Der Weg der Magie (7/20)

Posted on Juli 27, 2012

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Er kam beim Abendessen an ihren Tisch im Gastraum und bedankte sich höflich und sehr nervös bei Ro. Hinter ihm standen der kahle Mann, eine ältere Frau mit grauen Haaren, die zu zwei langen Zöpfen geflochten waren und ein langer dürrer Mann mit einer Art Zylinderhut auf dem Kopf. Zusammen bildeten sie wohl die gesamte Truppe der Moritatenerzähler.
Jetzt, da Teese sie zu viert hier stehen sah, bemerkte sie, dass sie alle eines gemeinsam hatten, nämlich sehr schlichte Kleidung, die an mehreren Stellen offensichtlich ausgebessert worden war. Das erklärte die Feststellung des Kahlen, dass sie kein Geld für einen Heiler hätten.
„Unglücklicher Weise“, ergriff der Mann mit dem Zylinderhut das Wort, als sich der Junge bedankt hatte, „können wie Euch nicht für Eure Dienste bezahlen.“
Ro machte eine wegwerfende Geste. „Ich sagte bereits, dass meine Dienste kostenlos sind.“
„Ja.“ Der Zylinderträger sah kurz zu dem Kahlen, der in seine Richtung den Mund zu einem knappen Lächeln verzog. Vielleicht hatte der Mann mit dem Zylinder seinen Worten nicht glauben wollen.
Teese war es zwar gewohnt, in der alten Welt nichts für einen Arzt zahlen zu müssen, aber da gab es auch eine Krankenversicherung. Hier musste ein Arzt, genauer gesagt ein Heiler, wohl bezahlt werden und wer es sich nicht leisten konnte… blieb derjenige dann krank und starb vielleicht sogar?
„Wenn Ihr erlaubt“, sprach der Zylinderträger weiter, „werden wir für Euch einen Vortrag zum Besten geben – zum Dank für Eure Dienste.“
Teese glaubte, dass Ro sicherlich sofort wieder abwinken würde, aber zu ihrem Erstaunen nickte er. „Gut, ich denke, das können wir annehmen. Was umfasst Euer Repertoire denn?“
„Wir erzählen alte und neue Geschichten“, sagte der Mann mit den buschigen Augenbrauen.
„Liebesgeschichten und tragische Ereignisse“, sagte die Frau.
„Blutrünstiges und Spannendes“, wagte auch der Junge das Wort zu ergreifen. „Von Drachen und Riesen.“ Es war offenkundig, dass dies seine Lieblingsgeschichten waren.
Teese mochte zwar keine blutrünstigen Geschichten, aber Spannendes hörte sie gerne, lieber als Liebesgeschichten auf alle Fälle.
„Riesen“, stellte Ro fest. „Welche Geschichten von Riesen könnt Ihr erzählen?“
„Oh.“ Der Zylinderträger rieb fast geschäftsmännisch die Hände ineinander. „Wie wäre es mit dem Riesenstreit im Steinwald?“
„Keine Märchen“, sagte Ro kategorisch.
„Also etwas Historisches?“, nickte der Zylinderträger. „Wie der verfluchte Dekan den Riesenkönig erschlagen hat?“
Ro nickte. „Ja.“
Teese verschluckte sich fast an dem Nudeleintopf, den Eilanne ihnen zum Abendessen serviert hatte. Der verfluchte Dekan? Meinten sie damit… etwa… Ro? Dekan Roath?
Sie hatte gesehen, wie er Riesen getötet hatte in der Schlacht von Schastel Awrosch. Aus dem Erinnerungsschiff, das sie heimlich in Magister Nabis Keller angesehen hatte, wusste sie auch, warum Ro dies getan hatte. Er hatte die Magie der Riesen, die bei ihrem Tod freigesetzt worden war, in sich aufgenommen, um seinen Magiespeicher zu erweitern. Das hatte ihn zum mächtigsten Magier seiner Zeit gemacht, vermutlich sogar aller Zeiten.
Nie zuvor hatte ein Magier getötet, um seine Macht zu vergrößern. Jedenfalls hatte Teese noch nie davon gehört. Aber sie hatte nach dem Betrachten der Kugel eine gewaltige Abscheu vor Ro verspürt. Riesen waren sicherlich keine netten Zeitgenossen gewesen, aber wie er sie zerstückelt hatte, um sich an ihrer magischen Kraft bereichern zu können, war abscheulich gewesen.
