Der Weg der Magie (2/20)

Posted on Juli 9, 2012

0


***

Die Tage der Reise mit Ro verliefen alle nach einem festen Ablauf. Sie standen auf, wenn der Himmel sich in einem fahlen Blau zu färben begann und die Vögel anfingen zu zwitschern und sie beendeten ihre tägliche Wanderung, wenn die Dämmerung heraufzog.
Jeden Abend bereitete Ro ein gemeinsames Abendessen und ließ Teese in der Zwischenzeit etwas aus einem der beiden großen Bücher lesen. Jeden Morgen hingegen begannen sie mit einer Trainingsstunde mit den Schwertern.
Teese hatte bereits zuvor Zusatzstunden von Ro gegeben bekommen und wusste vom ersten Tag an, was sie erwartete. Sie war zwar sportlich und ausdauernd, aber der Umgang mit den Schwertern blieb für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Es gab einfach zu viel, was man beachten musste.
Das eine Schwert nutzte Teese alleine zur Abwehr. Für dieses Schwert musste sie ständig nach Ros Angriffen Ausschau halten und sie mit dieser und nur mit dieser Klinge abwehren. Das andere Schwert diente zum Angriff und dazu musste Teese nach einer Schwäche in Ros Deckung suchen oder sich durch einen gezielten Angriff eine schaffen.
Beides für sich genommen war schon schwer genug, dies aber zu kombinieren war für Teese unmöglich. Ständig verzettelte sie sich und machte einen Fehler nach dem anderen. Zu allem Überfluss konnte sie keinerlei Verbesserung in ihrer Kampftechnik ausmachen, egal wie viel sie trainierte.
Sie hatte am Ende des letzten Schuljahres gehofft, dass der Kampf mit magisch aufgeladenen Waffen einfacher werden würde oder ihr wenigstens neue Möglichkeiten bieten würde. Aber nach den ersten Stunden bei Magister Pim hatte sie eingesehen, dass es jetzt nur noch schwerer werden würde und Ro ließ sie vielleicht auch deswegen stets ohne Magie üben. Anscheinend hatte sie noch einen langen Weg vor sich.
Ganz ähnlich verliefen auch ihre Übungen in Sympathiemagie, die Ro sie ab und an auf dem Weg machen ließ. Eigentlich hatte Teese gedacht, dass sie ihr Talent gut beherrschen würde. Sie konnte eine Menge mit ihrer speziellen Form der Magie bewirken und hatte Ro im letzten Jahr noch damit beeindrucken können, wie sie das ganze Meer vor Weltenei hatte zurückweichen lassen. Doch bereits die erste Übung, die Ro sie am Nachmittag des zweiten Reisetages machen ließ, schlug kläglich Fehl.
Sie befanden sich noch in Magister Irvings Wald und stießen auf eine Reihe großer grauer Findlinge, wie Teese sie aus dem Felsenmeer, einem Naturpark in der alten Welt, kannte. Es waren massive Felsen, rund abgeschliffen an den Seiten. Diese gewaltigen Steinbrockenlagen einfach mitten im Wald als wären sie von einem Riesen dort abgelegt worden.
Einer dieser Steine war auf einer Seite doppelt so hoch wie Teese groß war und lief am anderen Ende verhältnismäßig flach aus, so dass Teese Ro mühelos auf ihn hinauf folgen konnte.
„Dekan Ezzo hat mich angewiesen, Dir ein paar einfache Sympathiezauber beizubringen, während wir unterwegs sind“, erklärte Ro ihr, so als würde er von sich aus niemals auf eine solch absurde Idee kommen.
Teese wartete, was kommen würde sah am Ende des Steinblocks nach unten. Der Boden dort war mit Laub vom letzten Herbst bedeckt, das nach dem Winter recht feucht und halb verrottet war. Was sich genau darunter befand, konnte Teese nicht sehen, aber sie schätzte, dass es ganz normaler Waldboden sein würde, wie bisher auf ihrem Weg. Magister Irving hatte beim Verlagern des Waldes ganze Arbeit geleistet.
„Wir fangen mit einem einfachen Schwebezauber an“, sagte Ro, dessen Blick ebenfalls vom Steinblock hinunter auf den Boden gerichtet war.
„Dazu benötigst Du natürlich als erstes einen Gegenstand, auf den Du Deine Magie lenken kannst“, fuhr Ro fort und griff in seinen Umhang. Hervor zog er eine kleine Daunenfeder, die er vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger hielt.
„Du wirkst Deine Magie auf diese Feder, in der Art, dass Du und die Feder eins werdet“, erklärte er ihr. „Dann wirfst Du die Feder, kontrollierst, dass sie auch tatsächlich so zu Boden schwebt, wie Du das möchtest und springst ihr so früh wie möglich hinterher. Berührt die Feder den Boden, hört sie schließlich auf zu schweben und Du mit ihr. Wichtig ist somit das Timing. Nicht springen, bevor Du nicht sicher bist, dass die Feder auch ordentlich schwebt und nicht zu spät springen, damit Du nicht die letzten Meter fällst, wenn Du aus größerer Höhe springst.“
Teese nickte. Das klang einfach und sie hatte, auch wenn Ro das nicht wusste, diesen Zauber schon einmal ausgeübt, nämlich als sie eines von Ros Erinnerungsschiffen angesehen hatte und in seiner Erinnerung von der Stadtmauer von Schastel Awrosch einer Feder hinterher gesprungen war. Es hatte sich dort ganz natürlich und einfach angefühlt.
Vermutlich hatte Ro dies schon oft getan. Es würde sie gar nicht wundern, wenn dies zu seinen Zeiten als Dekan sein täglicher Weg von seinem Arbeitszimmer im Magieturm nach unten in den Hof gewesen wäre. Es ging schneller als zu Fuß und es sah sehr elegant aus. Und dass Ro darauf als Dekan viel Wert gelegt hatte, wusste Teese. Er hatte beeindrucken wollen, vor allem natürlich Magister Nabi, sicher aber auch die anderen Magier. So war er einfach… gewesen.
Teese fragte sich unschlüssig, wieviel von ihm noch heute so war. Aber alles, was sie sehen konnte, war ein mürrischer und vermutlich verbitterter Mann, der einst ein mächtiger Magier gewesen war und nun von Glück sagen konnte, überhaupt noch am Leben zu sein.
„Sieh genau hin“, sagte Ro, der Teeses Gedanken nicht im Entferntesten erahnen konnte.
Teese nickte mechanisch und sah zu, wie Ro das tat, was er ihr eben erklärt hatte und was sie durch seine Augen bereits einmal zuvor erlebt hatte.
Ro hielt die Feder in der rechten Hand nach vorne gestreckt und ließ sie los. Sie begann sachte nach unten zu schweben. Ro fixierte die Feder mit einem Blick, machte einen halben Schritt zurück und sprang dann kraftvoll vom Steinblock ab. Dann schien er einen Moment einfach in der Luft zu hängen. So langsam wie die Feder sank er nach unten. Die weiße Daune erreichte den Boden, als Ro noch kniehoch über dem Boden schwebte. Sofort fiel er nach unten als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
Ro federte seine Landung geschickt ab, indem er leicht in die Knie ging. Er machte einen Schritt nach vorne und pflückte die kleine Feder aus dem Laub.
„Jetzt Du.“
Ro reichte Teese die Feder an der ausgestreckten Hand hinauf.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements