Der Weg der Magie (3/20)

Posted on Juli 13, 2012

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Teese nahm die Feder entgegen und richtete sich auf. Das würde einfach werden. Sie wusste, wie es funktionierte und sie wusste wie es sich anfühlte. Außerdem war es ein einfacher Sympathiezauber, wenn Ro ihn selbst jetzt noch ausführen konnte. Alles, was sie tun musste, war sich vorzustellen, dass sie diese Feder war.
Viel schief gehen konnte da nicht, zumal der Steinblock, auf dem sie stand, nicht so furchtbar hoch war. Von so weit oben war sie bereits gesprungen. Die Mauer am Sportplatz bei ihr zu Hause war ebenfalls knapp doppelt so hoch wie Teese und auf dem Weg zum Training, war sie dort des Öfteren heruntergesprungen, um den Umweg zur Treppe hinüber zu vermeiden.
So versichert fasste Teese die Feder mit Daumen und Zeigefinger. Ihre Finger kribbelten ganz leicht, als sie etwas ihrer Magie in den kleinen Federkiel gab. Sie und die Feder waren eins, stellte sich Teese vor. Sie würde so leicht sein wie die Feder und so elegant zu Boden schweben wie diese.
Teese schnickte die kleine Feder von sich und sah, wie sie hin und her schaukelnd zu Boden sank. Teese versah die Feder mit einem festen Blick und sprang dann von dem Steinblock.
Noch im gleichen Moment verlor sie die Feder aus den Augen und im nächsten landete sie unsanft auf dem laubbedeckten Waldboden. Aus einem Reflex heraus schaffte es Teese ihren Fall halbwegs abzufangen, indem sie auf den Beinen landete und einen Hechtsprung nach vorne machte. Auf allen Vieren sitzend sah sie irritiert auf das halb verwelkte Laub, in dem sie gelandet war.
Verwirrt rappelte sie sich auf. Ro bückte sich ein Stück vor ihr und hob die Feder auf. Seine Lippen waren zu einem unwilligen Strich verzogen.
„Es ist schön und gut, wenn Du mit der Feder eins wirst“, sagte er trocken. „Allerdings solltest Du nicht die Feder davon überzeugen, dass sie fällt wie Du, sondern Dich, dass Du sinkst wie eine Feder.“
Teese brauchte einen Moment, um die Worte zu verstehen.
‚Die Feder ist gefallen wie ein Stein‘, bestätigte Fleck von seinem Beobachtungsposten vor einer Reihe verwelkter Heidelbeersträucher.
‚Aber wieso…?‘ Teese war noch zu überrascht über den Ausgang dieses Versuchs. ‚Ich habe alles genauso gemacht wie Ro.‘
Es hatte sich sogar genauso angefühlt wie bei in der Erinnerung von Dekan Roath. Feder fühlen, Feder werfen, elegant sinken wie eine Feder. Nur, dass der letzte Teil nicht funktioniert hatte.
Ro hielt Teese die Feder hin und wartete, bis Teese sie genommen hatte. Ohne auf die Aufforderung von Ro zu warten, ging Teese zurück zum Steinblock, kletterte auf der niedrigen Rückseite hinauf und ging wieder zum Absprungsbereich.
‚Mach es, wie Ro gesagt hat‘, riet ihr Fleck. ‚Nicht die Feder überzeugen wie Du zu sein. Überzeuge Dich so zu sein wie die Feder.‘
Das hieß, sie musste die Magie auf sich wirken? Teese konnte sich nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Etwas verunsichert hielt sie die Feder zwischen Daumen und Zeigefinger, gab ihre Magie in die Feder und holte sie sich gleich wieder zurück. Sie warf die Feder und sprang.
Dieses Mal sank die Feder sanft zu Boden. Teese allerdings fiel ganz normal. Aber um ehrlich zu sein hatte sie das dieses Mal beinahe schon erwartet. Entsprechend landete sie problemlos auf ihren Beinen.
„Nicht einfach nur springen“, kommentierte Ro.
Dieses Mal ließ er Teese ihre Feder selbst holen und blieb mit verschränkten Armen vor dem Steinblock stehen, von wo aus er Teeses Versuche beobachtet hatte.
Entnervt kletterte Teese mit ihrer Feder wieder auf den Steinblock und startete einen neuen Versuch. Es hatte sich bei Roath doch so einfach und natürlich angefühlt. So als würde jeder Mensch, der von einem hohen Punkt heruntersprang automatisch langsam und elegant zu Boden sinken.
Doch auch Teeses dritter Versuch endete nicht auf diese Weise. Egal was sie machte, sie schaffte es einfach nicht, elegant zu Boden zu sinken. Nach fünf weiteren Versuchen entschied Ro, die Übung für heute abzubrechen, damit sie sich wieder auf ihren Weg machen konnten. Seiner Meinung nach hatten sie nun genug Zeit vergeudet.
Allerdings bedeutete das nicht, dass Ro Teese damit alle weiteren Übungen erlassen würde. Ganz im Gegenteil: Die Übung mit der Feder musste Teese nun auf der Reise immer absolvieren, wenn Ro etwas entdeckte, wovon Teese noch unbeschadet herunterspringen konnte. Die einzige Ausnahme machte Ro, wenn sie in Gegenwart von Nichtmagiern waren und sie ihre magischen Fähigkeiten nicht zeigen durfte. Und das war bereits am dritten Tag der Reise zum ersten Mal der Fall.

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