Aufbruch ins Unbekannte (10/18)

Posted on Mai 21, 2012

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Als der Dekan seine Hände zurückzog, war Teeses Magiespeicher genauso voll wie zuvor. Aber sie wusste, dass es seine Magie war, die in ihr war, während ihre in ihm war.
‚Nun?‘, wollte seine Stimme in Teeses Kopf wissen. ‚Verstehst Du mich nun?‘
‚Ja‘, erwiderte Teese. „Es ist ganz einfach.“ Sie zögerte. „Nur…‘
‚Nur?‘
‚Warum macht das nicht jeder mit jedem hier?‘ Teese musste daran denken, wie oft sie versucht hatte mit Liina in Gedanken zu sprechen. ‚Es gibt so viele Leute, die ich nicht verstehen kann oder die mich nicht verstehen. Warum…‘
‚Warum meinst Du, jeder müsse mit jedem in Gedanken sprechen können?‘, stellte der Dekan die Gegenfrage. ‚Du siehst alle diese Leute jeden Tag. Wenn Du mit ihnen reden möchtest, kannst Du zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen, oder?‘
Darüber hatte Teese noch gar nicht nachgedacht. In Gedanken zu reden war für sie eine fortschrittliche Form der Kommunikation. Und daher hatte sie gedacht, jeder wolle diese Fähigkeit beherrschen. Immerhin übten sie es doch bei Magister Elgin.
‚Kannst Du Dir vorstellen‘, fuhr der Dekan fort, ‚wie es ist, wenn Du zu jeder Zeit an jedem Ort von jedem erreicht werden kannst? Vielleicht arbeitest Du gerade etwas, schreibst einen Aufsatz oder liest ein spannendes Buch und dann stört Dich jemand nichtsahnend mit einer banalen Frage, die Du auch später hättest beantworten können.‘
Teese wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. So hatte sie das noch nie gesehen. Vermutlich war das so ein wenig wie bei einem Telefon, das nicht klingelte, sondern an das man jedes Mal automatisch ranging, ohne dass man vorher gefragt wurde. Ihre Mutter schimpfte oft, dass man vor lauter Anrufen an manchen Tagen zu nichts kam. Musste sie sich das so vorstellen?
‚Davon abgesehen kostet Gedankenrede Kraft, wie Du wissen solltest‘, fügte Dekan Ezzo hinzu. ‚Man sollte sie nur verwenden, wenn es wirklich nötig ist und dann kannst Du immer Deine Freunde erreichen und jeder Magister kann mich erreichen und ich jeden Magister.‘
Teese nickte verstehend. Seine Argumente waren einleuchtend. Trotzdem war es ein wenig enttäuschend. Jetzt war sie schon eine Magierin und musste sich bei solch spannenden Dingen einschränken.
„Und nachdem das jetzt geklärt wäre“, mischte sich unvermittelt Magister Nabi mit laut gesprochenen Worten ein. „Sollte Teese ihren Grießbrei essen, bevor er kalt wird. Ro wird nun auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.“
Sie kam zum Tisch und füllte den Grießbrei, der entgegen ihrer Worte kochend heiß war, in Teeses Teller. Ihr Blick glitt nachdenklich zu der kleinen Kiste, welche Dekan Ezzo mitgebracht hatte, und die noch immer auf dem Tisch stand.
„Einen Tee während wir warten?“, wollte sie wissen und man konnte den Eindruck gewinnen, sie würde das Kistchen fragen und nicht den Dekan.
Dekan Ezzo lehnte sich Teese gegenüber in seinem Stuhl zurück. „Gerne.“
Magister Nabi ging zurück zum Herd und nahm von dem Regal darüber zwei Tassen, in welche sie Wasser aus der Leitung gab. Weder kochte sie es, noch fügte sie irgendwelchen Tee hinzu. Teese hatte das bereits mehrmals gesehen und doch fand sie es immer wieder faszinierend.
Magister Nabi setzte keine Magie ein. Die Tassen waren objektmagische Gegenstände. Es waren Teetassen im wahrsten Sinn des Wortes. Egal, was man in sie füllte, es wurde zu Tee.
Eine der zwei dampfenden Tassen stellte Magister Nabi vor den Dekan auf den Tisch, die andere behielt sie in der Hand und ging zum Fenster zum Garten. Anscheinend gedankenverloren, sah sie in die Morgendämmerung.
Teese löffelte ihren Grießbrei, der Dekan trank seinen Tee. Niemand sprach, was Teese etwas seltsam fand. Man saß nicht einfach zusammen und schwieg. Eigentlich hatte Teese erwartet, Magister Nabi würde wie ein Wasserfall über irgendwelche unzusammenhängenden Dinge reden, wie es ihre Art war, aber anscheinend zog sie es in Dekan Ezzos Gegenwart vor zu schweigen.
Allerdings dauerte dieser Zustand nicht allzu lange an, denn während Teese die letzten Löffel ihres Frühstücks vertilgte, kam Ro an. Magister Nabi öffnete ihm, bevor Teese draußen Schritte hatte hören können oder ein Klopfen.
Sie fragte sich unvermittelt, von wo Ro kam. Den Inselberg hinunter? Oder den Inselberg hinauf? Wo wohnte der Magier mit der weißen Schärpe eigentlich? Würde man dem namenlosen Dekan ein Haus auf Weltenei zugestehen? Oder lebte er wie die älteren Studenten im Magieturm? Teese fand beide Vorstellungen seltsam.
Sie überlegte kurz, ob Ro vielleicht sogar auf dem Festland lebte, aber das würde bedeuten, dass er jeden Abend Weltenei verlassen würde und das hatte Teese noch nicht gesehen.

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