Aufbruch ins Unbekannte (18/18)

Posted on Juni 18, 2012

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Sie folgte Ro auf dem unebenen Weg weiter auf den Wald zu und ließ sich das Gesagte durch den Kopf gehen. Fleck machte es wohl ebenso, denn nach einer Weile meldete sich Teeses Seelentier wieder zu Wort.
‚Hast Du gehört, was er gesagt hat?‘, wollte Fleck wissen. ‚Dass wir einen anderen Weg eingeschlagen haben als geplant. Das heißt er hat sich tatsächlich an der Weggabelung spontan entschieden.‘
Teese dachte an den Moment, den sie dort gestanden hatten. ‚Ich hatte den Eindruck, er lauscht auf irgendetwas‘, sagte sie in Gedanken zu ihrem Seelentier.
‚Ja, und ich glaube, es war Magie. Er wird sie hören können.‘
Teese kniff die Lippen aufeinander. ‚Ich habe nichts gespürt.‘
‚Ich auch nicht‘, sagte Fleck. ‚Trotzdem hatte ich das Gefühl. Vielleicht kann er noch irgendetwas, das nicht einmal ich kann.‘
Der Gedanke gefiel Teese nicht, aber sie konnte ihn auch nicht von der Hand weisen. Noch zu gut erinnerte sie sich an Flaumschnabels Worte, als sie mit Ro und Magister Nabi in ihr Zimmer gegangen war, um ihre Ausrüstung für die Reise zu bekommen: Er kann Gedanken hören, fast so gut wie ein Formori.
Allerdings sollte das unmöglich sein. Ro besaß zwar ein magisches Talent aber sein Seelentier war praktisch leer. Er konnte nur Sympathiemagie wirken und auch diese nur begrenzt. Wie sollte er überhaupt Gedankenrede nutzen können. Teese wurde ein wenig mulmig. Ro konnte mehr als er eigentlich können dürfte. Die Frage war, wieso und wussten das die Magier.
Während des restlichen Tages blieb Teese schweigend in Gedanken versunken. Der Wald, den sie bis zum Einbrechen der Dämmerung durchwanderten war dicht, der Weg aber frei und in einem wesentlich besseren Zustand als vor dem Wald.
Vermutlich lag dies daran, dass der Weg an Magister Irvings Haus vorbei führte oder jedenfalls an dem, was ein Magier unter einem Haus verstand. Auf einer kleinen Lichtung stand ein Turm. Allerdings kein alter Turm, wie Teese ihn in einem Wald erwartet hätte, sondern eine Art Bürogebäude mit einer verspiegelten Glasfassade.
Teese musste unvermittelt an einen der großen Türme in Frankfurt denken. Dort hatten die Banken solch neumodische Wolkenkratzer. Teese hatte sie immer staunend bewundert, wenn sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester sonntags einen Ausflug in den Zoo oder ins Senkenberg-Museum gemacht hatten.
Doch hier wirkte dieser Büroturm anders als in der lebhaften Stadt reichlich fehl am Platz. Das blaugraue Glas war glatt und glänzend und spiegelte die Bäume auf der anderen Seite des Weges verzerrt. Fenster und Wände waren eins. Eine Drehtür führte in das Gebäude, wirkte aber verschlossen. Niemand war zu sehen, nichts war zu hören. Alles wirkte künstlich und falsch und irgendwie beängstigend.
Teese war wirklich froh, als Ro keine Anstalten machte, Magister Irving einen Besuch abzustatten. Sie passierten den Turm zügig und verlangsamten ihr Tempo erst als sie ihn weit hinter sich gelassen hatten. Fast hatte Teese den Eindruck, dass auch Ro möglichst schnell an ihm hatte vorbeikommen wollen, auch wenn der Turm sicher ein Bett für die Nacht in einem warmen und trockenen Zimmer geboten hätte.
So mussten Ro und Teese die Nacht im Freien verbringen. Die Bäume verschmolzen bereits zu grauen Schatten, als Ro sich umwandte und sagte, dass sie jetzt für die Nacht rasten würden.
In der Nähe eines kleinen Baches legten Ro und Teese ihre Schlafsäcke aus. Während Ro über einem schnell entfachten Lagerfeuer eine Suppe für sie kochte, las Teese in einem der zwei Bücher, welche Ro ihr in ihr Bündel gepackt hatte.
Es waren sehr große Bücher in weißes Leder gebunden, das nur an den Rändern abgenutzt wirkte. Solche Bücher las man aufgeschlagen auf einem Tisch oder an einem Stehpult, aber man schmökerte in ihnen nicht gemütlich auf dem Sofa.
Teese hatte das Kapitel, das Ro sie angewiesen hatte zu lesen, gerade geschafft, als ein vertrautes Surren in der Luft zu hören war und Nanu senkrecht wie ein Helikopter mitten im Bach landete, der gerade einmal ihren Bauch ein wenig umspülte.
Der Drache trank erst einmal ausgiebig und ließ sich dann von Teese putzen, um es sich schließlich neben dem Lagerfeuer gemütlich zu machen. Dösend sah Nanu zu, wie Ro und Teese ihre Suppe aßen.
Inzwischen war es dunkel und nur das Lagerfeuer verbreitete noch ein wenig Helligkeit im Wald. Ro zündete zusätzlich eine Laterne an. Ihr Licht war unerwartet hell und Teese war sich sicher, dass es eine objektmagische Laterne war. In ihrem Schein putzte sich Teese am Bach die Zähne und wusch sich ein wenig.
Obwohl es noch nicht wirklich spät sein konnte, war sie unglaublich müde. Heute früh war sie noch zu nachtschlafender Zeit aufgestanden und dann bis zum Einbruch der Dunkelheit beständig auf den Beinen gewesen. Dass sie keine Blasen an den Füßen hatte, verdankte sie wohl nur den sicherlich ebenfalls mit Magie versehenen Schuhen.
Müde kroch Teese in ihren Schlafsack und ließ Fleck mit hinein schlüpfen. Obwohl sie noch nie in diesem Schlafsack geschlafen hatte und die Geräusche des Waldes fremd in ihren Ohren klangen, schlief Teese fast unverzüglich ein. Nanu war in ihrer Nähe und würde schon auf sie Acht geben. Da machte sich Teese keine Sorgen. So war ihr Schlaf tief und traumlos bis der Morgen anbrach.

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