Aufbruch ins Unbekannte (16/18)

Posted on Juni 11, 2012

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Die gepflasterte Straße lief am Ufer entlang. Lange noch konnte man Weltenei zu ihrer Rechten sehen. Teese warf immer wieder einen verstohlenen Blick über ihre Schulter, während die Insel kleiner und kleiner wurde.
Bis zum Mittag waren sie alleine unterwegs. Dann begann sich die Straße von der entgegengesetzten Richtung zu füllen. Zuerst begegneten ihnen Menschen zu Fuß mit Rucksäcken und Umhängetaschen, Reisende wie sie selbst, die auf dem Weg nach Thorhafen waren. Später kamen Handkarren hinzu, wie Teese sie auf ihrem Flug zum Reservat bereits gesehen hatte. Auf ihnen waren Kisten gestapelt, Hühnerkäfige oder Säcke mit unbekanntem Inhalt.
Jeder der ihnen entgegen kam, grüßte sie, so wie es Wanderer in der alten Welt zu tun pflegten, wenn sie auf ihrem Weg anderen Wanderern begegneten. Man kannte sich nicht, aber man grüßte, wenn man auf jemandem traf. Es wäre unhöflich aneinander vorbei zu gehen und einfach so zu tun als wäre der andere nicht da.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Teese und Ro eine Weggabelung erreichten. Von der gepflasterten Straße, welche dem Küstenverlauf folgte, zweigte ein Weg nach links ab. Wäre es ein Weg in der alten Welt gewesen, Teese hätte geglaubt, es wäre eine private Einfahrt für den hiesigen Schäfer. Hier aber war es wohl ein ganz normaler Weg, vergleichbar einer Straße, nur sehr viel schlechter ausgebaut.
Ro blieb eine Weile an der Gabelung stehen, als ob er unschlüssig war, ob sie diesen Weg einschlagen sollten. Teese hatte den Eindruck, er würde auf irgendetwas lauschen. Allerdings konnte sie nichts Besonderes hören. Da war nur die Brandung des Meeres, ab und an ein Blöken der Schafe und irgendwo sangen ein paar Vögel. Wenn Teese sehr angestrengt lauschte, konnte sie auch noch das Knarren eines der Handkarren hören, der sie eben erst passiert hatte.
Eine knappe Minute verstrich und Teese überlegte schon, ob sie es wagen sollte, Ro zu fragen, warum sie hier stehen blieben. Doch da setzte sich Ro wieder in Bewegung und schlug den abzweigenden Weg ein.
Dieser Weg bestand, wie Teese schnell merkte, nicht mehr aus einem schönen Straßenpflaster, sondern aus unebenen Pflastersteinen, die sehr alt sein mussten, zum Teil schief lagen oder überhaupt gänzlich fehlten. Das machte den Weg zwar als solchen deutlich in der Landschaft erkennbar, aber nicht gerade bequem zu laufen. Mit einem der Handkarren konnte man hier vermutlich überhaupt nicht mehr fahren.
Teese musste dem Weg zu ihren Füßen immer mehr Aufmerksamkeit schenken und konnte weniger die schöne Landschaft genießen, wie sie es noch zu Beginn der Reise getan hatte. Erst als Ro entschied, dass sie nun eine Pause machen würden, bemerkte Teese, dass sie auf einen Wald zuliefen.
Doch damit nicht genug. Die bewaldete Landschaft war auch unerwartet bergig. Wie aus dem Nichts begannen Berge und Wald zur selben Zeit. Die Grenze zwischen den Wiesen, die bisher ihren Weg gesäumt hatten, und den Bäumen wirkte so abrupt, dass Teese sofort an das Reservat denken musste. Auch dort hatten die Bäume ohne einen Übergang direkt begonnen.
Teese folgte Ros Beispiel und streifte ihren Rucksack ab. An der Schafsweide lag ein großer Baumstamm, der vollkommen von seiner Rinde befreit worden war und den Ro als Bank benutzte. Teese stellte ihren Rucksack darauf und kletterte auf den dicken Baumstamm, um es sich gemütlich zu machen und die Beine baumeln zu lassen.
Der Weg bisher war recht einfach gewesen aber sie waren seit dem frühen Morgen unterwegs und Teeses Magen knurrte vernehmlich. Eine Weile musste Teese in ihrem Rucksack wühlen, bis sie die in Papier eingeschlagenen Brote gefunden hatte, die Magister Nabi heute früh eingepackt hatte. Eines war mit Leberwurst bestrichen, das andere mit einer Scheibe Käse belegt. Beides mochte Teese sehr gerne und sie machte sich daran, ihr Mittagessen zu verspeisen.
Ro neben ihr hatte ebenfalls seinen Proviant ausgepackt und aß schweigen. Sein Seelentier, die Elster, hockte ein Stück neben ihm auf dem Baumstamm und putzte sich sorgfältig ihr Gefieder.
‚Hilf mir mal hier raus‘, machte sich Fleck bemerkbar.
Das Kaninchen hatte sich in seiner Transporttasche aufgerichtet und äugte etwas unschlüssig vom Baumstamm nach unten.
‚Ich will mir mal die Beine vertreten.‘
Teese legte ihr Brot neben sich und hob das Kaninchen vorsichtig aus der Tasche. Mit ihm auf dem Arm rutschte sie vom Baumstamm und setzte Fleck daneben ins hohe Gras. Sofort hoppelte ihr Seelentier los und verschwand in der Wiese.
„Das vor uns ist der Wald der Irvingianer.“
Teese zuckte zusammen, als Ro so unerwartet das Wort ergriff. Er hatte den ganzen Weg über geschwiegen und Teese hatte tunlich vermieden, ihm irgendwelche Fragen zu stellen, die er ohnehin nur als dumme Fragen abgetan hätte.
„Fällt Dir an ihm irgendetwas auf?“, hakte Ro nach.
Teese sah zu dem Wald. Eigentlich sah er ganz normal aus, bis auf die Tatsache, die ihr vorhin bereits aufgefallen war, nämlich dass der Wald recht plötzlich in der Landschaft begann. Die ersten Bäume waren gleich richtig groß und sicherlich zur vollen Höhe ausgewachsen. So begann kein Wald, der von alleine wachsen durfte. So sah ein Forstwald aus, der an einen Acker grenzte.
„Er ist von Menschen angelegt, oder?“, wollte Teese wissen.
Ro kniff die Augen zusammen. „Wie kommst Du darauf?“
„Er fängt sehr unnatürlich an“, erklärte Teese. „Am Anfang von Wäldern stehen eigentlich Büsche und Sträucher. Dann kommen erst kleinere Bäume und die großen hohen sind erst im Wald.“
Ro nickte. Anscheinend war es die richtige Antwort. Etwas mutiger geworden, fügte Teese eine weitere Beobachtung hinzu.
„Und die Landschaft ist genauso plötzlich da. Bisher war alles recht eben und nur ein bisschen hügelig. Aber dort, wo der Wald ist, ist alles fast schon bergig.“
„Und Du meinst, normale Menschen können so etwas anlegen?“, wollte Ro wissen und der spöttische Unterton war unvermittelt wieder da.
Die Frage ließ eigentlich nur eine Antwort zu. „Nein, aber Magier.“
„Ein Magier“, korrigierte Ro sie. „Magister Irving hat diesen Wald angelegt. Vor drei Jahren.“

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