„Du hast den Meister gehört, Thahadad“, sagte der kahle Mann mit den buschigen Augenbrauen zu dem Jungen. „Lauf schnell nach oben und hole die Rolle für unsere Geschichte und die Ausrüstung.“
Der Junge flitzte los und hätte um ein Haar ein paar andere Gäste des Hauses umgerannt, die vom Treppenhaus kamen, wohl um ebenfalls zu Abend zu essen. Dass er heute Vormittag noch krank gewesen war, davon war nichts mehr zu sehen oder zu spüren.
Einige der anderen Gäste wechselten ein paar Worte miteinander. Teese konnte sehen, wie unter ihnen ebenfalls Betriebsamkeit ausbrach. Während die Moritatenerzähler ihre Vorbereitungen für die Erzählung trafen, kamen immer mehr Menschen in den Gastraum.
Eilanne kam kurz zu Teese und Ro zum Tisch und brachte ein Glas Wein für Ro und Apfelsaft und eine Schale süßen Brei als Nachtisch für Teese.
„Was soll der Auflauf, Meister Rosares?“, wollte sie von Ro wissen.
„Es wird eine Moritat erzählt“, erklärte ihr Ro.
„Nein, wirklich?“ Eilannes Begeisterung war nicht zu übersehen. „Das ist wunderbar. Welche?“
Ro verzog keine Miene. „Die Moritat wie der verfluchte Dekan den Riesenkönig erschlagen hat.“
Eilanne verzog das Gesicht. „Dass es immer so etwas Brutales sein muss.“ Ihre Miene hellte sich allerdings gleich wieder auf. „Aber sie ist recht lang. Da benötigen wir mehr Getränke.“
Die letzten Worte waren bereits im Gehen gesprochen. Auch für Eilanne war die Ankündigung, es werde eine Moritat erzählt, anscheinend ebenfalls ein Anlass in hektische Betriebsamkeit auszubrechen.
Ro wandte sich an Teese. „Wenn Du etwas über den Unterschied zwischen Magiern und uns Nichtmagiern lernen willst, solltest Du genau zuhören, was sie erzählen.“
Teese war sich nicht sicher, ob sie diese Geschichte überhaupt hören wollte, aber sie nickte nur. Sie fragte sich, warum Ro sie ausgewählt hatte, denn das hatte er immerhin getan und zwar sicher nicht zu seiner Erbauung, sondern damit sie die Geschichte hören sollte.
Seinen Worten nach zu urteilen, würde es eine weitere Lektion für sie werden. Und deswegen war sie immerhin auf dieser Reise mit Ro. Sie sollte etwas über die Nichtmagier lernen. Dekan Ezzo hatte sie mehrfach darauf hingewiesen, wie wichtig es für sie als zukünftige Dekanin sein würde, die Menschen zu verstehen.
Trotzdem hoffte Teese, dass die Geschichte nicht so schaurig werden würde, wie sie im Moment befürchtete. Eigentlich wollte sie heute eine ruhige Nacht in einem gemütlichen Bett verbringen.
Seit Eilanne ihr ein eigenes Zimmer mit einem großen weichen Bett zugewiesen hatte, freute sich Teese tatsächlich einmal darauf, schlafen zu gehen. Das Übernachten im Freien war zwar ein wenig wie ein Campingurlaub, aber auch da freute man sich nicht ohne Grund wieder auf zu Hause und normale Verhältnisse.
Mit leichter Nervosität, was sie denn zu hören bekommen würde, sah Teese zu, wie sich der Raum immer weiter mit Gästen füllte. Es waren sicherlich zwanzig oder dreißig Reisende, welche die Nacht hier verbrachten.
Ein junger Mann mit schwarzen Locken, der Teese an Magister Elgin denken ließ, brachte Eilanne ein Fass aus dem Keller und eilte zwischen den Tischen umher, um Getränke auszuteilen, während Eilanne einigen Gästen große Teller mit demselben Nudeleintopf brachte, wie Teese und Ro ihn auch gegessen hatten.
Teese bemerkte aber auch, dass es Tische gab, an denen nichts gegessen wurde und an welchen sich die Gäste mit einem Glas Wasser begnügten, während andere Wein oder Bier tranken.
Sie vermutete, dass die Entscheidung ein wenig von den finanziellen Mitteln der Reisenden abhing. Alleine die Übernachtung im Gasthaus zum ewigen Kreuz war wohl teuer und sicher hatte nicht jeder das Geld auch noch etwas zu Essen zu kaufen.

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