Der Weg der Magie (14/20)

Posted on August 20, 2012

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Teese zog sich bis auf das Adamant-Hemd aus und glitt unter die Bettdecke. Sie kraulte Fleck ein wenig hinter den Ohren, während die Dämmerung der Nacht wich.
‚Nanu hat sich einen Schlafplatz in der Nähe gesucht‘, informierte sie ihr Seelentier nach einer Weile.
‚Gut, aber sie soll sich auf keinen Fall sehen lassen‘, mahnte Teese. Nanus Anwesenheit beruhigte Teese, aber ein wenig Sorgen machte sie sich gleichzeitig auch.
‚Keine Angst, sie passt auf‘, beruhigte Fleck sie. ‚Und in der Nacht ist ohnehin niemand unterwegs, der halbwegs bei klarem Verstand ist.‘
Teese nickte gedanklich. Reisen unterbrach man in der neuen Welt bei Einbruch der Dämmerung, um sich ein Nachtlager herzurichten. Hier gab es keine Straßenbeleuchtung und es war in der Nacht stockfinster. Dazu waren die Wege nicht sonderlich gut ausgebaut. Es war am sichersten bei Tage zu reisen.
Teese schloss ihre Augen. Sie war schneller eingeschlafen als sie selbst erwartet hatte und verschlief nicht nur Rehans Ankunft, sondern auch alles andere, was in dieser Nacht geschah. Sie wurde erst wach, als es am nächsten Morgen an ihrer Tür klopfte.
Verschlafen drehte sich Teese zur Seite. Durch die Vorhänge ihres Fensters fiel das erste Licht des Morgens und Teese war mit einem Schlag wach, noch bevor Ro vom Gang ihren Namen rief.
„Teesemi.“
„Ja. Ja!“
Teese sprang aus dem Bett. Sie hatte tatsächlich verschlafen. Sie hatte erwartet, wach zu werden, bevor der Tag dämmern würde, genauso wie in den Tagen zuvor. Doch anscheinend machte es einen Unterschied, ob man in freier Natur die Nacht verbrachte oder in einem ruhigen Zimmer mit einem gemütlichen Bett.
Teese suchte nach ihrem Hemd und fand es vor dem Bett. Eilig knotete sie die beiden Ärmel auf. Noch im selben Moment wurde die Tür geöffnet und Ro stand im Raum. Einen Augenblick glaubte Teese, er habe sich Sorgen gemacht, dass etwas nicht in Ordnung sein könne. Doch seine folgenden Worte spiegelten lediglich den Unmut darüber, dass Teese verschlafen hatte.
„Wir müssen los. Beeil Dich ein wenig.“
Teese streifte sich ihr Hemd über, dessen Ärmel durch die Knoten verknittert waren.
„Ich warte unten.“
Ro klang deutlich ungehalten und schloss die Tür mit etwas zu mehr Kraft als nötig, so dass sie mit einem Knall zuschlug.
Teese seufzte und zog sich fertig an. Sie hob Fleck in die Umhängetasche, schulterte ihren Rucksack und sah noch einmal an der Tür zurück in den Raum, ob sie nichts vergessen hätte. Dann eilte sie hinunter in den Gastraum. Er war leer, was überraschend war, wenn man bedachte, wie viele Nichtmagier gestern Abend hier gewesen waren.
Teese wollte zur Tür gehen, als Eilanne am Tresen vorbei zu ihr kam. „Teesemi, warte. Ich habe Dir etwas zu Essen eingepackt.“
Teese nahm ein verschnürtes Bündel entgegen, das aussah als bestünde es aus einem großen Rhabarberblatt. Papiertüten gab es in der neuen Welt anscheinend nicht. Papier war ein Schreibutensil und vermutlich für Nichtmagier zu kostbar, um etwas darin einzupacken.
„Danke.“
Teese entschied, dass Eilanne für Ro einfach viel zu nett war. Was sie wohl an ihm fand?
