Der Weg der Magie (4/20)

Posted on Juli 16, 2012

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Teese und Ro hatten Magister Irvings Wald am frühen Vormittag verlassen und schon von Weitem konnte Teese sehen, dass sie auf eine Wegkreuzung zuliefen, an welcher ein Haus stand. Je näher sie kamen, desto sicherer war sich Teese, dass es ein Gasthaus sein musste. Warum sonst sollte jemand fernab einer Stadt oder Siedlung ein Haus mit drei Stockwerken gebaut haben?
Ein großes Schild, das über der Eingangstür hing, bestätigte Teeses Vermutung, als sie nahe genug gekommen waren, dass sie es lesen konnte: Zum ewigen Kreuz. Und darüber war ein weißes Kreuz gemalt mit vier gleich langen Balken, das eher wie ein Pluszeichen aussah. Wäre der Hintergrund nicht blau, sondern rot gewesen, hätte Teese es für die Schweizer Flagge gehalten.
Ein sauber gestrichener hellbrauner Lattenzaun umgrenzte ein großes Stück Garten, in dem die ersten Beete angelegt worden waren. Ein Stück des Gartens war überdacht und bildete eine große Terrasse, auf welcher Stühle und Tische aufgestellt waren. Allerdings hielt sich dort niemand auf. Die einzigen Menschen, die Teese sehen konnte, waren eine Gruppe von fünf Erwachsenen, die vor dem Haus auf zwei Bänken in der Sonne saßen.
„Gott zum Gruße“, begrüßte sie ein älterer Mann in einer dunklen Jacke und grober brauner Stoffhose. Er hatte einen wettergegerbten Hut an die Lehne der Bank gehängt und Teese und Ro schon von weitem gemustert.
„Gott zum Gruße“, erwiderte Ro knapp und trat in das Gasthaus.
Teese nickte im Vorübergehen dem älteren Mann höflich aber ein wenig verlegen zu. Gott zum Gruße klang in ihren Ohren sehr altmodisch. So etwas hatte sie noch niemanden sagen gehört. Normaler Weise sagte man ‚Guten Tag‘ oder ‚Schönen guten Tag‘, wenn man jemanden traf, den man nicht kannte. So hatten sie auch die anderen Reisenden bisher gegrüßt.
Etwas ratlos über die merkwürdige Begrüßung folgte Teese Ro in das Gasthaus und fand sich in einem großen Raum mit vielen Tischen und Stühlen wieder. Wie sie erwartet hatte, war es ein Gastraum, wie in einem Restaurant. Der Boden bestand aus dunklen Holzbohlen, während die Wände hell verputzt waren. Blaue Gardinen hingen an den Fenstern und Ketten aus getrockneten Blumen, Blättern und Pilzen füllten die Zwischenräume sehr dekorativ, aber auch recht ungewöhnlich für Teeses Empfinden.
„Meister Rosares, welche Freude.“
Hinter dem großen massiven Holztresen gegenüber des Eingangs war eine Frau mit vollen schwarzen Lockenhaaren damit beschäftigt gewesen, Gläser in einen Wandschrank zu füllen. Als Teese und Ro hereingekommen waren, hatte sie sich umgewandt und sofort war ein freudiges Strahlen auf ihrem Gesicht erschienen.
„Guten Tag, Eilanne.“ Ro durchquerte den Raum während er sprach und blieb erst am Tresen stehen.
„Wie schnell das Jahr vergangen ist“, sagte die Frau und lächelte. Anscheinend war sie sehr erfreut, Ro zu sehen. „Ich hatte noch nicht mit Dir gerechnet.“
„Nun, es ist Frühling“, stellte Ro fest. „Also bin ich auf der Suche nach Kranken. Hast Du etwas gehört?“
„Ja, aber das meiste ist schon über zwei Wochen her.“ Eilanne stellte ein Glas auf den Tresen und goss eine recht trübe Flüssigkeit hinein. Ihr Blick blieb kurz an Teese hängen und ein zweites Glas wanderte auf den Tresen. „Aber wir haben einen kranken Reisenden hier. Einen jungen Burschen, der mit einer Gruppe Moritatenerzähler unterwegs ist.“
„Gut“, sagte Ro und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Wir werden ihn uns gleich einmal ansehen.“
