Der Weg der Magie (8/20)

Posted on Juli 30, 2012

0


Es vergingen einige Minuten, bis schließlich alle versorgt waren und die Moriatenerzähler alles vorbereitet hatten. Gut sichtbar vor Ros und Teeses Tisch hatten sie eine Art Kartenständer aufgebaut, der Teese an die Ständer für Erdkundekarten in ihrer Grundschule erinnerten.
Daran hatten die Moritatenerzähler eine der Karten gehängt, die aufgerollt in einer der Lederhüllen gewesen sein musste, die Teese im Zimmer gesehen hatte. Die Karte zeigte viele bunte Bilder, die wie ein Comic wirkten, außer dass sie keinerlei Text enthielten. Gleichwohl gehört zu jedem Bild ein Text, wie Teese begriff, als die Moritatenerzähler begannen.
Als Erzähler trat der kahle Mann mit den gewaltigen Augenbrauen auf, während die Frau auf einer Art altmodischen Gitarre zur Untermalung eine sich ständig wiederholende Melodie spielte, eine leise Berieslung im Hintergrund.
Teese ignorierte die in ihren Ohren monotone Melodie weitestgehend. Sie interessierte sich vor allem für den eigentlichen Vortrag. Erzählt wurde die Geschichte eines Dekans von Weltenei, der einst reicher gewesen war als alle Fürsten der Welt und mächtig als alle Magier zusammen. Er lebte auf der großen Feste Weltenei. Die Burg wurde in einem eigenen Bild dargestellt und war ganz mit Gold überzogen.
Hinter Weltenei aber ragte eine weitere Burg auf, welche ganz schwarz war und schaurig gemalt. Das war die Heimat des Riesenkönigs. Kein Mensch konnte sie erreichen, der Riesenkönig aber konnte ungehindert in die Länder der Menschen gelangen.
Er war ein grober, gewalttätiger und ungehobelter Riese von großer Kraft und hässlichem Aussehen. Das Bild zeigte ihn grobschlächtig in zerrissener Kleidung, mit ungekämmten Haaren und abstehenden, großen Ohren.
Der Riesenkönig kam von seiner schwarzen Burg in jeder Neumondnacht zu Fuß durch die Wogen des Meeres, die ihm nur bis zur Brust reichten. In den Dörfern vergewaltigte er junge Frauen und verschleppte kleine Mädchen und wehrlose Säuglinge auf seine Burg. Niemand, den er mit sich nahm, wurde jemals wieder gesehen.
„Eines Tages entführte der Riese die junge Tochter eines angesehenen Kaufmannes“, erzählte der Kahle mit lauter Stimme. „In seiner Verzweiflung fuhr er nach Weltenei und flehte die Magier an, dem Treiben des Riesenkönigs Einhalt zu gebieten und seiner Tochter zu Hilfe zu eilen.“
Der Kahle hob seine Stimme, so dass sie den ganzen Gastraum ausfüllte. „Doch die Magier fürchteten die Macht des Riesen. Ihr Dekan aber wurde von ihrer Zaghaftigkeit erzürnt und machte sich selbst auf, den Riesenkönig für seine Umtriebe zu bestrafen.“
Der kahle Erzähler deutete mit einem langen Zeigestock auf das nächste Bild, welches den Dekan zeigte, der in einer glänzenden Rüstung in einem kleinen Boot saß. Teese konnte mit Roath, wie sie ihn gesehen hatte, keinerlei Ähnlichkeit feststellen. Der Dekan hatte kurze blonde Haare und einen heroischen Körperbau. Am meisten ähnelte er noch Dekan Ezzo. Dennoch war sich Teese sicher, dass er mit dem Dekan in der Erzählung nicht gemeint war.
Auf dem Bild ruderte der Dekan ganz alleine in seinem kleinen Boot rückwärts gegen die Strömung in einer Vollmondnacht und konnte so die magische Barriere um die schwarze Burg des Riesen durchdringen.