„Gerne. Seid vorsichtig auf Eurem Weg.“ Eilanne wirkte besorgt, so dass Teese innehielt.
„Ist etwas passiert?“, wollte sie wissen.
Eilanne nickte. „Magier sind in der Nacht von Weltenei gekommen und haben einige Leute des Grafen von Argentanien gefangen genommen.“
Die Wirtin des Ewigen Kreuzes rang ihre Hände. „Es waren gestern einige Leute hier, die sich als Magier ausgegeben haben. Vielleicht hast Du sie noch gesehen.“
Teese nickte. „Ja, das habe ich.“
„Spione des Grafen.“ Eilanne wirkte vollkommen fassungslos. „In meinem Gasthaus. Und als Magier haben sie sich verkleidet.“ Sie schauderte.
„Aber die Magier haben sie alle gefangen genommen“, stellte Teese fest.
„Nein, nicht alle.“ Eilannes Augenbrauen wurden sorgenvoll zusammen gezogen. „Einer konnte entkommen.“
Teeses Herz machte einen kurzen Aussetzer. „Entkommen?“, wollte sie heiser wissen.
„Ja, ihr Anführer.“
„Ein schlanker Mann mit langen dunkelblonden Haaren“, sagte Teese. Obwohl sie sich sicher war, hoffte sie doch, dass Eilanne die Frage verneinen würde. Doch die Wirtin nickte nur.
Teese atmete kurz durch. „Glaubst Du … er ist gefährlich?“ Hatte Eilanne sie deswegen gebeten, vorsichtig zu sein.
„Ich weiß nicht, aber Dein Vater ist … besorgt.“
Teese nickte. Vermutlich gefiel es Ro nicht, dass sich als Magier verkleidete Schärgen des Grafen hier herumtrieben. Allerdings war das kein Grund zur Besorgnis. Ro konnte sich mit Sicherheit selbst verteidigen. Er war ein herausragender Schwertkämpfer und ein wenig Magie konnte er immer noch nutzen. Außerdem war Nanu in ihrer Nähe und Teese…
Sie fühlte aus einem Impuls nach Liinas Briefchen in ihrem Umhang. Sie hatte ein mulmiges Gefühl dabei, aber sie würde auf alle Fälle ihren Teil dazu beitragen können, wenn es wirklich gefährlich werden würde.
„Wir passen schon auf“, versuchte sie Eilanne zu beruhigen. „Mein Vater kann sich gut verteidigen.“
Eilanne nickte. Doch die Besorgnis auf ihrem Gesicht wollte nicht verschwinden. „Mir wäre lieber, ihr würdet noch eine Nacht hier bleiben.“
Teese versuchte, einen möglichst unbeteiligten Gesichtsausdruck zu bewahren. „Du magst meinen Vater, ähm, sehr gerne, oder?“
Eilannes Gesicht weitete sich zu einem Lächeln. „Du bist ein kluges Mädchen.“
„Naja.“ Teeese war verlegen.
„Glaubst Du, er könnte je diese Reisen lassen und sich hier niederlassen?“
Teese schüttelte energisch den Kopf. Eilanne hatte mit Sicherheit keine Ahnung, wer Ro wirklich war. Was stellte sie sich vor? Dass er hier bei ihr einziehen würde? Ro als Wirt? Der Gedanke war so absurd, dass Teese bei der Vorstellung ein Schmunzeln unterdrücken musste.
Eilanne lächelte gezwungen. „Nein“, stellte sie selbst fest. „Das ist einfach nicht seine Art, nicht wahr?“
Teese schüttelte erneut den Kopf und wollte etwas sagen. Doch in diesem Moment öffnete Ro die Vordertür und sah in den Gastraum.
„Teesemi!“
Seine Stimme klang deutlich ungehalten. Teese gab sich einen Ruck.
„Danke für das Essen, Eilanne“, sagte sie.
„Eine gute Reise“, wünschte die Gastwirtin, während Teese bereits zur Tür rannte, die Ro offenhielt.

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