Aufbruch ins Unbekannte (13/18)

Posted on Juni 1, 2012

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Auf halber Strecke sauste Nanu über sie hinweg und hielt auf das Festland zu, um nach rechts abzudrehen.
‚Sie weiß schon, wohin es heute geht‘, stellte Fleck fest.
‚Meinst Du, Magister Nabi hat es ihr gesagt?‘, wollte Teese wissen.
‚Vermutlich.‘ Fleck schüttelte kurz den Kopf, um die Hängeohren aus seinem Blickfeld zu bekommen. ‚Sie hat ihr sehr viel erzählt. Ich weiß allerdings nicht, was.‘
Teese sah ihrem Drachen hinterher, der die Küstenlinie entlang flog, während sie noch nicht einmal Thorhafen erreicht hatten.
‚Hoffentlich verirrt sie sich nicht‘, gab sie ihrer Befürchtung Ausdruck.
‚Keine Sorge‘, beruhigte Fleck sie. ‚Selbst, wenn sie nicht mehr weiß, wo sie ist, weiß sie immer, wo Du bist und kann zu uns zurückkehren. Sie hat zu Dir eine enge Bindung, auch wenn Du diese nicht fühlen kannst.‘
‚Es wäre so viel einfacher, wenn ich ein Tiermagier wäre‘, äußerte Teese einen gewissen Frust über eben diese Tatsache.
‚Nicht unbedingt.‘ Fleck sah zu Teese auf. ‚Drachen sind schwer zu verstehen. Magister Nabi hat nur schon sehr viele Jahrzehnte Erfahrungen mit ihnen, dass es ihr so leicht fällt.‘ Das Seelentier zögerte. ‚Und sie ist eine sehr… talentierte Magierin.‘
‚Seth versteht Nanu auch‘, hielt Teese dagegen.
‚Ja, aber nicht so, wie Du Dir das vorstellst.‘
Teese seufzte stumm, verzichtete aber auf eine Erwiderung. Sie konnte es ohnehin nicht ändern. Aber es gefiel ihr einfach nicht. Nanu war ihr Drache. Doch konnten Magister Nabi und Seth sie verstehen und Yophus war mit ihrem Drachen sogar verbunden. Nur für Teese war Nanu nicht mehr wie ein intelligentes Tier, dessen Gedanken und Gefühle für sie verschlossen blieben.
Teese sah Nanu hinterher, bis der Drache aus ihrer Sicht verschwand, was nicht allzu lange dauerte. Ihr wurde bewusst, dass selbst wenn sie Nanu nicht sehen konnte, der Drache schnell wieder bei ihnen sein konnte. Sie flog schneller als man es von einem geflügelten Tier dieser Größe erwarten sollte. Vermutlich flog sie mit Magie.
Nachdem der Drache im Grau des Himmels verschwunden war, wandte Teese notgedrungen ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. Ro ruderte zügig und Thorhafen kam schnell näher. Die Anlegestelle war nach wenigen Minuten erreicht. Länger hätte es mit einem der Ruderer, welche die Strecke jeden Tag mehrmals zurücklegten, auch nicht gedauert.
An der Anlegestelle vertäute Ro das Boot. Teese schulterte ihren Rucksack und folgte Ro über eine steinerne Treppe hinauf und hinein in das morgendliche Treiben des Hafens. Teese hatte schon vom Boot aus überrascht festgestellt, dass in Thorhafen schon sehr viele Leute auf den Beinen waren, während in Weltenei die meisten noch schliefen.
Kisten wurden aus kleinen Schiffen ausgeladen. Es roch nach Fisch und Holzfeuer. Direkt am Ende der Treppe saßen drei ältere Jungen zusammen und flickten Netze. Ein dicklicher Mann in einem dunkelgrünen Umhang feilschte lautstark mit einem Fischer um den Preis für mehrere Kisten, die randvoll mit kleinen Garnelen waren.
Ro ignorierte all dies und wurde im Gegenzug ebenso wie Teese ignoriert. Es war offenkundig, dass hier jeder Besseres zu tun hatte, als ihnen irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Ohne ihre schwarzen Roben sahen Ro und Teese nicht nach Magiern aus. Sie waren für die Menschen hier Nichtmagier wie sie selbst.
Durch das frühmorgendliche Gedränge des Hafens eilte Teese Ro hinterher, bevor sie den Magier aus den Augen verlieren konnte. Ihr Weg führte sie vom Hafen in eine Gasse mit hohen Häusern, welche unten aus grauen Steinen bestanden und weiter oben in verschränkte Holzbalken mündete, zwischen welchen kleine aber sehr lange Fenster eingelassen worden waren.
Die Häuser hätten ihrer Mutter gut gefallen, ging es Teese durch den Kopf. Sie mochte alte Fachwerkhäuser, auch wenn diese hier nicht so alt waren wie ihre Gegenstücke in der alten Welt. So wie Thorhafen aussah, baute man in der neuen Welt noch immer so wie in der alten vor vielen Hunderten von Jahren.
Es verwunderte Teese wenig, gab es hier doch keine modernen Techniken. Betonfassaden oder Glasbausteine gab es hier ebenso wenig wie Straßen aus Asphalt, Ampeln oder Autos. Die neue Welt schien einfach auf dem Stand stehen geblieben zu sein, der in der alten Welt bei der Trennung der Welten geherrscht hatte.
Teese war nicht ganz klar, warum dem so war. Immerhin kamen immer noch neue Magier wie sie selbst hierher. Sicher konnte man doch die neuen Techniken ebenfalls hierher bringen. Warum also war alles so furchtbar altmodisch?

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