Aufbruch ins Unbekannte (14/18)

Posted on Juni 4, 2012

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Die Gasse wurde schmäler und endete nach einer Weile an einer im Gegensatz dazu sehr breiten Schneise aus sorgfältig verlegten Pflastersteinen. Dahinter erstreckte sich die Stadtmauer, welche Teese bereits auf ihrem ersten Flug mit Nanu gesehen hatte.
Hier war im Unterschied zum Hafen überhaupt nichts los. Je weiter sich Teese und Ro aus dem Stadtzentrum um den Hafen entfernt hatten, desto ruhiger war es geworden. Hier wirkte Thorhafen genauso verschlafen wie Weltenei. Einzig am Stadttor, auf welches die Gasse zulief, waren Menschen zu sehen. Zwei Männer mit lanzenähnlichen Waffen und in roten Umhängen standen dort und waren wohl die Stadtwache, welche das Tor zu bewachen hatte.
Bevor sie in Hörweite kommen konnten, wandte sich Ro zu Teese um. „Du denkst daran, wer Du ab sofort bist“, schärfte er ihr ein. „Du bist meine Tochter Teesemi und ich bin Dein Vater Rosares. Du bist eine Nichtmagierin und als solche bist Du als Mädchen still und gehorsam.“
Teese nickte. „Ja, das habe ich verstanden.“
Ro wandte sich ab. „Hoffen wir es“, brummte er.
Teese kniff ihre Lippen zusammen.
‚Er meint es nicht so‘, versuchte Fleck zu vermitteln.
‚Und wie meint er es?‘, wollte Teese wissen, während sie Ro zum Stadttor folgte.
‚Ich weiß nicht genau‘, wägte Fleck ab. ‚Er fühlt sich sehr seltsam an. Sehr… gespalten. Ich glaube, das liegt an seinem Seelentier.‘
Teese hielt bei diesen Worten kurz Ausschau nach der Elster und entdeckte sie auf dem Dach des Turms, welcher die rechte Spitze des Stadttores bildete. Sie hatte den Kopf schief gelegt und sah auf sie herunter, während sie sich der Stadtwache näherten.
‚Was ist mit seinem Seelentier?‘, wollte Teese wissen.
‚Es ist nicht eins‘, erklärte Fleck. ‚Das sind mehrere Teile und sie… vertragen sich anscheinend nicht sehr gut.‘
Teese brauchte einen Moment, um darüber nachzudenken. ‚Das muss daran liegen, was Dekanin Winna mit der Aura-Kugel gemacht hat‘, sagte sie.
Und als ihr bewusst wurde, dass Fleck nicht verstand, wovon sie sprach, fügte sie hinzu, ‚Ich habe es in einem ihrer Erinnerungsschiffe gesehen. Als der Magisterrat Roaths Seelentier zerstört hat und Dekanin Winna seine Kugel leeren und vernichten sollte, da hat sie statt dessen ein wenig seiner Magie darin gelassen und etwas von ihrer hinzugefügt.‘
Fleck sah prüfend zum Stadttor und der Elster auf dem Dach des Turms. Dann zog das Kaninchen seinen Kopf ein und verschwand in der Umhängetasche. ‚Das erklärt einiges. Aber es sind bestimmt mehr als nur zwei Seelenteile.‘
Teese dachte darüber nach. Sie hatte sich bereits gefragt, wie das Seelentier erschaffen worden war. ‚Dekanin Winna hat eigentlich mit Absicht nicht genug Magie für ein Seelentier in der Kugel gelassen‘, dachte sie.
‚Dann hat jemand anderes die Kugel aufgefüllt‘, sagte Fleck.
‚Magister Nabi‘, sagte Teese.
‚Ja‘, erwiderte Teeses Seelentier nach kurzem Zögern. ‚Das könnte sein.‘
Sie unterbrachen ihre gedankliche Unterhaltung, als sie das Stadttor erreichten. Die beiden Wachen hatten sie bereits eine Weile näher kommen sehen und ausgiebig gemustert.
„Morgen, Rosares“, begrüßte einer der beiden den Magier schließlich.
Teese war ein wenig überrascht, dass er Ro kannte. Allerdings wusste sie, dass Ro wohl mehr Zeit als alle anderen in Thorhafen verbrachte. Vielleicht hatte er hier also doch ein Haus oder eine Wohnung. Auf alle Fälle hatte sie ihn in Thorhafen in Kleidung der Nichtmagier gesehen. Eigentlich stand zu erwarten, dass man ihn hier kannte.
„Morgen, Jurenal“, erwiderte Ro, welcher den Mann ebenfalls zu kennen schien. „Wir möchten gerne passieren.“
Der Torwächter maß Teese mit unverholenem Interesse. „Du und wer?“, wollte er wissen.
„Das ist meine Tochter, Teesemi“, sagte Ro.
Teese konnte sehen, wie die beiden Torwachen einen überraschten Blick wechselten. „Du hast eine Tochter.“
„Ja“, sagte Ro knapp.
„Das wusste ich gar nicht“, sagte Jurenal.
Teese verstand, dass es nicht nur eine Feststellung war, sondern auch eine Art Aufforderung, mehr zu erzählen. Doch Ro war gut darin, nur auf das zu antworten, was absolut unumgänglich war. Er zuckte mit den Schultern.
„Was ist mit ihrer Mutter?“, sollte der zweite Wächter mit deutlicher Neugier wissen. Beide Männer musterten Teese von Kopf bis Fuß.
„Ihr Mutter weilt nicht mehr in dieser Welt“, bequemte sich Ro zu einer Antwort, die in gewisser Weise durchaus korrekt war. Teeses Mutter lebte in der alten Welt. Allerdings war sie nie in der neuen Welt gewesen.
„Mein Beileid“, sagte Jurenal, welcher die Aussage so verstand, wie Ro es beabsichtigt hatte.
Teese wandte ihren Blick zum Boden. Insgeheim wünschte sie sich, dass sie möglichst schnell durch dieses Tor kamen. Sie war keine gute Schauspielerin.
„Danke“, erwiderte Ro knapp. Teese konnte in seiner Stimme hören, dass er ungeduldig war. Er hatte keine Lust darauf, hier zu plauschen.

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