Der Weg der Magie (1/20)

Posted on Juli 6, 2012

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Walther Hoffmann ließ sich mit einem leisen Seufzen auf dem grauen Sessel nieder, der im Besucherzimmer des Internats stand. Er war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und spürte die Reise in sämtlichen Knochen. Er war einfach zu alt, um morgens in ein Flugzeug zu steigen, quer durch Europa zu fliegen und am Nachmittag Termine in einer Schule wahrzunehmen, um dann am Abend wieder nach Hause zu fliegen. Und diesen letzten Teil des Tages hatte er noch nicht einmal absolviert.
Wenn er sah, mit welcher Leichtigkeit Georg diese Aufgabe bewältigte, verspürte er doch einen kleinen Anflug von Neid. Magier alterten nie. Jedenfalls nicht körperlich und Georg war noch immer so elanvoll und ausdauernd wie er selbst es auch mit Anfang Dreißig gewesen war. Aber Walther wusste, dass dies der Preis dafür war, dass er sich für die alte Welt entschieden hatte. Was also sollte er sich beklagen?
Walther Hoffmann wandte den Blick zur Tür, als der Junge hereinkam. Er versuchte abzuschätzen, ob Arttu Leskinen Recht hatte mit seinem Verdacht. Dekan Ezzo hatte ihn vor vier Tagen angerufen und ihm mitgeteilt, dass es gut möglich sei, dass die Zwillinge ihre Plätze getauscht hatten, dass der junge Rinnir, der zum zweiten Halbjahr nach Weltenei gekommen war nicht derselbe war, der im ersten Halbjahr dort gewesen war.
Walther hatte nicht auf Anhieb verstanden, warum die beiden dies hätten tun sollen. Rinnir hatte sich entschieden, nicht nach Weltenei zurück zu kehren, das war wahr. Aber welchen Grund hätte sein Bruder, an seiner Stelle in die neue Welt zu kommen – und warum sollte Rinnir diesen Plan gutheißen? Sie würden ein weiteres halbes Jahr getrennt sein.
Er musterte den Jungen, der ihn kurz überrascht ansah und dann schnell die Fassung wiedergewann.
„Guten Tag, Direktor…“ Er stockte.
„Hoffmann“, vervollständigte Walther. „Komm bitte herein und schließe die Tür. Wie ich sehe, erinnerst Du Dich an mich.“
Gabriel nickte und kam der Aufforderung des älteren Mannes nach. Walther konnte nur raten, was in ihm vorging. Verspürte er Nervosität? Hatte er Angst, dass man sie durchschaut hatte? Oder war doch alles ganz anders und Arttu hatte sich geirrt?
„Du bist Daniel Cunningham“, stellte Walther Hoffmann fest und musterte den Jungen über den Rand seiner Brille hinweg.
Gabriel nahm langsam auf dem zweiten Besuchersessel Platz, blieb aber auf dem Rand der Sitzfläche sitze. So als sei er auf dem Sprung.
„Ja“, sagte er heiser. „Ist irgendetwas mit meinem Bruder?“
Walther lächelte freundlich. „Nein. Keine Sorge. Daniel geht es gut. Er kommt gut voran und anscheinend gefällt es ihm sehr auf unserem Internat.“
Gabriel entspannte sich nicht wirklich. Eher schien es Walther so als würden seine Hände den Rand der Sitzfläche noch stärker umklammern. Und er hatte nicht bemerkt, dass Walther seinen Bruder mit dessen richtigen Namen benannt hatte. Daniel ging es gut. Der Junge vor ihm war also wirklich Gabriel.
„Warum habt Ihr beide die Plätze getauscht, Gabriel?“, erkundigte er sich freundlich.
„Ich… verstehe nicht, was Sie meinen.“ Walther konnte sehen, wie der Junge nachdachte und zusammenschrak. Hatte er seinen Fehler bemerkt?
„Es liegt am Namen“, erklärte Walther ihm. „Der Junge, der im letzten Jahr angemeldet worden ist, hieß Gabriel. Der, der in diesem Jahr gekommen ist, heißt Daniel, auch wenn auf der Liste noch immer Gabriel steht. Ihr beide heißt in der anderen Welt Rinnir. Deswegen ist es nicht sofort aufgefallen. Aber Magier haben ein besonderes Gefühl für Namen, jedenfalls einige von ihnen.“
