Der Weg der Magie (6/20)

Posted on Juli 23, 2012

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Sie sah Ro zu, wie er zu seinem Rucksack ging und mehrere Dinge aus ihm heraus nahm. Da war eine Flasche mit einer dunkelgrünen Flüssigkeit, ein unscheinbar aussehender pflaumengroßer Stein an einer Schnur und eine Kerze aus rabenschwarzem Wachs, die kaum noch mehr war als ein daumenlanger Stummel mit einem beachtlichen Fuß aus verlaufenem Wachs.
Ro wandte sich zu dem kahlen Mann mit den buschigen Augenbrauen um. „Ich benötige ein sauberes Tuch. Ein Halstuch oder etwas Vergleichbares. Hauptsache es ist sauber.“
„Sofort.“ Seine erste Skepsis schien der Mann überwunden zu haben und er durchwühlte eilig einen der Rucksäcke.
In der Zwischenzeit griff Ro von den beiden Nichtmagiern im Raum unbeobachtet die Kerze mit Daumen und Zeigefinger am Docht und schnippte mit den Fingern. Sofort entzündete sich die Kerze. Teese fühlte nach dem magischen Kribbeln in ihren Fingern und konnte tatsächlich entfernt etwas spüren.
‚Alle drei Dinge sind magisch‘, sagte Fleck in Gedanken zu ihr. ‚Objektmagisch.‘
Das Kaninchen hatte kurz seinen Kopf aus dem Beutel geschoben und war gleich darauf wieder in ihm abgetaucht.
Teese verzichtete auf eine Antwort, sondern sah nur zu, wie Ro mit der Kerze an das Bett trat und das Hemd des Jungen nach oben schob, so dass seine Brust entblößt wurde. Er ließ ein paar Tropfen Wachs auf die Brust tropfen und presste die Kerze darauf, so dass sie auf der Brust stehen blieb.
Teese zuckte unwillkürlich zusammen, als das heiße Wachs die Haut berührte, doch der Junge rührte sich nicht. Er schlief einen vermutlich magischen Schlaf. Die Kerze stand auf seiner Brust und brannte ruhig und gleichmäßig, was recht absurd aussah.
Als nächstes nahm Ro den Stein, der Teese an eine Pflaume erinnert hatte, und hängte ihn mit der Schnur um den Kopf des Jungen, so dass er wie ein Stirnband zum Liegen kam. Der Stein selbst ruhte dabei auf der Stirn. Das Kribbeln in Teeses Fingern wurde jetzt deutlicher spürbar. Magie floss aus dem Stein und wohl auch aus der Kerze.
„Nun wird es etwas dauern“, sagte Ro in die angespannte Stille.
Der Kahle hielt jetzt einen ehrfürchtigen Abstand zu ihnen.
„Setz Dich dort ans Bettende, Teesemi.“
Ro wies an das Ende des Bettes, wo sich Teese gehorsam setzte, so dass sie den Jungen weiter im Blick hatte.
Ro hingegen nahm sich den einzigen freien Stuhl im Raum und stellte ihn vor das Bett, so dass er den Jungen ebenfalls ansehen konnte. Teese hatte von ihrem Platz aus sowohl Ro als auch ihren Patienten im Blick und sie konnte sehen, wie Ro den Jungen prüfend betrachtete.
Teese versuchte zu verstehen, worauf er achtete. Sie fühlte nach der Magie im Raum und während sie das tat, merkte sie, wie diese stärker wurde. Ob Ro das spürte?
Die Zeit verstrich. Sie tat dies langsam und quälend wie die Wartezeit im Sprechzimmer eines Zahnarztes oder die Zeit, die man auf einen Zug mit großer Verspätung wartete. Teese glaubte, dass sicherlich eine Stunde vergangen sein musste, als sie bemerkte, dass die Magie begann abzuflauen.
Es dauerte nur wenige Minuten und die Magie verschwand für Teeses magischen Spürsinn. Nur kurz später stand Ro auf und blies die Kerze aus. Als er sie abnahm, konnte Teese auf der Haut keine Spur von Verbrennungen sehen. Ehrlich gesagt wunderte sie das aber auch nicht sonderlich.
Ro packte die Kerze ohne viel Eile ein und zog dann den Stein an der Schnur vom Kopf des Jungen. Er nahm das Tuch, das der kahle Moritatenerzähler ihm gereicht hatte und tränkte es mit etwas von der grünen Flüssigkeit.
„Er wird jetzt noch gut eine Stunde schlafen“, sagte Ro zu dem Mann. „Wenn er aufwacht, muss man ihn mit dem Tuch am ganzen Körper ordentlich den Schweiß abwischen. Je sorgfältiger man dies macht, desto besser.“
Er legte das Tuch auf den Tisch und packte die Flasche mit der grünen Flüssigkeit zurück in seinen Rucksack.
„Wenn Ihr es Euch leisten könnt, verbrennt das Tuch, sobald es trocken ist“, fuhr er fort. „Es enthält die Reste seiner Krankheit und es besteht die Gefahr, dass man sich an dem Tuch ansteckt. Wenn Ihr das Tuch nicht verbrennen wollt, wascht es sehr gründlich aus, am besten mehrfach. Kochen schadet auch nicht.“
„Wir werden es verbrennen.“ Der Kahle fixierte das Tuch, das jetzt noch keinerlei Ansteckungsgefahr bot, beinahe ängstlich. So als ginge es hier um keine Erkältung, sondern um eine gefährliche Krankheit, wie AIDS, das vor kurzem in der alten Welt ausgebrochen war und von dem man nicht genau wusste, wie man es bekam aber an dem jeder ohne Hoffnung auf Heilung sterben musste.
Ro schulterte seinen Rucksack und Teese stand eilig von ihrem Platz am Bett auf. Ein letzter Blick auf den Jungen zeigte ihr keinerlei Veränderungen, die sie hätte sehen können. Vielleicht schwitzte er ein wenig mehr als vorher, aber ansonsten sah er nicht besser oder gesünder aus.
Erst als Teese ihn am Abend wiedersah, wurde ihr klar, was Ro mit absoluter Sicherheit bereits gewusst hatte, als sie das Zimmer verließen: Der Junge war vollkommen gesund.

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