Aufbruch ins Unbekannte (17/18)

Posted on Juni 15, 2012

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„Oh“, war alles, was Teese im ersten Moment hervorbringen konnte. Der Wald sah sehr alt aus und er war sehr groß. Wo er endete, konnte Teese durch die bergige Landschaft nicht ausmachen. Das alles sollte ein einziger Magier angelegt haben?
„Was glaubst Du, ist Magister Irvings Talent?“, wollte Ro wissen.
„Er ist Pflanzenmagier“, sagte Teese überzeugt.
Doch Ro schüttelte den Kopf. „Berge sind, soviel ich weiß, keine Pflanzen“, hielt er dagegen.
Teese stutzte. „Er hat die Bäume und die Berge… gemacht?“
„Ich dachte, das hast Du gerade selbst gesagt“, erwiderte Ro ironisch.
Ja, das hatte sie. Trotzdem fiel ihr kein Talent ein, mit dem man Berge erschaffen konnte. Doch, halt. Sie erinnerte sich, wie sie in den Erinnerungsschiffen gesehen hatte, wie Dekanin Iva den Graben um Schastel Awrosch geschaffen hatte, indem sie Wasser um die Burg hatte fließen lassen. Sie war Elementmagierin gewesen.
„Kann man mit Elementmagie Berge“ – sie überlegte. Nein, erschaffen konnte man sie wohl nicht, vielleicht aber – „versetzen?“
„Ja, das kann man“, bestätigte Ro ihr. „Inklusive Bäume.“
„Das heißt“, versuchte Teese die ganze Tragweite des Vorgangs zu verstehen. „Sie fehlen jetzt irgendwo? Die Bäume und die Berge.“
„Notgedrungen“, sagte Ro knapp.
Teese sah den Weg entlang zu den so vertraut wirkenden Bäumen. Die Gegend erinnerte sie an zu Hause.
„Was ist jetzt dort, wo die Berge und Bäume vorher waren?“, wollte sie zögerlich wissen und sie befürchtete bereits, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde.
„Eine Ebene über die der Wind pfeift“, sagte Ro. „Vielleicht wird es dort einmal eine Heidelandschaft geben, wenn viel Zeit vergangen ist. Im Moment ist es eine erdige Wüste.“
Teese hielt ihr halb gegessenes Leberwurstbrot in ihrem Schoss. Irgendwie hatte sie keinen Appetit mehr. „Haben dort Menschen gelebt?“
„Ja, Nichtmagier“, bestätigte Ro ihr. „Sie sind rechtzeitig informiert worden und haben die Gegend verlassen.“
Teese stellte sich vor, wie jemand bei ihr zur Hause an der Tür klingeln würde, und sie darüber informieren, dass der Wald hinter ihrem Haus versetzt werden würde, inklusive der Berge. Derjenige würde sagen, sie müssten jetzt gehen und sie würden dann gehen, weil gegen Magier konnte man nichts unternehmen. Magier waren mächtig. Nichtmagier waren es nicht.
Dort, wo dieser Wald und diese Berge jetzt fehlten, hatte jemand sein zu Hause verloren. Einfach weil…
„Warum hat Magister Irving das gemacht?“, wollte Teese wissen.
„Sie wollte nicht zu weit von Weltenei entfernt wohnen“, sagte Ro trocken. „Und sie wollte gleichzeitig Berge und Bäume wie bei sich zu Hause haben. Also hat sie sich welche geholt.“
Teese fröstelte. Das war… gemein. Nein, das traf es nicht. Das war egoistisch. Der Wald und die Berge gehörten nicht ihr und sie gehörten nicht hierher.
Ro maß Teese von der Seite. „Findest Du das falsch?“, versuchte er ihren Gesichtsausdruck zu deuten.
„Ja“, entschied Teese. „Nur weil man sie versetzen kann, hieß das nicht, dass man das auch darf. Der Wald und die Berge gehören den Leuten, die dort wohnen oder den Tieren. Nur damit einer es schön hat, müssen viele ihre schöne Heimat verlassen. Das ist nicht richtig.“
Ro schwieg. Teese fragte sich, ob er ihre Ansicht teilte und ob es die Antwort war, die er von ihr hatte hören wollen. Irgendwie war es eine Art Unterrichtsgespräch gewesen, oder?
„Gut“, sagte Ro schließlich aber nur, „nachdem wir das geklärt hätten, gehen wir jetzt weiter. Du solltest Deinem Drachen sagen, dass wir einen anderen Weg eingeschlagen haben als geplant.“
Teese packte eilig ihr halb gegessenes Leberwurstbrot ein und schulterte ihren Rucksack. Fleck kam bereits aus der Wiese gehoppelt und ließ sich von Teese in die Reisetasche setzen.
‚Ich sage Nanu Bescheid‘, bot sich das Kaninchen an.
‚Danke.‘ Teese musste gestehen, dass sie das ohnehin nicht gekonnt hätte.

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