Der Weg der Magie (12/20)

Posted on August 13, 2012

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‚Teese‘, flüsterte Fleck in ihre Gedanken. ‚Dafür haben wir keine Zeit. Lass Ro tun und lassen, was er will.‘
Teese schüttelte den Kopf, als könne sie dadurch die Vorstellung abschütteln, was hinter dieser Tür gerade geschah.
‚Wir müssen uns um den Nichtmagier kümmern, den Schärgen des Grafen von Argentanien‘, fuhr das Seelentier eindringlich fort.
Teese atmete tief durch. ‚Ja, aber was sollen wir denn tun, wenn wir es nicht Ro sagen können?‘
Jetzt in den Raum zu gehen oder auch einfach nur anzuklopfen stand für Teese nicht zur Debatte.
‚Erzähle es jemand anderem‘, schlug Fleck vor.
‚Ja, aber wem denn?‘, wollte Teese wissen. ‚Keiner hier würde uns glauben.‘
‚Erzähle es Dekan Ezzo‘, sagte Fleck.
Teese stand bewegungslos auf dem Gang vor Ros Zimmertür. Dekan Ezzo. Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht. Sie konnte nicht mit Ro in Gedanken sprechen, aber sie konnte mit anderen Magiern sprechen. In Gedankenrede konnte sie Seth erreichen, Flaumschnabel und inzwischen natürlich auch Dekan Ezzo. Er hatte sich ihr doch genau deswegen offenbart. Damit sie ihn in einem Notfall kontaktieren könnte.
‚Aber nicht hier auf dem Flur‘, entschied Teese.
Sie drehte sich um betrat ihr Zimmer. Mit wenigen Schritten war sie an ihrem Bett und ließ sich rückwärts darauf fallen. Sie streifte ihre Tasche ab und Fleck hoppelte auf die Bettdecke.
Einen Moment lag Teese einfach nur auf dem Rücken und versuchte sich zu entspannen. Dann schloss sie ihre Augen und stellte sich vor, sie wäre jetzt im Dekanat, im Arbeitszimmer von Dekan Ezzo. Dies war der Ort, an welchem sie in der Regel mit ihm sprach. Der Raum war ihr so vertraut, dass sie ihn sich in jedem Detail in Erinnerung rufen konnte. Sogar die Wandmalereien hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt.
Wenn sie sich mit dem Dekan unterhielt, saß er meist auf dem schweren Stuhl hinter dem massiven Schreibtisch, auf dem ordentlich angeordnet einige niedrige Bücherstapel standen, Schreibsachen, das große Kalendarium und Bögen mit Papier.
Dekan Ezzo saß meist nach vorne gelehnt und hatte die Arme auf die Schreibtischplatte gestützt. Die eine Hand umfasste auf Kinnhöhe die andere, die zu einer leichten Faust geballt war. Wenn er so dasaß wirkte er auf Teese gleichzeitig aufmerksam interessiert und strahlte eine überlegene Stärke aus.
Über die Hände hinweg sah der Dekan sie dann immer ruhig an. Seine Miene war so unbewegt bei allem, was man ihm sagte, dass man oft den Eindruck gewinnen konnte, nicht würde ihn je aus der Ruhe bringen. So als würde ihn nichts berühren und er würde über allem stehen.
Diesen Dekan Ezzo wollte Teese in diesem Moment sprechen. Allerdings wusste sie nicht so Recht, wie sie dies tun sollte. Meist antwortete sie den anderen nur in Gedankenrede. Sie begann nie die Unterhaltung.
‚Dekan Ezzo?‘, wollte Teese zögerlich in Gedanken wissen.
Die Antwort kam sofort. Und hatte durch ihr Zögern vielleicht etwas leise geklungen, klang der Dekan als würde er direkt vor ihr sitzen. Genau wie immer.
‚Dekananwärterin Teese. Gibt es Probleme?‘
‚Ja.‘
‚Eilt es?‘
‚Äh.‘ Teese war ein wenig aus dem Konzept gebracht. Aber natürlich würde sie den Dekan in diesem Moment bei irgendeiner Tätigkeit stören. Sie wusste, dass er oft bis in die Nacht hinein arbeitete. Auf Weltenei gab es viel zu tun, auch wenn Teese bisher nur den Bruchteil der Arbeit eines Dekans zu Gesicht bekommen hatte.
‚Einer der Schärgen des Grafen von Argentanien ist hier‘, sagte sie schließlich. Am besten, der Dekan entschied selbst, wie dringend dies war und ob es eilte.
‚Warte einen kleinen Moment.‘
