Der Weg der Magie (9/20)

Posted on August 3, 2012

0


Teese hatte bereits einmal gesehen, wie ein Riese im Kampf zerstückelt worden war. Nicht auf einem gemalten Bild, sondern in Ros Erinnerungsschiff, das die Schlacht vor Schastel Awrosch zum Thema hatte.
Der Ablauf, welchen sie jetzt auf den Bildern der Moritatenerzähler zu sehen bekam, war genau derselbe. Das machte die Bilder noch eindringlicher als sie in Wirklichkeit waren. Im ersten Schritt schlug der verfluchte Dekan dem Riesenkönig beide Beine ab, dass das Blut spritzte als habe man einen Hydranten geöffnet.
Danach konnte der Riese nur noch im Sitzen weiterkämpfen. Dennoch schlug er noch mit aller Gewalt auf den Dekan ein, der ihm aber erst den einen und dann den anderen Arm abschlug, was die Zuschauern im Raum begeistert zur Kenntnis nahmen.
Als der Riese zuletzt versuchte, den Dekan mit seinem nach vorne umkippenden Rumpf zu erschlagen, sprangen einige sogar vor Aufregung auf als würden sie einen ganz realen Kampf verfolgen. Der Dekan rollte sich geschickt zur Seite und schlug dem Riesenkönig sein Haupt ab.
Damit war das blutige Gemetzel in Bildern zu Ende. Die Mädchen, die dem Riesen gedient hatten, waren befreit und der Dekan brachte zahllose Schätze aus der Riesenburg mit zurück nach Weltenei.
„Doch die Magier neideten ihm seinen Erfolg und seine magische Kraft“, schloss der kahle Erzähler seine Geschichte. „Und so überfielen sie ihn eines Nachts, raubten ihm seine Kräfte und seinen Namen und er entkam nur knapp mit dem Leben aus ihrer Burg Weltenei. Seitdem zieht er ruhelos umher, der verfluchte Dekan, und sucht nach einem Weg, seine magischen Fähigkeiten zurückzugewinnen und sich an den Magiern zu rächen.“
Teese unterdrückte den Impuls, Ro direkt anzusehen. Sie hatte bereits verstanden, dass ein Großteil der Geschichte frei erfunden war. Sie wusste, dass Dekan Roath gegen Riesen gekämpft hatte, allerdings nicht in einem Schloss und sicher nicht, um irgendwelchen Nichtmagiern zu helfen.
Dennoch ließ der letzte Satz in ihr die Alarmglocken schrillen. Sie erinnerte sich noch genau daran, was Dekan Ezzo ihr gesagt hatte, als sie ihn gefragt hatte, ob der namenlose Dekan seine magischen Fähigkeiten zurückerlangen könne: Gott möge behüten, dass er jemals wieder seine vollen Kräfte zurückgewinnt.
Allerdings hatte der Dekan ihr gegenüber nur erwähnt, dass Ros magische Fähigkeiten zurückkehren könnten, wenn man seinen ausgelöschten Magiernamen Roath aussprach. Eine andere Möglichkeit, seine Magie zurückzuerlangen hatte der Dekan nicht erwähnt.
‚Vermutlich weil es keine gibt.‘
Fleck saß in seiner Umhängetasche auf Teeses Knien vor den Blicken der Anwesenden verborgen. Doch als ihrem Seelentier blieb ihm nicht verborgen, was Teese sah und seinen Weg in ihre Gedanken fand.
‚Seine Magie ist in alle Winde zerstreut worden‘, sagte Teese in Gedanken, während um sie herum die Nichtmagier dem Vortrag applaudierten und eine laute Unterhaltung einsetzte. ‚Sie hat sich praktisch aufgelöst.‘
‚Magie kann sich nicht auflösen‘, hielt Fleck dagegen. ‚Sie kann als Inspiration in die alte Welt zurückkehren oder aber in der neuen Welt bleiben. Aber sie bleibt immer bestehen. Sie ist wie das Wasser. Es kann verdunsten und zu Wolken werden. Aber irgendwo regnet es wieder ab.‘
‚Trotzdem ist Ros Magie verloren‘, beharrte Teese. Die Alternative ließ sie unruhig werden. ‚Das Wasser aus einem See findest Du nie wieder, wenn es über dem Meer abgeregnet ist. Da kann man so viel suchen wie man will.‘
Teese zuckte zusammen, als Ro sie an der Schulter berührte und sich zu ihr vorbeugte. „Hör gut zu, was sie untereinander reden“, sagte er so leise, dass es nur Teese hören konnte. „Wir werden uns morgen auf dem Weg darüber unterhalten. Ich gehe jetzt auf mein Zimmer. Sei morgen pünktlich zum Frühstück abmarschbereit hier im Gastraum.“
Teese gefiel den Gedanken alleine mit lauter fremden Leuten hier sitzen zu bleiben nicht wirklich. Andererseits hatte sie auch nichts dagegen, wenn sie Ro einmal eine Weile los war. Inzwischen hatte sie sich zwar an ihn und seine Elster gewöhnt. Aber gerade nach dieser Moritatenerzählung fühlte sie wieder dieses Unwohlsein, das seine Gegenwart auf Weltenei immer ausgelöst hatte.
Also nickte sie nur und nippte an ihrem Glas mit Saft, das noch zur Hälfte gefüllt war. Während Ro aufstand und kurz zu den Moritatenerzählern ging, sah sich Teese nach Eilanne um, konnte sie aber nirgends entdecken. Dafür kam der ältere Junge, der ihr beim Ausschenken half und brachte Teese einen Teller mit einer Scheibe Brot und mehreren kleinen Stücken Käse.
Anscheinend hatte Eilanne ihm eingebläut, dass er Teese ja genügend zu Essen bringen sollte. Teese konnte noch immer nicht nachvollziehen, wie man sie zu mager finden konnte, aber vielleicht galten bei den Nichtmagiern in dieser Beziehung andere Maßstäbe.
Teese versuchte auf alle Fälle von jedem der Käse ein kleines Stück, schon einmal weil sie sich sicher war, dass Liina sie genau darüber ausfragen würde, was sie wo gegessen hatte, wenn sie zurückkommen würde. Liina interessierte sich sehr für alle Dinge, die mit der Zubereitung von Nahrungsmitteln zu tun hatten. Kochen war für sie ihr liebstes Hobby, direkt neben dem Lesen von Büchern.
Allerdings wusste Teese, dass Liina mit Milchprodukten eher weniger anfangen konnte. Käse aß sie keinen, Milch und Yoghurt vertrug sie nicht. Das galt sogar für so leckere Dinge wie Eis, wie Liina mit deutlichem Bedauern erklärt hatte, als sie wieder einmal in Lorphytals Gasthaus auf Weltenei gewesen waren, um Nachmittags eine Kleinigkeit zu Naschen.
Lustiger Weise konnte Liina aber Sahnetorte essen und Schlagsahne war auch in Ordnung. Das erschloss sich Teese nicht unbedingt, aber sie war auch keine Ernährungswissenschaftlerin. Liina hatte nur erklärt, dass es bei ihr zu Hause bei fast allen Leuten so war und man auch keine Milch oder Käse kaufen konnte.
Teese fand das immer noch seltsam. Wie sollte man ohne Milch einen Kakao trinken oder ohne Käse ein Käsebrot essen? Oder besser gesagt: Was trank und aß man stattdessen zum Frühstück? Man konnte sich doch nicht nur von Tee und Marmeladenbrötchen ernähren.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements