Der Weg der Magie (5/20)

Posted on Juli 20, 2012

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Die Treppenstufen knarzten und es war recht dunkel in dem kleinen Treppenhaus. Fenster an den Wänden fehlten gänzlich und nur von den Stockwerken fiel etwas Licht herein. Im zweiten Stock verließ Ro den Treppenaufgang und trat in einen langen Gang, von welchem rechts und links mehrere Türen abgingen.
Eigentlich sah es hier aus wie in einem schlichten Hotel oder einer urigen Jugendherberge. Teese hatte mit ihren Eltern schon in solchen Urlaub gemacht, als sie noch sehr klein und ihre Schwester nicht auf der Welt gewesen war. Sie hatte zwar nur recht verschwommene Erinnerungen daran, aber lange dunkle Flure gehörten dazu.
Die einzigen farblichen Akzente stammten von den verschiedenen Türen. Jede war in einer anderen Farbe gestrichen. Anscheinend gab es hier keine Zimmernummern, sonder nur Zimmerfarben. Ob das daran lag, dass die Leute, die hier übernachteten, nicht lesen konnten? Andererseits konnte Zahlen doch wohl jeder lesen, oder? Selbst in der neuen Welt. Dazu musste man nicht studiert haben.
„Wenn wir das Zimmer betreten“, ergriff Ro das Wort, als sie die grüne Tür erreichten, „wirst Du nur zusehen. Du wirst keine Magie wirken und auch mit niemandem sprechen – außer Du wirst direkt angesprochen.“
„Gut.“ Teese nickte. Sie hatte ohnehin nicht vor, irgendetwas zu tun oder zu sagen. Sie war keine Ärztin. Auch ohne Ros Worte hätte sie sich aufs Zuschauen beschränkt.
Ro klopfte an der Tür und wartete, während man innen Schritte hören konnte. Die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet und ein älterer Mann mit Glatze und im Gegenzug äußerst buschigen Augenbrauen sah sie fragend an. „Ja. Was wollen Sie?“
„Ich bin Heiler und habe gehört, hier sei jemand krank“, sagte Ro.
Teese versuchte durch den Spalt der Tür einen Blick in das Zimmer zu erhaschen. Es war dämmrig dort, vermutlich weil die Vorhänge vorgezogen waren.
„Wir“ – Der Mann zögerte – „haben kein Geld für einen Heiler.“
„Meine Behandlungen sind kostenlos“, stellte Ro fest.
Der Kahle blinzelte überrascht und maß Ro dann von Kopf bis Fuß. „Ihr seid der Heiler Rosares, von dem sie erzählt hat, dass er im Frühjahr kommen würde?“
„Rosares, das ist mein Name. Ja.“ Ro griff nach der Tür. „Können wir jetzt herein kommen?“
Der ältere Mann zögerte noch kurz, doch dann trat er zurück und hielt die Tür auf. „Der Junge ist hier drüben.“
Teese folgte Ro der nach links ging. Im Halbdunkel des Raumes waren mehrere Betten zu sehen, die im Zimmer standen. Rucksäcke und anderes Gepäck stand im Raum herum. Teese erinnerte sich, dass Eilanne gesagt hatte, dass der Kranke mit einer Gruppe Moritatenerzähler unterwegs war. Was auch immer Moritatenerzähler sein mochten.
‚Das sind Bänkelsänger‘, drang Flecks Stimme an Teeses Ohr. Das Kaninchen hatte sich beim Erreichen des Gasthauses in seine Transporttasche zurückgezogen, um unnötige Fragen (wie Ro es formuliert hatte) zu vermeiden. Kaninchen wurden in der neuen Welt nur gegessen, nicht als Haustiere gehalten und schon gar nicht trug man sie mit sich herum.
‚Und was sind Bänkelsänger?‘, wollte Teese wissen.
‚Sie treten auf Marktplätzen auf und erzählen Nachrichten und lustige oder gruselige Geschichten‘, erklärte Teeses Seelentier. ‚Das was sie erzählen, ist auf große gerollte Karten gemalt.‘
Teeses Blick blieb an mehreren länglichen Lederbehältern hängen, die zwischen dem Gepäck steckten.
‚Ja, vermutlich sind sie darin‘, kommentierte Fleck, der sehen konnte, was Teese sah, auch ohne aus seiner Tasche zu lugen.
Teese hätte zu gerne einmal einen Blick auf diese Karten geworfen.
‚Vielleicht sehen wir in Schastel Awrosch Moritatenerzähler in Aktion‘, vertröstete sie Fleck. ‚Je größer die Stadt, desto mehr von ihnen findet man dort.‘
Teese wandte ihren Blick von den verschlossenen Lederbehältern ab. Ihre Aufmerksamkeit sollte jetzt wohl besser Ro gelten, der seinen Rucksack auf einem Tisch in der Nähe des einzigen belegten Betts abgestellt hatte und dann zu dem Kranken trat.
Das erste, was er tat, war, ihm die Hand auf die Stirn zu legen, so wie Teese es kannte, wenn ihre Mutter bei ihr feststellen wollte, ob sie erhöhte Temperatur hatte. Allerdings war das bei dem Jungen im Bett unübersehbar.
Sein Gesicht war aschfahl, die Wangen im Kontrast dazu hochrot. Er war schweißnass und die kurzen blonden Haare klebten an den Schläfen. Teese schätzte, dass er etwas älter als sie war, vermutlich so alt wie Amin oder Icus, Teeses ältere Freunde auf Weltenei. Der Junge sah Ro an, als er an das Bett trat, aber seine Augen zuckten unruhig so als könne er sich nicht entscheiden, wohin genau er sehen wollte.
Teese spürte ein Kribbeln in ihren Fingern und sofort konzentrierte sie sich auf das bekannte Gefühl von Magie. Die Quelle war schnell ausgemacht. Ro übte auf den Jungen Magie aus. Er schloss die Augen und entspannte sich sichtlich.
Teese ballte ihre Finger zur Faust, als Ro seine Hand zurückzog und das Kribbeln verebbte. Sie wusste, dass sie Magie Anderer nur spüren konnte, wenn sie stark genug war. Aber Ros zu spüren war überhaupt kein Problem gewesen.
‚Es war aber nicht viel‘, stellte Fleck fest, dem Teeses Gedanken nicht entgangen waren.
‚Warum habe ich es dann gemerkt?‘, wollte Teese wissen.
‚Vielleicht, weil es Sympathiemagie war?‘, schlug Fleck vor. ‚Ros Magie fühlt sich sehr ähnlich an wie Deine.‘
‚Bisher habe ich seine aber noch nie gespürt‘, hielt Teese hingegen. Sie hatte Ro bereits Magie ausüben sehen, als er ihr gezeigt hatte, wie man mit Magie eine Tür verschließen konnte.
‚Vielleicht bist Du inzwischen feinfühliger geworden‘, unterbreitete Fleck eine andere Möglichkeit. ‚Viele erwachsene Magier können Magie bereits in kleineren Mengen wahrnehmen.‘
‚Das wäre schön.‘ Nach ihren hoffnungslosen Trainingsstunden mit dem Schwert und den niederschmetternden Übungen mit der Feder hätte Teese wirklich nichts dagegen, wenn sich irgendeine ihrer Fähigkeiten auch einmal verbessern würde.

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