Aufbruch ins Unbekannte (15/18)

Posted on Juni 8, 2012

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„Nimmst das Mädchen mit, damit es was von Dir lernen kann, was?“, wollte der zweite Wächter wissen.
Auch wenn Teese die Männer nicht ansah, konnte sie ihre Blicke auf sich spüren.
„Hat sie Dein Talent?“, hakte der Mann nach.
„Ja“, sagte Ro und sprach damit erneut eine Wahrheit aus, welche der Wächter sicherlich anders interpretierte als es der Fall war.
Ro hatte Teese erklärt, dass er in den Augen der Nichtmagier jemand war, welcher Magie nutzen konnte. Kein Magier, sondern ein Magiefähiger. Jemand, der selbst keine Magie anwenden konnte, aber magische Gegenstände benutzen konnte. Das war in den Augen der beiden Torwachen Ros Talent, welches sie geerbt hatte.
Doch Ro war ein Magier, wenn auch einer, der sein Talent nicht mehr voll ausschöpfen konnte. Er war Sympathiemagier gewesen, genau wie Teese es war. In gewisser Weise hatte sie also wirklich Ros Talent und er hatte dem Torwächter gegenüber die Wahrheit gesprochen.
Ein wenig bewunderte Teese diese Fähigkeit. Liina besaß sie ebenfalls. Wie oft schon hatte sie den Erwachsenen gegenüber die Wahrheit gesagt, und gleichzeitig etwas ganz anderes gemeint als derjenige, mit dem sie gesprochen hatte. Teese wusste, dass sie das nie könnte. So schnell konnte sie einfach nicht denken. Bei ihr langte es gerade dazu, zu erkennen, was Ro da machte.
Dem Wächter hingegen blieb diese zweite Wahrheit verborgen, was sicherlich auch besser so war. Ihn interessierten ihm Augenblick ohnehin ganz andere Zusammenhänge.
„Wo war das Mädchen denn bisher, dass wir es nie zu Gesicht bekommen haben?“, wollte der Wächter wissen, dessen Namen Teese noch nicht in Erfahrung gebracht hatte.
„Weltenei“, sagte Ro knapp.
Einer der Wächter pfiff durch die Zähne.
„Der ehrenwerte Dekan Ezzo hat eine Gefährtin für seine Tochter gesucht und mir war es nur Recht“, sagte Ro.
„Kann ich mir vorstellen“, sagte Jurenal. „Sicher hat sie bei den Magiern das eine oder andere gelernt.“
„Magie kann man nicht lernen“, erwiderte Ro.
„Ja, ich weiß, das sagt man.“
„Es ist so.“ Ros wachsende Ungeduld war nun eindeutig zu hören.
„Du musst es wissen“, sagte der Wächter. Es klang nicht so als würde er Ros Worten glauben.
„Lass ihn“, wies ihn Jurenal zurecht. „Wenn man Magie lernen könnte, wäre Rosares mit Sicherheit der erste, der zum Magier würde.“
Der andere Wächter wiegte nachdenklich den Kopf. Allerdings schien ihm diese Logik weitaus mehr einzuleuchten als Ros bestimmte Worte.
„Wir müssen mit dem zufrieden sein, was man uns zugedacht hat“, fuhr Jurenal fort. „Und in Rosares Fall sollten wir froh darüber sein, dass einige von uns wenigsten magische Gegenstände nutzen können. Denk an Deine Hylara. Ohne Ros Talent würde sie heute nicht mehr leben.“
„Ja, schon gut.“ Der andere Wächter winkte ab.
Ro hatte von dem Geplänkel der beiden offensichtlich bereits seit einer ganzen Weile genug. „Wie sieht es nun aus?“, wollte er wissen. „Können wir passieren? Die Sonne ist bereits aufgegangen und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“
„Natürlich“, beeilte sich Jurenal zu sagen. „Wir wollen Dich sicher nicht aufhalten.“
„Gut.“ Ro setzte sich wieder in Bewegung, ohne ein Wort des Abschieds.
Teese ging ihm eilig hinterher, den Blick fest auf den Boden gerichtet als fürchte sie, dass die beiden Wächter in ihren Augen die Wahrheit lesen könnten.
Sie hatten das Stadttor fast passiert, als Jurenal ihnen nachrief, „Falls das Mädchen nicht gelehrig genug ist, Rosares, ich habe noch einen Sohn, der nur ein paar Jahre älter ist als sie. Falls Du für sie einen anständigen Mann suchst…“
Teese kniff die Lippen zusammen und verließ hinter Ro Thorhafen.

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