Aufbruch ins Unbekannte (11/18)

Posted on Mai 25, 2012

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„Schönen guten Morgen“, grüßte Magister Nabi unvermittelt in hervorragende Laune ausbrechend.
Ro sah nicht im Geringsten so aus, als würde er diesen Morgen als schön oder gut empfinden. Er sah so missmutig drein, wie Teese es von ihm gewohnt war. Sein dunkler Umhang und der Rucksack, den er geschultert trug, wirkten zudem recht düster. Das von ihm erwiderte „Guten Morgen“ klang in Teeses Ohren steif und äußerst distanziert.
Er ging zügig an der Magister vorbei und kam zum Tisch. Sein Blick streifte nur kurz Teese, um dann auf Dekan Ezzo zu verharren. „Guten Morgen, Dekan.“
Dekan Ezzo hatte bei seinem Eintreten zu Ro hinüber gesehen und machte nun eine einladende Handbewegung zu dem freien Stuhl, der links von ihm und somit rechts von Teese stand und auf dem normaler Weise Magister Nabi saß, wenn sie alle zusammen aßen.
„Guten Morgen, Ro. Nimm Platz. Wir sind sofort soweit.“
Ro kam beinahe widerwillig näher.
„Tee?“, flötete Magister Nabi in seinem Rücken.
Teese schaffte es mit viel Disziplin einen starren Gesichtsausdruck zu bewahren. Sie hatte noch nicht allzu oft die Gelegenheit gehabt, Magister Nabi und Ro zusammen zu sehen, aber immer wenn das der Fall war, hatte sie ein wenig den Eindruck, Magister Nabi würde es darauf anlegen, Ro irgendwie zu ärgern, indem sie besonders zuvorkommend zu ihm war. So als würde sie ihn necken. Nur, dass er sich nicht necken ließ. Ein Spielverderber.
„Nein, danke“, lehnte Ro wie erwartet ab.
Während er Platz nahm, galt sein Blick der kleinen Kiste, die direkt vor dem ihm zugewiesenen Stuhl auf dem Tisch stand. Teese konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Dekan die Kiste mit Absicht dort hingestellt und Ro dort hatte Platz nehmen lassen. Und der Eindruck hatte sie nicht getäuscht.
„Es sind dieses Mal nur elf Aura-Kugeln“, sagte Dekan Ezzo. „Ich habe kurzfristig eine für andere Zwecke benötigt.“
Ro öffnete die Schachtel und Teese konnte in ihr zwölf Vertiefungen erkennen. In elf von ihnen lagen leere Aura-Kugeln. Als Teese sie sah, fiel bei ihr endlich der Groschen. Jetzt wusste sie, warum ihr die kleine Kiste so vertraut vorgekommen war. In einer solchen Schatulle hatte Magister Nabi Liina, Fenn, Seth, Rinnir und ihr ihre Aura-Kugeln an jenem ersten Abend in der Taberna Akademika gegeben.
Doch im selben Augenblick als Teese ein Licht aufging, war sie auch gleich wieder ratlos. Wozu benötigte Ro Aura-Kugeln? Wollte er sie mit auf ihre Reise nehmen? Wofür? In ihre Aura-Kugel hatte Teese damals ihre erste Magie gegeben. Sie war das Herz ihres Seelentiers und lag heute tief verborgen in Flecks Inneren.
Doch Ro würde kaum ein Seelentier aus diesen Kugeln fertigen wollen. Immerhin besaß er ein Seelentier, in welchem seine ursprüngliche Aura-Kugel steckte, wenn auch eine sehr leere Aura-Kugel, wie Teese wusste.
Davon abgesehen hatte jeder Magier nur ein Seelentier. Es waren aber elf Kugeln. Wozu also?
Ro überzeugte sich nur kurz davon, dass die Kugeln in der Schachtel waren und schloss diese dann wieder. „Elf werden sicherlich genügen“, sagte er.
„Sicherlich, sagte Dekan Ezzo.
Magister Nabi stellte eine Tasse dampfenden Tee rechts neben die Kiste. Ro ignorierte sowohl die Tasse als auch die Magister.
Teese hingegen sah Magister Nabi nach, als diese zurück zur Küchenzeile ging. Sie lehnte sich rückwärts gegen die Spüle und sah zu den Dreien am Tisch. Als ihr Blick den von Teese kreuzte, lächelte die dunkelhäutige Magister und zwinkerte Teese zu.
„Gibt es noch etwas, was vor dem Aufbruch zu klären wäre?“
Ro hatte das Wort erneut ergriffe und diese Frage wohl an Dekan Ezzo gestellt.
Als Teese ihre Aufmerksamkeit dem Dekan zuwandte, bemerkte sie, dass er ebenfalls zu Magister Nabi gesehen hatte. Sein Gesichtsausdruck war allerdings so neutral, dass Teese nicht ausmachen konnte, was er gerade dachte – so wie meistens.
„Von meiner Seite gibt es nichts Weiteres“, antwortete der Dekan. „Sobald Dekananwärterin Teese ihren Grießbrei gegessen hat, solltet Ihr aufbrechen können.“
Um Ros Mundwinkel zuckte es kurz verdächtig und er sah mit gerümpfter Nase zu Teese, die sich beeilte, sich wieder ihrem Frühstück zu widmen. Sie fragte sich, ob Ro die Tatsache missfallen hatte, dass sie immer noch nicht fertig war oder ob es nicht doch eher der Titel Dekananwärterin war, den Dekan Ezzo ein wenig stärker betont hatte als vermutlich nötig. Vielleicht war es beides zusammen.
Teese beeilte sich jedenfalls, ihren Teller zu leeren und ihr Frühstück mit den Resten ihres Kakaos hinunter zu spülen.

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