Aufbruch ins Unbekannte (12/18)

Posted on Mai 28, 2012

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„Ich bin fertig“, erklärte sie das Offensichtliche.
Für Ro war es anscheinend der Befehl, sich zu erheben und Teese schob ebenfalls ihren Stuhl zurück. Magister Nabi griff sich den Rucksack und hielt ihn Teese, damit sie in die Riemen schlüpfen konnte. Als könne Teese das nicht alleine tun, hängte die Magister ihr die Umhängetasche über und setzte Fleck hinein.
„Viel Spaß auf Deiner Reise“, wünschte die Magister. „Und pass gut auf Ro auf.“
„Äh.“ Teese wurde von dieser unerwarteten Aufforderung ein wenig aus der Bahn geworfen. „Sicher“, sagte sie dann aber. „Mache ich.“
Als könne Ro nicht selbst auf sich aufpassen. Er war ein erwachsener Mann. Er konnte vielleicht nur eingeschränkt Magie wirken, aber er konnte hervorragend mit dem Schwert umgehen. Besser als Magister Pim. Teese hatte die beiden inzwischen oft genug miteinander trainieren sehen, um das erkennen zu können.
‚Beobachte sorgfältig, was Du siehst.‘ Dekan Ezzo machte von der gerade neu erworbenen Fähigkeit Gebrauch, mit Teese in Gedanken zu reden. ‚Wir werden nach Deiner Rückkehr mehrere Stunden ausführlich darüber sprechen.‘
Teese unterdrückte die Lustlosigkeit in ihren Gedanken. ‚Ich werde gut aufpassen, Dekan.‘
Hätte sie die Auswahl, jetzt zu gehen oder hier zu bleiben. Sie würde hier bleiben. Sie wollte nicht mit Ro zusammen reisen. Er würde mit ihr Schwertkampf trainieren und sie in Magie unterrichten. Jedenfalls hatte sie wohl deshalb die ganzen Bücher in ihrem magischen Tuch dabei. Die Reise würde nicht ungefährlich werden. Und dann wollte Dekan Ezzo im Anschluss daraus auch noch mehrere Unterrichtseinheiten machen.
„Eine gute Reise, Dekananwärterin Teese“, setzte der Dekan für alle im Raum hörbar hinzu.
„Danke, Dekan“, erwiderte Teese.
Sie sah über ihre Schulter zur Tür in den Garten. Nanus Schatten war dort noch immer zu erkennen.
„Wir gehen, Nanu“, sagte sie laut.
Der Berg im Garten bewegte sich und Nanu trottete vom Haus weg. Gegen die heraufziehende Morgendämmerung zeichneten sich die Libellenflügel ab, als Nanu ihre Flügel ausbreitete. Das tiefe Surren war selbst durch die geschlossene Tür zu hören.
Teese folgte Ro durch die Haustür in das erste Licht des Tages, das sich als zartes Hellblau und Rosa am Horizont abzeichnete. Kalte Morgenluft begrüßte Teese auf der Gasse, die sich um Weltenei wand wie die Schlange um die Weltkugel auf dem Mosaik im Atrium des Dekanats.
Mit einem kurzen Blick versicherte sich Teese, dass Nanu über ihnen kreiste und eilte dann Ro hinterher, der mit schnellen Schritten den Inselberg hinunter lief. Die schwarz-weiße Elster, sein Seelentier, flog zielstrebig nach unten zur Mole und verschwand für kurze Zeit aus Teeses Blickfeld.
Allerdings war es bis zur Mole von Magister Nabis Haus nicht weit. Ro und Teese passierten Lorphitals Gasthaus, durch dessen halboffene Tür Licht auf das Kopfsteinpflaster der Gasse fiel.
Durch den gemauerten Torbogen verließen sie den durch massive Mauern geschützten Bereich Welteneis und somit den Teil, der für Teese den Inselberg ausmachte. Hier außerhalb gab es nur das Schwimmbecken, zu welchem rechts ein Weg führte und das Pförtnerhaus, das praktisch außerhalb Welteneis lag.
Teese fragte sich zum ersten Mal, ob es dafür einen Grund gab. Von der dicken Festungsmauer, welche die Basis von Weltenei umgab, stand das kleine Häuschen ein gutes Stück entfernt. So als gehöre es nicht dazu. Ob es etwas damit zu tun hatte, dass dort die Dinge der Magier untergebracht waren, die nicht in diese Welt gehörten?
Teese war versucht, Ro danach zu fragen. Allerdings war sie sich sicher, dass sie wenn überhaupt nur eine kurz angebundene und unwillige Erklärung bekommen würde und darauf hatte sie nun auch keine Lust.
Er hatte noch nicht ein Wort mit ihr gesprochen, seit er Magister Nabis Haus betreten hatte. Fast hatte Teese den Eindruck als würde er sie ignorieren oder es zumindest versuchen. Vermutlich hatte er genauso wenig Lust, dass sie ihn begleitete wie sie darauf hatte, mit ihm zu reisen.
Teese schrak zusammen, als die Elster nahe ihres Kopfes an ihr vorbei segelte und auf einem der Ruderboote landete, die an der Mole befestigt waren. Es war ablaufendes oder auflaufendes Wasser und die Boote lagen tief unten an der Mole.
Über eine Leiter mussten Teese und Ro nach unten in das erste Boot klettern. Von dort liefen sie über Planken von Boot zu Boot bis sie zum letzten kamen.
„Stelle den Rucksack in die Mitte“, brach Ro kurz angebunden das Schweigen.
Er selbst streifte sein Reisegepäck ab und nahm im vorderen Teil des Bootes Platz. Während er die Ruder in die Riemen schob, stellte Teese eilig ihren Rucksack ins Boot und setzte sich ihm gegenüber.
Die Umhängetasche, in der Fleck saß, schob sie auf ihre Knie. Das gefleckte Kaninchen steckte seinen Kopf aus der Tasche und sah wie Teese aufs Meer hinaus, als Ro sich in die Riemen legte und sie nach Thorhafen ruderte.

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