Der Weg der Magie (11/20)

Posted on August 10, 2012

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Teese hatte die Ratsversammlung durch Magister Elgins Augen mitverfolgt, in welcher die Magister darüber gesprochen hatten. Einige von Rinnirs Verfolgern waren gefangen genommen worden. Es waren Kinder von Magiern gewesen. Magiernachwuchs der ersten Generation. Man hatte von ihnen nicht erfahren können, was sie mit Rinnir gewollt hatten. Und nicht alle von ihnen hatten die Magier fassen können.
Der Mann mit den dunkelblonden langen Haaren jedenfalls war ihnen entwischt. Und jetzt war er hier. Ebenso wie Teese. Ob er sich an sie ebenfalls erinnern konnte? Und selbst wenn nicht: Er war ein Schärge des Grafen von Argentanien. Er hatte mit Sicherheit Unheil im Sinn. Er war wieder als Magier gekleidet und Teese musste Alarm schlagen.
Doch den Nichtmagiern gegenüber konnte sie kaum etwas sagen. Sie konnte schlecht aufspringen und ausrufen, dass dies hier keine Magier wären, sondern als Magier verkleidete Gefolgsleute des Grafen von Argentanien. Niemand würde ihr das glauben. Sie war nur ein kleines nichtmagisches Mädchen.
Teese sah sich nach Ro um, doch der war bereits gegangen. Er hatte gesagt, dass er auf sein Zimmer wollte. Teese verfluchte innerlich, dass sie mit ihm nicht in Gedanken reden konnte. Dann hätte sie hier sitzen bleiben können und ihn zu Hilfe rufen. Selbst wenn Ro nichts unternehmen würde (immerhin war er kein übermächtiger Magier mehr und selbst unerkannt unterwegs), so würde er wissen, was sie am besten tun sollten.
Teese trank eilig ihr Glas leer und stand möglichst unauffällig auf. Da sie nicht die einzige war, welche die Ankunft der vermeintlichen Magier nutze, um lieber zu verschwinden, schenkte ihr keiner große Aufmerksamkeit, als sie zum Treppenaufgang ging und hinauf flitzte.
Ro hatte das Zimmer mit der orangen Tür im selben Stock wie Teese. Es lag am Ende des Ganges, Teeses Zimmer gegenüber. Beide Zimmer hatten ein Fenster zur Vorderseite des Gasthauses und waren wesentlich größer und schöner eingerichtet als das einfache Zimmer der Bänkelsänger.
Teese verlangsamte ihre Schritte als sie sich der Tür näherte und legte ihre Hand auf die Türklinke. Doch noch während sie ihre Hand ausstreckte, hörte sie, was im Zimmer vor sich ging. Teese hatte unvermittelt ein Déjà-vu.
Sie war drei Jahre alt gewesen, als sie eines Nachts schlecht geträumt hatte und zu ihren Eltern ins Schlafzimmer hatte huschen wollen, wo sie sich im Ehebett ihrer Eltern sicher gefühlt hätte. Doch im Schlafzimmer hatte noch gedimmtes Licht gebrannt und ihre Eltern hatten sich geliebt.
Teese hatte damals keine Ahnung gehabt, was im Schlafzimmer vor sich gegangen war und es hatte ihr genauso viel Angst gemacht wie ihr Albtraum kurz zuvor. Sie hatte sich nicht von der Stelle rühren können und ihre Eltern hatten sie schließlich bemerkt. Ihre Mutter war aufgestanden und hatte sie getröstet. Dann hatte sie sie in ihr Zimmer gebracht und ihr erklärt, dass Papa und sie gerne noch einen kleinen Bruder für Teese haben wollten und wie man kleine Brüder machte.
Ein Dreivierteljahr später war dann Teeses kleine Schwester auf die Welt gekommen und Teese hatte ein paar Tage gedacht, es sei ihre Schuld, dass sie jetzt eine Schwester hätte und keinen Bruder, weil sie ihre Eltern gestört hatte. Doch dann hatte ihr Vater ihr lachend erklärt, dass es reiner Zufall war, ob ein Mädchen gezeugt wurde oder ein Junge.
