Der Weg der Magie (15/20)

Posted on August 24, 2012

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Draußen verstaute Teese das Essenspaket in ihrem Rucksack und eilte dann Ro hinterher, der bereits losgelaufen war. Fast hatte Teese den Eindruck, sie seien auf der Flucht. Ein solch schnelles Tempo legte Ro vor. Teese war froh, dass sie so sportlich war. Liina oder Seth hätten mit Ro sicher nicht Schritt halten können.
Sie folgten den gesamten Tag dem Verlauf der Straße, ohne dass irgendetwas Nennenswertes passiert wäre. Reisende kamen ihnen entgegen. Man grüßte sich kurz. Kaum einem stand der Sinn nach einem Plausch. Vermutlich hatte die Nachricht die Runde gemacht, dass Schärgen des feindlichen Grafen von Argentanien in der Nähe gewesen waren.
Und nur weil die Magier in der Nacht einige von ihnen gefasst hatten, hieß dies noch lange nicht, dass nicht noch mehr in der Gegend ihr Unwesen trieben. Was sie genau hier wollten, schien niemand so Recht zu wissen, die Magier eingeschlossen. Aber sicher konnte es nichts Gutes sein.
Teese wusste inzwischen, dass sich die Grafschaft Awrosch, deren Hauptstadt Schastel Awrosch war, bis nach Thorhafen ausdehnte. Argentanien war die benachbarte Grafschaft. Zwischen beiden Grafschaften schien es ständige Reibereien zu geben. Doch Angriffe wie die Ende letzten Jahres kamen selten vor.
Jetzt fürchteten viele, dass ein Krieg unausweichlich sein würde, auch wenn die Magier eingeschritten waren und auf der Seite von Awrosch für ein vorläufiges Ende der Angriffe gesorgt hatte. Doch die Anwesenheit von Argentanier in Awrosch konnte unmöglich etwas Gutes bedeuten.
Teese sah irritiert auf, als Ro die Straße verließ und nach links ins Gelände ging. Einen Moment zögerte sie ihm zu folgen. Allerdings flog sein Seelentier, die Elster, zielstrebig in dieselbe Richtung. Teese betrat den verwilderten Wiesenrand und folgte ihm in der Schneise, die Ro mit seinen Schritten in das hohe Gras getreten hatte.
Nach wenigen Metern mussten sie sich durch die ersten Büsche zwängen und sich dann durch das Unterholz schlagen. Teese verstand nicht, warum sie ganz ohne einem Weg zu folgen in die Wildnis liefen, welche ein Bollwerk aus Dickicht bildete, das einem Wald vorgelagert war.
Dies hier war allerdings kein Wald wie jener im Reservat oder wie Magister Irvings Wald. Kein kultivierter Wald mit Bäumen, die in geordneten Abständen voneinander standen und Platz ließen, um zwischen ihnen hindurch zu spazieren. Es war mehr ein Urwald mit kleinen Tannen, die unten eine Wand aus toten Ästen bildeten, durch welche man förmlich hindurch brechen musste.
Teese konnte dabei Ro folgen und hatte es einfacher. Ro indes musste sich durch den Wald schlagen wie ein Urwaldforscher, der sich mit einer Machete vorwärts kämpfte. Auf diese Weise kamen sie unendlich langsam voran, bis sie einen Bereich erreichten, in dem fast nur hohe Bäume standen. Der Boden war mit einem dichten Teppich aus Moos überzogen, der Stellenweise aufgerissen war, so dass man den schwarzen Waldboden sehen konnte.
Teese wusste, was das bedeutete. Immerhin war sie zu Hause viel im Wald unterwegs gewesen, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Solche Furchen im Boden stammten von Wildschweinen und mit Wildschweinen war nicht zu spaßen.
„Hier gibt es Pilze“, sagte Ro.
Diese ersten Worte von ihm, seit sie das Gasthaus hinter sich gelassen hatten, trafen Teese unvorbereitet. Sie senkte den Blick zum Boden, konnte aber keine Pilze sehen. Wie den auch? Es war immerhin Anfang des Jahres. Zwar lag kein Schnee und die Temperaturen stiegen bereits langsam an, aber Pilze gab es nur im späten Sommer und im Herbst.
„Hier?“, wollte Teese schließlich unsicher wissen.
„Pilze leben im Boden“, erklärte Ro. Er sah nicht so aus als hätte er viel Lust, Teese jetzt eine ausführliche Erläuterung zu liefern oder überhaupt nur mit ihr zu sprechen. Entsprechend kurz angebunden war seine folgende Erklärung.
„Der Pilz ist nur die Frucht, die aus dem Boden wächst. Die Pflanze selbst ist ein Geflecht, das im Boden existiert. Das ganze Jahr über. Mit Magie kannst Du das Geflecht Pilze aus dem Boden schieben lassen.“ Ro kniete im Moos nieder und nahm seinen Rucksack ab. „Einen werde ich Dir zeigen. Den Rest machst Du selbst.“
Ro nahm seine Wasserflasche und schüttete etwas in seine Hand. „Du gibst von Deiner Magie in das Wasser“, sagte er, während er die Wasserflasche auf den Boden neben sich stellte. „Dann verteilst Du das Wasser möglichst weiträumig.“
Mit den Fingern der freien Hand tauchte Ro in das Wasser in seiner linken und spritzte es dann über den Waldboden. Teese sah aufmerksam zu. Die Wassertropfen liefen am Moos herunter und versickerten schnell im Boden.
„Du wartest, bis das Wasser unter die Oberfläche eingedrungen ist, wo sich die Pilzgeflechte befinden und es aufnehmen.“
Ros Blick galt wie der von Teese dem Boden, der allerdings keinerlei Anzeichen für irgendwelche Geflechte oder gar Pilze aufwies Es war nicht einmal zu sehen, wo das Wasser eingesickert war. Allerdings konnte Teese es fühlen. Sie hatte keine Ahnung, wieviel Magie Ro hinein gegeben hatte, aber Magie war eindeutig zu spüren.
Sie konzentrierte sich darauf und bemerkte zu ihrem Erstaunen, dass sie nicht nur die Magie des Wassers im Boden fühlen konnte, sondern dass sich auch Magie in der Luft befand. Es war nicht viel aber vor ihnen kribbelte es eindeutig stärker in Teeses Fingern als sie prüfend die Handfläche nach vorne streckte.
‚Wir laufen auf irgendetwas Magisches zu‘, stellte sie überrascht zu Fleck fest.
‚Ja.‘ Das Kaninchen hatte den Kopf aus der Tasche gestreckt und Ro zugesehen. ‚Aber es ist etwas höchst instabil Magisches. Es pulsiert.‘
Teese fühlte nach der Magie vor ihr. Jetzt, da sie sich darauf konzentrierte, konnte sie die Magie auf dem Gesicht spüren wie einen leichten Windhauch, der ihnen entgegen wehte und der ihr bisher völlig entgangen war. Dorthin war Ro also unterwegs. Er musste es genauso spüren wie sie. Was aber war es und warum wollten sie dorthin?

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