Da der Junge schwieg, fuhr Walther Hoffmann fort. „Dein Bruder hat sich auch gut angepasst. Ich schätze, Du hast ihn irgendwie vorbereiten können, trotz der widrigen Umstände.“ Immerhin hatte er alles vergessen müssen, als er nach Weltenei gekommen war. Das war unumgänglich.
„Sogar das Seelentier scheint Ihr Euch teilen zu können“, sprach Walther weiter, da der Junge keinen Einwand machte. „Aber etwas unterscheidet Dich sehr stark von Deinem Bruder. Du bist ein Universalminimalist und er hat ein Talent gefunden.“
Entsetzen spiegelte sich in Gabriels Augen. „Ein Talent?“
„Ja, er beherrscht die Musik“, sagte Walther. „Von dem, was ich gehört habe, ist Daniel schon immer sehr musikalisch gewesen, im Gegensatz zu Dir.“
Gabriel kniff die Lippen zusammen als wolle er auf die indirekte Frage nicht antworten. „Was werden Sie jetzt wegen uns unternehmen?“, wollte er dann jedoch nur wissen.
„Nichts“, sagte Walther. „Dies ist eine private Unterredung zwischen Dir und mir, so wie zurzeit eine private Unterredung zwischen Deinem Bruder und Dekan Ezzo stattfindet. Aber die Magier betrachten jeden ihrer Schüler als selbst für sich verantwortlich. Wenn Daniel nach Weltenei gehen möchte und Du auf dieses Internat, wird niemand von uns einen Einwand erheben. Das werdet Ihr alleine mit Euren Eltern klären müssen.“
„Daniel wird nicht auf Weltenei bleiben“, sagte Gabriel finster. „Es“ – er zögerte – „sollte nur für ein Halbjahr sein. Er wollte nur sehen, was ich gesehen habe. Ich habe es ihm ein Stück weit erklären können, mehr als einem anderen Menschen aus der alten Welt.“
Walther Hoffmann nickte verstehend. Zwillinge waren besondere Menschen, auch was ihr magisches Talent anging. Für sie galten bestimmte Regeln nicht. Andere konnten sie umgehen. Deswegen war eigentlich keiner so wirklich unglücklich darüber gewesen, als es hieß, dass nur einer der beiden Jungen kommen würde. Aber nun verkomplizierte es die Situation entscheidend.
„Hast Du Dir überlegt, was Du tun wirst, falls sich Dein Bruder doch für Weltenei entscheidet?“, wollte Walther wissen.
Gabriel rümpfte die Nase. „Das wird er niemals tun. Dann wären wir wirklich für immer getrennt.“
Walther wägte seine Worte sorgfältig ab. „Weißt Du, Gabriel, ich habe auch einen Bruder. Keinen Zwillingsbruder, nein. Aber auch wir sind beide magisch begabt. Du kennst ihn. In der neuen Welt heißt er Magister Pim.“
Gabriels Blick hing voll Zweifel an dem alten, weißhaarigen Mann vor ihm.
Walther schmunzelte. „Du wirst keine Ähnlichkeit zwischen uns feststellen können, denn mein Bruder hat sein Aussehen magisch verändert. Immerhin ist er noch ein junger Mann, ich dagegen bin im Laufe der Zeit gealtert.“
Gabriel nickte zögerlich.
„Auch ich war einst auf Weltenei, habe mich aber wie Du entschieden, der neuen Welt den Rücken zuzukehren. Mein Bruder jedoch hat daran Gefallen gefunden, ein Magier zu sein und er hat meine Entscheidung nie verstehen können.“
Gabriel schwieg.
„Ich würde Euch beiden wünschen, dass Ihr in einer Welt zusammen glücklich leben könnt“, sagte Walther ernst. „Aber Du solltest eines verstehen: Auch bei Zwillingen hat jeder das Recht für sich zu entscheiden, was er für richtig hält und was für falsch.“
Walther konnte sehen, dass Gabriel die Worte noch in dem Moment verwarf, in dem er sie hörte. Er hoffte unvermittelt sehr, dass Daniel in der neuen Welt keinen Gefallen daran finden würde, ein Magier zu sein. Allerdings hatte er das Gefühl, dass es nicht so einfach werden würde. Denn das war es nie.

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