„Als er an Land kam, fand er die entführte Tochter des Kaufmannes tot auf dem Fels liegen. Der Riese hatte sie vergewaltigt und bis zum Bauchnabel aufgeschlitzt.“
Teese schloss schnell die Augen, aber sie hatte das Bild bereits gesehen und es brannte sich in ihr Gedächtnis. Ein nacktes Mädchen mit blutigem Körper, dem die Gedärme aus dem Bauch herausquollen. Es war kein Foto, keine echte Aufnahme, aber es war selbst als gemaltes Bild schaurig anzusehen.
Teese öffnete die Augen und sah eilig zum nächsten Bild, um das vorherige aus ihrem Kopf zu vertreiben. Auf ihm betrat der Dekan die Burg.
„Er kam in einen großen Saal, an dessen Wände menschliche Schädel genagelt worden waren, so dicht, dass keine Lücke zwischen ihnen zu sehen war.“
Der Kahle deutete mit seinem Zeigestab auf das nächste Bild.
„In dem Saal saß der ungehobelte Riese bei seinem Nachtmahl. Ihn bedienten drei junge Mädchen. Auf dem Bratspieß über dem Feuer steckten die blutigen Körper von zwölf kleinen Kindern, die der Riese heute verspeisen wollte.“
Teese blickte wie erstarrt auf das schreckliche Bild.
„Als der Dekan das sah“, intonierte der Erzähler aufmerksamkeitsheischend, „da rief er voll Abscheu aus: Gott gebe Dir nur noch ein kurzes Leben und einen gewaltsamen Tod. Und mit diesen Worten stürzte er sich auf den Riesen.“
Das letzte Bild der Karte zeigte, wie der blonde Dekan todesverachtend ein Schwert schwingend dem Riesen entgegen stürzte. Der sprang ebenfalls auf, stieß dabei den Tisch von sich und man konnte sehen, dass er nur ein Kettenhemd trug und unten herum völlig nackt war. Was Teese ehrlich gesagt genauso schockierte wie die Darstellung des aufgeschlitzten Mädchens oder der über dem Feuer hängenden kleinen Kinder.
Jemand im Gastraum pfiff durch die Finger. Stimmengemurmel schwoll an. Teese konnte die Aufregung um sich herum förmlich fühlen. Die anderen Gäste waren der Erzählung mit lebhafter Begeisterung gefolgt und hatten anscheinend Gefallen an ihr.
Teese wagte einen Seitenblick zu Ro, dessen Miene versteinert war und keinerlei Emotionen verriet. Teese war sich sicher, dass er die Geschichte kannte. Warum ließ er sie so etwas Grusliges, Ekliges und Widerliches ansehen? Im Kino wäre ein vergleichbarer Film sicher erst ab 18 freigegeben worden oder höchstens ab 16 und selbst dann wäre Teese nie freiwillig ins Kino gegangen.
„Sehen Sie gleich, wie der verfluchte Dekan den Riesen zerstückelt“, rief der Zylinderträger in die Runde, während er die Karte vom Ständer nahm und eine zweite hervorholte. „Gebt eine Münze, um das blutige Gemetzel mitzuerleben.“
Der blonde Junge, den Ro geheilt hatte, eilte mit einem Hut herum, den er umgekehrt hielt und in den tatsächlich der eine oder andere eine Münze warf. Bei Ro und Teese kam er natürlich nicht vorbei. Für sie war die Vorstellung umsonst – erfolgte praktisch zu ihren Ehren oder jedenfalls zu Ros.
Der Mann mit dem Zylinder spannte die zweite Karte mit der Erzählung ein. Eilanne brachte vier gut gefüllte Gläser und stellte sie auf einem Tisch neben den Moritatenerzählern ab. Dann kam sie zu Teese und Ro. Sie beugte sich zu Ro und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Teese konnte sehen, dass er nickte, aber nichts sagte. Eilanne ging zurück zum Tresen und die Moritatenerzähler begannen mit dem zweiten Teil der Geschichte.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements