Der Weg der Magie (10/20)

Posted on August 6, 2012

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„Heute wäre ich jedenfalls ganz froh, solch einen Dekan hier in unserer Mitte zu haben.“
Die Worte, die am Nebentisch gesprochen wurden, lenkten Teeses Aufmerksamkeit von ihren dahintreibenden Gedanken auf das Gespräch, das Ro ihr doch befohlen hatte mitzuhören, auch wenn sie noch nicht verstand, warum es so wichtig sein sollte.
„Der verfluchte Dekan hat immerhin nicht nur Riesen erschlagen“, fuhr die Frau fort, welche die Worte geäußert hatte. „Er hat magischem Ungetier den Garaus gemacht, wo er welches angetroffen hat. Mit einem Drachen wäre er spielend fertig geworden.“
„Du immer mit Deinem Drachen“, brummte eine junge Frau missmutig. „Ich glaube nach wie vor, dass Du ihn Dir nur eingebildet hast.“
„Nein. Ich sage Dir doch. Ich habe ihn gesehen“, beharrte die Frau, die zuerst gesprochen hatte.
„Was für ein Drache?“, erkundigte sich ein älterer Mann am Tisch.
„Meine Mutter ist felsenfest davon überzeugt, dass sie auf dem Weg hierher einen Drachen gesehen hat“, erklärte die jüngere Frau.
Ihren Worten war deutlich anzuhören, was sie von dieser Drachensichtung ihrer Mutter hielt. Teese hingegen wurde hellhörig.
„Es war ein riesiger Drache“, beharrte die ältere Frau. „Er war groß wie ein Haus mit einem furchteinflößenden Echsenkopf. Und er hatte Flügel wie eine Libelle. Damit ist er so schnell davongeflogen, dass nur ich ihn sehen konnte.“
„Ja. Ja.“ Die Tochter lachte ironisch.
Teese hingegen war gar nicht zum Lachen zu Mute. Das musste Nanu gewesen sein, den die Frau gesehen hatte. Sie hatte dem Drachen zwar eingebläut, dass er sich fernhalten sollte, wenn Menschen in der Nähe waren, aber das war auf einem vielbereisten Weg eigentlich kaum möglich.
„Ich habe ihn gesehen“, wiederholte die Ältere fast ein wenig hilflos.
„Nun, möglich wäre es wohl schon“, meinte der Mann, der nach dem Drachen gefragt hatte. „Von dem magischen Getier gibt es zurzeit so viel wie seit Jahren nicht mehr. Die Magier verbieten fast überall die Jagd auf sie und das Viehzeug wird immer verwegener. Lange wird es nicht mehr dauern, bis wieder ein Drache ein Kind schlägt. Da bin ich mir sicher.“
„Es war ein gewaltiger Drache“, sagte die ältere Frau. Doch niemand ging auf diese nachgeschobene Feststellung ein. Vielmehr nahm die Diskussion eine für Teese eher unerwartete Wende.
„Den Magiern kann es egal sein“, sagte die junge Frau. „Für sie stellen Drachen keine Bedrohung dar.“
„Kaum.“ Der Mann nickte. „Man munkelt sogar, dass die Magier die Drachen mit Absicht in die Nähe unserer Siedlungen lassen, um uns normalen Menschen in ihre Schranken zu verweisen.“
„Es war eine hausgroße fliegende Echse“, sagte die alte Frau. Allerdings inzwischen mit deutlich gedämpfter Stimme und ohne dass irgendjemand auf ihre Worte einging. Teese hatte den Eindruck, dass sie der Diskussion überhaupt nicht gefolgt war.
„Das halte ich für ein Gerücht“, mischte sich ein weiterer Mann vom Nebentisch ein. „Magier wollen mit Unseresgleichen einfach nur nichts zu tun haben und kümmern sich nicht darum, ob wir von Drachen bedroht werden oder nicht.“
„Ha.“ Der Andere lachte trocken auf. „Frag‘ mal den Grafen von Argentanien, wie sich die Magier nicht um uns kümmern.“
„Gut, einmal haben sie etwas Nützliches getan“, stimmte der andere zu. „Aber wenn es um magisches Gewürm geht … Ich sage Euch, die Drachen sind die Haustiere der Magier. Ich habe schon so viele mit Drachen in ihrer Begleitung gesehen. Sie haben sie uns geschickt. Vielleicht sind sie sogar Spitzel, um uns auszukundschaften. Bei Magiern weiß man nie, was sie denken. Sie haben höchst seltsame Ansichten.“
Der Mann redete sich offenkundig in Rage. Teese blieb ungläubig der Mund offen stehen. Sie kannte Nichtmagier nur als unterwürfig und sehr höflich zurückhalten ihnen gegenüber. Dass sie untereinander so von Magiern sprachen, überraschte Teese.
Allerdings konnte sie nicht sehr viel mehr über die Ansichten der Nichtmagier in Erfahrung bringen, denn die Tür zum Gastraum öffnete sich und mehrere Magier kamen herein und ließen die Unterhaltung jäh verstummen.
Teese kannte auf den ersten Blick keinen der fünf Männer. Sie trugen allesamt die schwarzen Magierroben und die dazugehörigen Bänder. Zwei trugen grüne Schärpen, zwei jüngere dunkelrote. Einer von ihnen war ein Magister, wie die blaue Schärpe verriet.
Teese betrachtete ihn genauer. Er hatte lange dunkelblonde Haare und war sehr schlank. Teese hatte das vage Gefühl, dass sie ihn durchaus schon einmal gesehen hatte. Aber sie konnte sich im Moment nicht erinnern wo und wann.
‚Teese‘, meldete sich Fleck aus der Umhängetasche zu Wort. ‚Das sind keine Magier.‘
‚Was?‘ Teese sah die fünf Männer irritiert an.
Der Junge, der für den Ausschank zuständig war, eilte ihnen entgegen und führte sie zu einem Tisch, der ganz schnell von einer Gruppe von Nichtmagiern freigemacht wurde.
‚Keiner von ihnen verfügt über eigene Magie.‘ Flecks Stimme klang besorgt. ‚Vielleicht sind sie magisch begabt, so wie Ro es vorgibt zu sein. Aber es sind keine Magier.‘
Teese schloss kurz die Augen und versuchte die Magie im Raum zu fühlen. Sie fühlte auch tatsächlich nichts, aber das wollte bei ihr nichts heißen. Sie war einfach nicht oder noch nicht gut genug darin, Magie in kleineren Mengen zu spüren, selbst wenn sie direkt vor ihren Augen angewendet wurde.
Doch als sie die Augen wieder öffnete, wurde ihr bewusst, dass Fleck dennoch Recht hatte. Diese Männer waren keine Magier. Jedenfalls der eine von ihnen nicht. Jetzt wusste sie, wo sie ihn gesehen hatte, den schlanken Mann mit den dunkelblonden langen Haaren. In Thorhafen. Von Nanus Rücken aus, als sie nach Rinnir gesucht hatten. Er war einer der Männer gewesen, die ihm nachgestellt hatten. Einer von denen, die sich als Magier ausgaben. Schärgen des Grafen von Argentanien.

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