„Wir“, stellte die Frau fest. „Wer ist das junge Mädchen, das Dich in diesem Jahr begleitet?“
„Meine Tochter“, sagte Ro gleichgültig. „Ihr Name ist Teesemi.“
„Oh. Grundgütiger. Du hast eine Tochter, Rosares?“ Eilanne wirkte sehr überrascht, fasste sich aber schnell und schenkte auch Teese ein freundliches Lächeln. „Hier, den Saft kannst Du gerne trinken, Mädchen. Nicht so schüchtern.“
Sie schob das zweite Glas, das sie eben erst gefüllt hatte, Teese zu. „Möchtest Du einen Schmalzkringel dazu?“, wollte sie wissen.
Teese nahm das Glas noch etwas zögerlich. Die trübe Flüssigkeit sah nicht sonderlich schmackhaft aus, aber wenn sie als Saft bezeichnet wurde, war es doch wohl ein leckeres Getränk, auch wenn es mehr wie Brackwasser aussah oder ein Glas, in dem man seine Wasserfarbpinsel ausgewaschen hatte.
„Danke. Gerne“, nahm Teese das Angebot des Schmalzkringels an.
Sie hatte zwar auch hier keine Ahnung, um was es sich eigentlich handelte, aber nachdem sie sich die letzten Tage von Brot und Ros suppenartigen Eintöpfen ernährt hatte, klang ein Schmalzkringel wenigstens nach ein wenig Abwechslung im Speiseplan.
„Meine Güte, Rosares, das Mädchen ist dünn wie ein Bohnenstecken.“ Eilanne verschwand unter dem Tresen und tauchte gleich darauf wieder mit einem Teller mit mehreren runden Teigstücken auf, die Teese entfernt an Donuts erinnerten, nur dass sie noch fettiger aussahen und mit Honig überzogen waren.
„Du musst ihr mehr zu Essen geben. Das Mädchen soll doch etwas Anständiges werden.“ Sie reichte Teese mit einem warmherzigen Lächeln den Teller und Teese nahm einen der Schmalzkringel herunter, der sofort an ihren Fingern klebte.
„Das Mädchen soll Heilerin werden“, sagte Ro und leerte sein Glas.
„Papperlapapp, moderner Schnickschnack“, widersprach Eilanne energisch. „Du solltest sie gut verheiraten und nicht etwas lernen lassen… oder hat sie Deine Gabe?“
„Ja, und wir sind dabei herauszufinden wieviel“, sagte Ro.
Teese kaute unterdessen den Schmalzkringel, der sich als überraschend locker und luftig, dabei aber unglaublich süß entpuppte. Sie nahm einen Schluck des Saftes, um die klebrige Süße etwas zu neutralisieren und stellte fest, dass es sich um Apfelsaft handelte, einen recht herben aber durchaus erfrischenden.
„Trotzdem schadet es einem jungen Mädchen nicht, ein wenig adrett auszusehen“, sagte Eilanne unterdessen mit leicht mahnendem Unterton.
Teese hätte sich selbst zwar tatsächlich nicht als adrett bezeichnet und ob sie hübsch war oder nicht, darüber hatte sie noch nicht wirklich nachgedacht. Aber sie fand definitiv nicht, dass sie dünn wie ein Bohnenstecken war. Sie war sportlich und ganz normal von ihrem Körperbau. Nicht zu dick und nicht zu dünn. Einfach normal eben.
„Ich werde Dich nicht aufhalten, wenn Du Ihr heute Abend eine große Portion auf den Teller füllst“, sagte Ro.
„Bleibt Ihr über Nacht?“ Die Frage klang in Teeses Ohren merkwürdig hoffnungsvoll. So als würde Eilanne die Frage gerne bejaht sehen.
Ro schien kurz nachzudenken. „Warum nicht?“, sagte er dann. „Welches Zimmer hast Du dem kranken Burschen gegeben?“
„Das grüne im zweiten Stock“, sagte Eilanne. „Geht Ihr gleich hinauf?“
„Je früher, desto besser“, sagte Ro. „Teesemi, trink Dein Glas leer und trödel nicht so herum.“
Teese schluckte den Rest ihres Schmalkringels herunter und beeilte sich, Ros Worten nachzukommen. Die klebrigen Finger leckte sie sich ab, während sie Ro hinterher durch eine Tür rechts vom Tresen ging, die zu einem Treppenaufgang führte.

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