Der Gedanke schoss Teese durch den Kopf, was wohl im Augenblick hinter der orangefarbenen Zimmertür gezeugt werden würde: ein Junge oder ein Mädchen? Und mit wem war Ro überhaupt auf sein Zimmer gegangen? Teese zog die Hand von der Türklinke zurück.
‚Eilanne‘, sagte Fleck.
Teese kniff ihre Lippen zusammen.
‚Du hast gesehen, wie sie mit Ro geflüstert hat‘, fuhr das Seelentier fort.
Teese nickte schweigend.
‚Aber sie sind nicht verheiratet‘, antwortete sie schließlich.
‚Dazu muss man nicht verheiratet sein, Teese.‘ Fleck wirkte amüsiert.
‚Aber man sollte.‘
Teese kannte eine Frau bei ihr in der Stadt, die nicht verheiratet war die immer Besucht von Männern bekam. Ihre Mutter sagte immer, dass sie ein Flittchen sei. Teese wusste, was das hieß. In ihr Schlafzimmer kamen Männer, mit denen sie eben nicht verheiratet war. Und das war unanständig.
Aber vielleicht war es gar nicht Eilannes Schuld, dass sie mit Ro nicht verheiratet war. Vielleicht war das eher Ros Schuld. Teese wusste über ihn mehr als er ahnte. Sie erinnerte sich noch zu gut, was ihre Großmutter ihr auf dem Friedhof erzählt hatte, als sie sich noch nicht entschieden hatte, ob sie nach Weltenei gehen wollte oder nicht.
Ihre Großmutter hatte ihr erzählt, dass einer von Teeses Vorfahren Vorsteher des Klosters gewesen war, das Weltenei in der alten Welt vorgab zu sein. Als sich Teese am Ende des letzten Schuljahres wieder an ihr altes Leben hatte erinnern können, hatte sie verstanden, was das hieß: einer ihrer Vorfahren war Dekan gewesen.
Und dieser Mann hatte in der alten Welt ein Kind gezeugt mit einer Frau, die er nicht geheiratet hatte. Ihre Großmutter hatte ihr den Grabstein gezeigt, der bei den Ausstellungsstücken an der Friedhofsmauer hing. Sein Name war Johann Adam Knapp gewesen und geboren war er 1792. Das war das Jahr, in welchem Dekanin Irmfed gestorben war und Roath Dekan geworden war. Ro.
Teese hatte die Jahreszahl zweimal überprüft. Sie war auf dem Friedhof auf Weltenei gewesen, wo Dekanin Irmfed begraben worden war und sie war in den Weihnachtsferien auf dem Friedhof bei sich zu Hause gewesen, um den Grabstein von Johann Adam Knapp noch einmal anzusehen. Doch die Jahreszahl blieb. Es war das Jahr 1792.
Und das hieß, dass Johann Adam Knapp der uneheliche Sohn von Ro gewesen war. Und da er Teeses Vorfahr gewesen war, ihr Ur-Ur-Ur-Urgroßvater, um genau zu sein, dann hieß das weiterhin, dass Ro auch Teeses Vorfahr war – ihr Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater.
Teese machte einen Schritt in den Gang zurück. Sie hatte es in den Weihnachtsferien mit absoluter Sicherheit zur Kenntnis nehmen müssen, dass es genau so war. Aber das hieß nicht, dass sie es hatte wahrhaben wollen. Inzwischen hatte sie sich an Ros Gegenwart gewöhnt, aber sie mochte ihn nicht.
Ro war zynisch und unfreundlich. Nie hatte er ein nettes Wort für Teese übrig. Er war immer schlecht gelaunt und hielt seine Distanz. Er hatte keine Freunde. Und er war Dekan Roath gewesen. Der machtgierige Dekan, der magische Wesen getötet hatte, um sich an ihrer Magie zu bereichern und den der Magisterrat erst im letzten Moment zur Strecke hatte bringen können.
Mit ihm wollte Teese nicht verwandt sein. Sie hatte mit niemandem darüber geredet. Am allerwenigsten mit Ro selbst. In gewisser Weise weigerte sie sich, ihn zu ihrer Familie gehören zu lassen.

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