nach einem der Pilze und drehte ihn aus dem Boden. „Das ist eine Braunkappe. Essbar und schmackhaft.“
Teese sah den Pilz genauer an. Der Name war äußerst passend, denn der Hut des Pilzes war tatsächlich braun. Er sah aus als wäre er mit einem dunkelbraunen Filz bespannt. Der Stiel war dick und hellbraun gemasert. Die Unterseite der Kappe war beige und sah schwammig aus. Ro drückte mit seinem Finger hinein. Die Druckstelle lief beinahe sofort violett an.
„Diese kannst Du sammeln. Alle anderen überlässt Du mir“, sagte er. „Und jetzt kannst Du anfangen.“
Teese seufzte und hoffte, dass sie sich nicht völlig blamieren würde. Ihr einziger Hoffnungsschimmer war, dass sie mit Sympathiezauber und Pflanzen bisher eigentlich immer ganz gute Erfolge erzielt hatte. Anders als mit schwebenden Federn, offensichtlich.
Sie setzte ihren Rucksack ab und holte ihre Wasserflasche heraus. Wie Ro zuvor gab sie Wasser in die hohle Hand und konzentrierte sich dann auf ihre Magie. Sie ließ sie in das Wasser fließen wie in eine Aura-Kugel und verspritzte das Wasser dann möglichst weit über den Waldboden.
Erleichtert stellte sie fest, dass sie die Wassertropfen tatsächlich fühlen konnte und nach einer Weile schien irgendetwas an ihnen zu haften. Teese streckte die Hände aus und versuchte sich vorzustellen, dabei Pilze aus dem Boden zu ziehen. Begeistert stellte sie fest, dass es tatsächlich funktionierte. Der erste Pilz, den sie entdeckte, hatte zwar eine rosa bis lilafarbene Kappe, aber es war eindeutig ein Pilz.
Teese ließ ihre Arme sinken und lief los, um sich ihre Pilze anzusehen. Insgesamt hatte sie bei ihrem ersten Versuch fünf Pilze aus dem Boden locken können und einer davon war genauso wie jener, den Ro Braunkappe genannt hatte. Ermutigt von diesem Erfolg machte sich Teese an einen weiteren Versuch.
Es verging keine halbe Stunde und sie hatten genug Pilze zusammen, dass Ro entschied, dass es genug sei und sie weitergehen würden. Die Pilze trug er in einem umgestülpten Hut, der bisher die meiste Zeit ungenutzt hinten an seinem Rucksack gehangen hatte und wohl als Schutz gegen heftige Regenschauer gedacht war, die bisher zu ihrem Glück ausgeblieben waren.
Von der moosbewachsenen Stelle mit den Pilzen führte ihr Weg sie wieder in den Wald. Dieses Mal folgte Ro allerdings einem schmalen Pfad, der wie ein niedriger Tunnel in das Dickicht des Waldes verlief. Vermutlich war dies der Weg von Rehen oder den Wildschweinen, deren Spuren Teese auf der Pilzlichtung gesehen hatte.
Vor allem aber führte dieser Weg näher zu der Quelle der Magie, welche Teese vorhin erst bemerkt hatte und zu welcher Ro und sie wohl unterwegs waren. Das Kribbeln, das Teese spüren konnte, war auch beim Näherkommen noch immer so leicht, dass sie es vermutlich nicht bemerkt hätte, hätte sie nicht aktiv nach Magie in ihrer Umgebung gesucht.
Es war früher Nachmittag, als sie den Ort erreichten, welcher die Magie abstrahlte. Ihr Weg führte sie bergab, so dass Teese das Haus vermutlich übersehen hätte, wäre sie alleine unterwegs gewesen. Von oben war nur ein großer grauer Findling zu sehen, ein massiver Felsblock, der aus dem Boden ragte und Teese schmerzlich an den Ort ihres ersten Versuchs mit dem Federzauber erinnerte.
Ro ging in einigem Abstand von ihm vorbei und hielt dann seitlich auf ihn zu. Erst jetzt sah Teese die Vorderseite des Felsblocks und eine Wand aus kleinen grauen Steinen, die vor ihm errichtet worden war und an der Oberseite direkt mit dem Findling abschloss. Ro umrundete das Gebilde aus natürlichem Felsen und künstlicher Mauer und ging in die Hocke.
Teese konnte einen schmalen Durchgang erkennen, der ins Dunkel führte und durch den sich ein Erwachsener gerade noch so hindurchzwängen konnte. Ro holte die Laterne hervor und zündete sie an. Prüfend hielt er sie vor sich in das Dunkel und blickte hinein. Dann schob er die Laterne vor und kroch hinterher. Da Teese keine anderen Anweisungen bekam, ging sie in die Hocke und folgte Ro.

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