‚Gut.‘
Teese blieb liegen und wartete. Sie betrachtete die Wandgemälde in dem Dekanat ihrer Vorstellung. Ro hatte sie fertigen lassen, in seiner Zeit als Dekan. Daher war es nicht verwunderlich, dass er selbst auf einem abgebildet gewesen war. Heute war sein Bild dort zum Teil ausradiert. Der Körper war noch intakt, doch das Gesicht war nur ein weißer Schatten in der Form eines Kopfes.
Zu seiner Rechten und seiner Linken standen mehrere Magister. Darunter war auch Magister Nabi, die, wie Teese inzwischen wusste, seine Freundin aus Kindertagen gewesen war und vermutlich seine erste Liebe. Er hatte ihr einen Heiratsantrag machen wollen. Das wusste sie aus seiner Erinnerung an die Schlacht vor Schastel Awrosch. Dazu war es aber anscheinend nicht gekommen, oder? Ob die beiden dennoch Kinder zusammen hatten? Der Gedanke wäre Teese nie gekommen, hätte sie nicht eben vor Ros Zimmertür gestanden.
‚Nun sind wir alleine, Dekananwärterin Teese“, durchschnitt die Stimme Dekan Ezzos Teeses Gedanken. ‚Wo bist Du zurzeit?‘
‚Wir sind in einem Gasthaus, das Zum ewigen Kreuz heißt‘, sagte Teese. Ehrlich gesagt wusste sie nicht genau, wo sie waren. ‚Es liegt hinter Magister Irvings Wald‘, fügte sie hinzu.
Doch der Dekan schien den Ort zu kennen, denn seine nächste Frage galt anderen Dingen. ‚Und Du hast dort einen Schärgen des Grafen gesehen?‘, wollte er wissen.
‚Ja. Im Gastraum. Ich habe ihn gleich wiedererkannt.‘ Teese dachte an den schlanken Mann mit den langen dunkelblonden Haaren. ‚Ich habe ihn von Nanus Rücken aus gesehen, als wir über Thorhafen nach Rinnir gesucht haben. Damals trug er die Robe eines Magiers.‘
‚Hat Ro schon etwas unternommen?‘, wollte der Dekan wissen.
‚Nun, ich habe es ihm noch nicht sagen können.‘ Teese wusste nicht so genau, wie sie es formulieren sollte. ‚Er ist gerade … beschäftigt.‘
Unerwarteter Weise konnte sie den Dekan leise auflachen hören. ‚Er hat ein beeindruckend schlechtes Timing für solche Dinge‘, stellte er dann jedoch recht trocken fest und Teese wurde bewusst, dass der Dekan wie auch Flaumschnabel mehr hören konnte als ihre gesprochenen Worte. Er hatte sehen können, was sie sich bei den Worten gedacht hatte.
‚Ich werde Lizentiat Rehan schicken, um sich darum zu kümmern‘, fuhr der Dekan fort. ‚Bist Du von dem Mann erkannt worden?‘
Teese schüttelte den Kopf. ‚Nein. Ich denke nicht.‘
‚Gut.‘ Der Dekan zögerte kurz. ‚Du befindest Dich in einem Zimmer?‘
‚Ja, ich habe ein eigenes Zimmer im Gasthaus‘, erklärte Teese. Sie fragte sich, wie der Dekan das hatte sehen können.
‚Verschließe die Tür und die Fenster über Nacht mit Magie‘, befahl der Dekan. ‚Wie das mit Deinem Talent funktioniert, weißt Du ja bereits.‘
‚Ja‘, sagte Teese etwas verlegen.
Das Türenabschließen war die erste Magie gewesen, die sie mit ihrem Talent gewirkt hatte. Damals hatte sie Timar in der Schwitzhütte auf Weltenei eingeschlossen, aus Ärger über die unverschämte Bemerkung Liina gegenüber, die sein Freund Faraas gemacht hatte.
‚Lizentiat Rehan wird noch in der Nacht eintreffen‘, fuhr Dekan Ezzo fort. ‚Er wird sich um alles kümmern. Zögere nicht, mich wieder zu kontaktieren, wenn es etwas zu berichten gibt.‘
Teese nickte in Gedanken, eine Geste, die der Dekan ebenfalls wahrzunehmen schien.
‚Dann wünsche ich Dir eine gute Nacht und weiterhin eine gute Reise.‘
‚Danke.‘ Teese war unschlüssig, was sie sonst noch sagen sollte.
‚Auf Wiedersehen, Dekananwärterin Teese.‘
‚Auf Wiedersehen, Dekan Ezzo‘, beeilte sich Teese zu sagen. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob er es noch gehört hatte. Ohne es genau fassen zu können, wusste sie, dass sie wieder alleine in ihren Gedanken war.

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